Deutschland im wirtschaftlichen Aufschwung? Ökonom mit klaren Worten
Kritik an Energiepolitik "Das war ein großer Fehler" Von Jakob Hartung Aktualisiert am 20.08.2026 - 17:24 UhrLesedauer: 4 Min. Die deutsche Wirtschaft wächst wieder, doch bei den Energiepreisen sieht einer der bekanntesten Ökonomen des Landes die Bundesregierung auf dem falschen Weg. Top-Ökonom Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, warnt vor falschem Optimismus mit Blick auf die jüngsten Wirtschaftsdaten. "Aufschwung ist ein starkes Wort", sagt er im Gespräch mit t-online. Von einem Aufschwung könne man erst sprechen, wenn sich Produktion und Wertschöpfung kräftig und dauerhaft nach vorn bewegten. Was die Daten zeigten, sei lediglich eine Stabilisierung. Tatsächlich fielen die letzten Wirtschaftszahlen durchweg positiv aus. Das Konjunkturbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stieg im August zum vierten Mal in Folge, um 7,9 Punkte auf 34,2 Zähler. Die deutsche Wirtschaft ist im Frühjahr das dritte Quartal in Folge gewachsen; im Juni exportierten Unternehmen so viele Waren wie noch nie in einem einzelnen Monat. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben ihre Wachstumsprognose daraufhin von 0,5 auf 1,0 Prozent verdoppelt. Firmensterben in Deutschland: Viele Gastwirte geben auf Baumarktkette wird zerschlagen: Verkauf einzelner Filialen Was für einen Aufschwung noch fehlt Doch Hüther gibt zu bedenken: "Es ist noch zu früh zu sagen, dass das auch so bleibt." In den vergangenen Jahren habe die Wirtschaft mehrfach Anlauf genommen – und sei dann jedes Mal wieder zurückgefallen. Auch das ZEW-Barometer relativiert er: Vor dem Iran-Krieg habe der Wert fast doppelt so hoch gelegen. Der Anstieg führe also aus einem Tief heraus, nicht auf ein neues Niveau. Erst wenn sich auch die Stimmung in den Unternehmen und im Einzelhandel dauerhaft bessere, sei mehr als eine Momentaufnahme erreicht. Hüther über Niedrigwasser: Firmen sind robuster als gedacht Bemerkenswert findet Hüther dennoch, dass die Wirtschaft die Folgen des Krieges in der Ukraine, im Nahen Osten sowie die Blockade der Straße von Hormus besser wegsteckt als erwartet. Das liege auch am relativ stabilen Ölpreis, erklärt der Ökonom. Dieser ist nach dem Beginn des Krieges im Nahen Osten zwar zeitweise auf mehr als 100 US-Dollar pro Barrel geklettert, hat sich aber seitdem bei rund 80 Dollar eingependelt. Dafür sei auch China verantwortlich, die Volksrepublik trete am Ölmarkt derzeit stabilisierend auf. Auch mit Blick auf das Niedrigwasser und die niedrigen Pegelstände am Rhein sieht Hüther kein großes Risiko für die hiesige Wirtschaft. Unternehmen hätten aus früheren Sommern gelernt und Transporte auf andere Binnenschiffe und auf Lastwagen verlagert, so der Top-Ökonom. Eine weitere Erklärung liegt für Hüther in der Krise selbst. Nach Jahren der Stagnation seien viele Unternehmen aus dem Markt ausgeschieden, im verarbeitenden Gewerbe und besonders in der Elektro- und Chemieindustrie seien Arbeitsplätze weggefallen. "Da hat sich auch schon viel bereinigt", sagte er. "Die übrig gebliebenen Unternehmen sind robuster aufgestellt." Andere Ökonomen rechnen mit Rückschlägen Ob die Wirtschaft das Niedrigwasser tatsächlich so leicht wegsteckt, bezweifeln andere Ökonomen jedoch. Das Beratungsunternehmen Oxford Economics rechnet damit, dass die niedrigen Pegelstände das Wachstum im dritten Quartal drücken und die Wirtschaft im Sommer schrumpfen könnte. Auch das Bundeswirtschaftsministerium warnt in seinem aktuellen Monatsbericht vor Materialengpässen vor allem in der Mineralöl-, Chemie-, Bau- und Stahlindustrie. Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Bank Bethmann HAL, hält auch den Anstieg des ZEW-Index für erklärungsbedürftig: "Angesichts der Stimmungskiller Rekordhitze, Niedrigwasser und Ernteausfälle überrascht der Indexanstieg." Steigende Transportkosten und längere Wege bremsten die Industrie. "Es ist daher fraglich, ob der Stimmungsanstieg halten wird." Auch ZEW-Präsident Achim Wambach nennt die niedrigen Pegelstände ein "akutes zusätzliches Risiko für die Konjunktur". Was der Staat beiträgt – und was fehlt Entkräften die positiven Zahlen die Forderung nach schmerzhaften Strukturreformen? Das verneint der Direktor des arbeitgebernahen Wirtschaftsinstituts deutlich. Das Potenzialwachstum – also das Tempo, das die deutsche Wirtschaft bei normaler Auslastung dauerhaft erreichen kann – liege bei etwa 0,5 Prozent. Hauptursache für die relative Schwäche sei die alternde Bevölkerung. "Wir können uns jetzt nicht zufriedengeben, nur weil die Konjunkturindikatoren einige Monate lang eine positive Entwicklung zeigen." Von der Bundesregierung erwartet Hüther deshalb mehr: "Sie muss liefern." Hüther rät der Bundesregierung auch, sich bei den Energiepreisen ehrlich zu machen. Steigende Preise auf den Weltmärkten bedeuteten einen Wohlstandsabfluss ins Ausland. Den könne keine Regierung ausgleichen, nur die Lage der ärmsten Haushalte lasse sich abfedern. Das müsse die Politik den Bürgern auch so sagen: "Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar." Als Gegenbeispiel nennt er den Tankrabatt, der Ende Juni auslief, sodass pünktlich zum Ferienbeginn die Preise wieder stiegen: "Das war ein großer Fehler." Reallöhne steigen, Jobsicherheit sinkt Die Erholung kommt laut Hüther nur teilweise bei den Menschen an. Die Reallöhne könnten zwar wieder steigen, wenn die Produktivität Luft schafft. Zugleich habe die Sicherheit des Arbeitsplatzes gelitten: Die Zahl der Arbeitslosen hat die Marke von drei Millionen überschritten. Viele Unternehmen hätten bis 2019 wegen des Fachkräftemangels bewusst mehr Personal gehalten, als sie brauchten – bei schwacher Auslastung sei das nicht mehr tragbar gewesen. Wie es weitergeht, hängt für Hüther vor allem an Europa. Die Exporte trugen die Stabilisierung im ersten Halbjahr, gewachsen sind sie aber vor allem Richtung EU und Großbritannien, während der Anteil der USA zurückging. Der Ausbau des europäischen Binnenmarkts sei damit das eigentliche Konjunkturprogramm – und dort sieht er die Bundesregierung schlecht aufgestellt: "Klagen über Bürokratie in Brüssel ist noch kein Weg nach vorn."