Deutschland hat ein Problem mit Niedrigwasser: Steffen Bilger lädt zum Krisentreffen nach Bonn
Angesichts der extrem niedrigen Pegelstände in Deutschlands Flüssen fordern Industrie- und Schifffahrtsverbände von der Bundesregierung konkrete Schritte. »Die Niedrigwasser-Konferenz in Bonn muss den Startschuss für die beschleunigte Umsetzung der punktuellen Rheinvertiefungen geben«, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Holger Lösch. Das erhöhe die Transportkapazitäten auch bei Niedrigwasser, sagte er der »Rheinischen Post«. Auch der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt forderte konkrete Maßnahmen vom Bund. »Unsere Erwartungen an die Gespräche zum Niedrigwasser sind groß«, sagte Geschäftsführer Jens Schwanen der Zeitung. »Es wird allerhöchste Zeit, dass die Bedeutung der Flüsse und Kanäle für den Wirtschaftsstandort Deutschland erkannt und in der Priorität hochgesetzt wird.« Schwanen kritisierte zugleich die bisherige Verkehrspolitik in Deutschland: »Der Ausbau von Mittel- und Niederrhein steht seit 1992 im Bundesverkehrswegeplan als sogenannter vordringlicher Bedarf. Es ist beschämend, dass der Bund sich also seit 34 Jahren vornimmt, etwas für die Güterschifffahrt und ihre Kunden zu tun, ohne dass allzu viel passiert ist.« Der Bundesverband Öffentlicher Binnenhäfen (BÖB) hält kurzfristig mehrere Sofortmaßnahmen für umsetzbar, um die Lage zu verbessern. So liefen etwa viele Verkehre über das Westdeutsche Kanalgebiet. »Damit es dort nicht zu Staus kommt, sollten die Schleusen auf einen 24-Stunden-Betrieb umgestellt werden«, sagte Geschäftsführer Marcel Lohbeck der Nachrichtenagentur dpa. Wegen der niedrigen Wasserstände können Transportschiffe nur noch sehr wenig Ladung aufnehmen, damit sie nicht auf Grund laufen. Sie müssen daher häufiger fahren, was Mehrkosten bedeutet (mehr dazu, wie stark die Dürre die Spritpreise erhöhen könnte, erfahren Sie hier ). »Das Niedrigwasser stellt die Binnenschifffahrt, die Industrie und damit die gesamte Logistikkette vor große Herausforderungen«, sagte Bilger dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Die Wasserstraßen müssten widerstandsfähiger gegen extremes Niedrigwasser gemacht werden. Und: Es solle nicht nur bei einem Treffen bleiben. Etabliert werden solle ein »fester Austausch« mit den betroffenen Akteuren. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, dass bei dem Treffen keine Umweltorganisationen vertreten seien. Dies zeige, dass sich die Bundesregierung nur auf die akuten wirtschaftlichen Folgen der niedrigen Pegelstände konzentriere, erklärte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. »Dabei verkennt sie die eigentlichen Probleme: Wir müssen mehr Wasser in den Flächen halten, Wasserentnahmen reduzieren und unsere Flüsse klimaresilient machen. Nur so können die Folgen der Trockenheit begrenzt werden.« Die niedrigen Flusspegel sind nach Ansicht des BUND kein kurzfristiges Wetterphänomen, sondern Symptom der Klimakrise. Die frühere Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) forderte derweil grundsätzliche Konsequenzen im Umgang mit Deutschlands Flüssen. Deutschland werde »systematisch entwässert – selbst in Zeiten von Dürre«, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das geschehe »durch Tausende Kilometer von Entwässerungsgräben beziehungsweise Rohren, das Trockenlegen von Feuchtgebieten aller Art und die teils jahrhundertealten Baumaßnahmen an Flüssen, um diese zu regulieren und nutzbar zu machen«. »Die Lage ist gravierend – wenn auch mit lokalen Unterschieden«, sagte Lemke. Es müsse jetzt darum gehen, das Wasser in der Landschaft zu halten und die natürliche Speicherfähigkeit zu erhöhen. »Auen und Feuchtgebiete müssen wieder hergestellt sowie Entwässerungsgräben und Rohre zurückgebaut werden.« Zudem müssten industrielle Wasserentnahmen reguliert und die Versiegelung in Städten zurückgedreht werden.