Die fäkale Revolution: Wie Kot die Artenvielfalt im Kambrium befeuerte
Nährstofffeuerwerk Kot als Evolutionsfaktor: Die "fäkale Revolution" fand vor 540 Millionen Jahren statt Stand: 04.08.2026 17:20 Uhr Vor über 500 Millionen Jahren erlebte die Erde eine rasante Zunahme der Artenvielfalt: Die kambrische Explosion. Bisher galten vor allem Sauerstoffanstieg und genetische Innovationen als Haupttreiber. Ein Forschungsteam schlägt nun einen verblüffenden Faktor vor: Kot. Die Entwicklung komplexer Verdauungssysteme könnte über nährstoffreiche Fäkalien ein "Nährstofffeuerwerk" gezündet haben – mit Folgen für das gesamte Ökosystem. von MDR WISSEN/ IZ Vor etwa 541 bis 485 Millionen Jahren gab es auf der Erde eine rasante Zunahme der Artenvielfalt. Innerhalb weniger Millionen Jahre entstanden fast alle großen modernen Tierstämme und komplexe Körperbaupläne. Sinnesorgane wie die ersten Augen entstanden. Forschende untersuchen bereits länger, warum es genau zu diesem Zeitpunkt der Evolution eine sogenannte "Explosion" der Arten gab. Ein Faktor, den man in diesem Zusammenhang noch nicht auf dem Schirm hatte, könnte zentral gewesen sein: Fäkalien. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) argumentiert nun im Journal Trends in Ecology and Evolution, dass man die Rolle des Kots in der Evolutionsgeschichte möglicherweise bisher vernachlässigt habe. Zeitlich vor der Explosion der Arten im Kambrium stand möglicherweise die Evolution der Verdauungssysteme. Denn zu Beginn der Epoche wurden die Verdauungssysteme der Tiere komplexer. Es entstanden etwa Magen-Darm-Trakte mit spezialisierten Abschnitten. Parallel dazu gibt es in dieser Epoche den ersten Nachweis für Kot überhaupt. Dabei handelt es sich um sogenannte Koprolithe, versteinerte fossile Exkremente. Fossile Kothaufen bringen die Forschung voran Für die Forschung sind Koprolithe wichtig, weil sie zeigen, was die Tiere einer entsprechenden Epoche gefressen haben. Diese fossilen Kothaufen können winzige Reste sein, aber es gibt auch große Exemplare mit über 60 Zentimetern Höhe. Genau solche Koprolithe haben die Forschenden nun umfassend untersucht und dabei über 35 Fundstellen miteinander verglichen. Die Bandbreite der Funde reichte von mikroskopisch kleinen Kotpellets über größere, zentimeterlange Koprolithen bis hin zu Fäkalien mit erkennbaren Resten von Schalen und anderen Tierfragmenten. Diese fossilen Kotreste geben darüber Aufschluss, dass die Verdauungssysteme im frühen Kambrium deutlich komplexer wurden. Kot lieferte ein "Nährstofffeuerwerk" Das schafft die Grundlage für etwas, das die Forschenden als die "fäkale Revolution" betiteln: Mit den neuen Verdauungssystemen wurde plötzlich sehr viel organisches Material in Form von Kot im Meer verteilt. An Land lebten damals noch keine Tiere oder Pflanzen – aber im Wasser konnten sich die zusätzlichen Nährstoffe hervorragend verteilen. Ein wahres "Nährstofffeuerwerk" entstand. Bereits dieser frühe Kot enthielt vermutlich Kohlenstoff, aber auch Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Diese Nährstoffe können von Mikroorganismen genutzt werden. Auch Mikroben, Kleintiere und andere Organismen konnten sich von den Fäkalien ernähren. Das trug zur Entstehung komplexer Nahrungsnetze bei. Durch die zusätzlichen Nährstoffe entstanden neue ökologische Nischen, was die Artenvielfalt und die Differenzierung von Lebensformen vorantrieb. Die Hypothese, dass die Ausscheidungen auf diese Art zur Explosion des Lebens im Kambrium beigetragen haben, ist noch neu. Bisher ging man eher davon aus, dass steigende Sauerstoffwerte in den Ozeanen, anderweitige Veränderungen der Umwelt oder genetische Innovationen eine Schlüsselrolle gespielt haben könnten. Diese Faktoren gelten weiterhin als relevant – aber Kot und die komplexeren Verdauungssysteme könnten ein zusätzlicher, bisher unterschätzter Motor der kambrischen Explosion sein.