DAX +1,40 % 25.817,18 Pkt 12:45:19 MDAX +0,11 % 32.278,03 Pkt 12:45:25 Euro Stoxx 50 +0,99 % 6.407,16 Pkt 12:45:15 Dow Jones -1,02 % 52.208,06 Pkt 22:56:30 S&P 500 +0,12 % 7.437,63 Pkt 22:44:35 Nasdaq +0,99 % 25.122,18 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +0,30 % 4.112,40 USD 12:50:06 Silber -1,01 % 58,22 USD 12:50:22 Brent +0,66 % 89,62 USD 12:40:35 WTI +0,78 % 84,24 USD 12:50:15 Bitcoin -1,34 % 63.859,87 USD 13:00:21 EUR/USD +0,33 % 1,15050 USD 13:00:24 EUR/GBP -0,26 % 0,85560 GBP 13:00:26 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 13:00:24 EUR/JPY -1,73 % 184,008 JPY 13:00:25

Die gute Nachricht: Im Alter ändert sich die Persönlichkeit

Wissenschaft

Eine umfassende Meta-Analyse, die Daten von fast einer Viertelmillion Menschen aus nahezu 300 früheren Studien zusammenfasste, untersuchte die Frage, ob sich die Persönlichkeit im Alter verändert. Die Ergebnisse sind in Abbildung 6-1 zu sehen. Sie zeigen: Emotionale Stabilität nimmt mit dem Alter stetig zu. Das bedeutet, dass wir im Durchschnitt entspannter und ausgeglichener werden. Da emotionale Stabilität als das Persönlichkeitsmerkmal gilt, das am stärksten mit dem allgemeinen Wohlbefinden zusammenhängt, ist das eine gute Nachricht. Menschen, die dem Leben optimistisch begegnen, sind in der Regel zufriedener und betrachten das Glas eher als halb voll statt als halb leer. Starke emotionale Stabilität, abnehmende Gewissenhaftigkeit Verträglichkeit zeigt eine relative Stabilität, nachdem sie im Jugendalter zunächst zunimmt. Offenbar werden wir nach der Pubertät tendenziell verträglicher, und dieses Muster bleibt über das gesamte Leben hinweg weitgehend erhalten. Die größten Schwankungen treten bei der Gewissenhaftigkeit auf: Diese nimmt zunächst deutlich zu, um dann ab dem 70. Lebensjahr wieder spürbar abzunehmen. Woran liegt das? Ältere Erwachsene genießen nach der Pensionierung mehr Freiheiten. Sie sind nicht mehr durch Beruf oder Kindererziehung dazu gezwungen, besonders gewissenhaft zu sein – und lassen etwas mehr Lockerheit zu. Und das ist doch eine erfreuliche Entwicklung! ANZEIGE ANZEIGE Persönlichkeit verändert sich am stärksten bis zum 25. Lebensjahr Die letzten beiden Trends entsprechen teilweise den gängigen Vorstellungen über das Alter: Extraversion und Offenheit für Neues nehmen leicht ab. Die stärksten Persönlichkeitsveränderungen geschehen bis etwa zum 25. Lebensjahr. Warum? Weil diese Phase von enormen Umbrüchen geprägt ist: Wir beginnen unseren beruflichen Werdegang, übernehmen Verantwortung und machen prägende Lebenserfahrungen. Diese Entwicklung führt zu einer allgemeinen „Reifung“ der Persönlichkeit: Wir werden emotional stabiler, gewissenhafter, verträglicher und offener. Dies wurde in zahlreichen Studien bestätigt und zeigt sich auch in dieser Analyse – wenn auch mit einer vergleichsweise geringen Zunahme der Extraversion. Diese reife Persönlichkeit scheint über das gesamte Leben hinweg relativ stabil zu bleiben oder sich sogar noch zu verstärken. Im Alter wird bewusst ausgewählt, wofür Energie verwendet wird Und dass Offenheit für Neues und Extraversion im Alter etwas nachlassen, hat gute Gründe. Mit zunehmender Lebenserfahrung gibt es schlichtweg weniger „erste Male“. Wir haben bereits viele Eindrücke gesammelt und beginnen, bewusster auszuwählen, worauf wir unsere Energie verwenden. Wir stürzen uns nicht mehr in jede neue Erfahrung, nur weil sie neu ist, sondern entscheiden gezielter, was uns wirklich guttut. Allerdings zeigt sich, dass nicht alle Menschen gleichermaßen von dieser Persönlichkeitsentwicklung profitieren. Schlechte körperliche Verfassung oder kognitive Einschränkungen können zu einem Anstieg des Neurotizismus und einer Abnahme der Extraversion führen. Dabei geht es jedoch nicht primär um die objektive Gesundheit, sondern vor allem um die funktionalen Einschränkungen, die damit einhergehen können – aber nicht zwangsläufig müssen. Eine unterstützende und verständnisvolle Umgebung kann hier einen enormen Unterschied machen. Soziales Netzwerk beeinflusst Persönlichkeitsentwicklung positiv Ähnlich spielt soziale Einbindung eine entscheidende Rolle. Starke soziale Netzwerke fördern eine positive Persönlichkeitsentwicklung, während soziale Isolation – insbesondere subjektiv empfundene Einsamkeit – unsere Persönlichkeit negativ beeinflussen kann. Menschen, die sich chronisch einsam fühlen, entwickeln oft eine negativere Sicht auf sich selbst und andere. Deshalb ist es umso wichtiger, Freundschaften und enge familiäre Beziehungen aktiv zu pflegen. Ein weiteres zentrales Element ist das Gefühl der Selbstbestimmung. Wer über seine Lebensumstände Kontrolle hat, bleibt oft stabiler in seiner Persönlichkeit. Umgekehrt kann ein Verlust an Kontrolle – etwa durch eine schwere Erkrankung oder die Einweisung in ein Altersheim – mit einem erhöhten Neurotizismus einhergehen. Daher ist es essenziell, älteren Menschen möglichst viel Autonomie zu ermöglichen und sie in ihrem Streben nach Selbstbestimmung zu unterstützen. Verändert sich die Persönlichkeit im Alter? Können wir unsere Persönlichkeit aktiv verändern? Vielleicht denken Sie jetzt: „Schön und gut, aber ich bin weder emotional stabil noch gewissenhaft oder besonders verträglich. Was nützt es mir zu wissen, dass sich die Persönlichkeit im Alter verbessert, wenn ich doch sehe, dass andere von Natur aus vorteilhaftere Persönlichkeitsmerkmale haben?“ Sind wir also dazu verdammt, unser Leben lang mit unserer Persönlichkeit zu leben, so wie sie ist? Bleiben wir immer schüchterner, pedantischer oder extravertierter als andere? Besonders bei Eigenschaften, die uns nicht unbedingt zugutekommen, etwa ein hoher Neurotizismus, wäre es doch wünschenswert, wenn wir uns aktiv verändern könnten. Auch diese Frage hat die Forschungsgruppe um Wiebke Bleidorn in ihrer Studie untersucht. Sie fragten sich: Bleiben Menschen über ihr gesamtes Leben hinweg gleich – oder können sie sich doch noch verändern? Ein gutes Beispiel hierfür sind Klassentreffen nach vielen Jahren. Erkennen wir unsere ehemaligen Schulkameraden auch nach 50 Jahren noch anhand ihrer alten Persönlichkeitsmerkmale? Oder überraschen sie uns völlig? Ist der schüchterne Peter immer noch zurückhaltender als der Rest, selbst wenn alle etwas selbstbewusster geworden sind? Ist die nervige Elisabeth nach wie vor anstrengend, auch wenn wir alle mittlerweile entspannter sind? Und was ist mit Therese, die sich schon damals um alle gekümmert hat? Ist sie immer noch die liebevolle Person, die wir kannten? In anderen Worten: Wenn man bei derselben Person ihre Persönlichkeit im Abstand von mehreren Jahren misst, behält sie dann ihre Position im Vergleich zu anderen bei, auch wenn sich alle im Durchschnitt in eine bestimmte Richtung entwickelt haben? Stabilität der Persönlichkeit steigt im jungen Erwachsenenalter an Die Antwort ist auch hier: Die größten individuellen Unterschiede entstehen im jungen Erwachsenenalter. Abbildung 6-2 veranschaulicht diese Entwicklung. Sie zeigt, ob unser Platz auf dem Spektrum der Persönlichkeitsmerkmale über die Jahre hinweg stabil bleibt oder ob sich individuelle Rangfolgen verschieben – ob wir also beispielsweise gewissenhafter werden als andere oder im Vergleich weniger gewissenhaft bleiben. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Stabilität der Persönlichkeit steigt im jungen Erwachsenenalter stark an – danach verändert sich relativ wenig. In anderen Worten: Mit 25 Jahren ist unsere Persönlichkeit weitgehend geformt. Ab diesem Zeitpunkt gibt es nur noch geringe Veränderungen – unabhängig davon, welches Persönlichkeitsmerkmal betrachtet wird. Wenn Sie also schon einmal gehört haben, dass sich Eigenarten im Alter nur noch verstärken, dann ist das nicht völlig falsch. Nur beginnt dieser Prozess nicht erst im hohen Alter, sondern bereits mit Mitte 20. Wir verhalten uns nicht immer gleich Und jetzt? Gibt es keinen Weg, die Persönlichkeit zu ändern? Doch, den gibt es. Zunächst einmal verhalten wir uns nicht immer gleich. Die Unterschiede in unserem Verhalten von Situation zu Situation sind oft größer als die Unterschiede zwischen uns und anderen Personen. Mit anderen Worten: Obwohl ich grundsätzlich eher schüchtern bin, kann es Situationen geben, in denen ich extravertierter wirke als meine Tante Bertha, die normalerweise nie um ein Wort verlegen ist. Umgekehrt gibt es vielleicht Momente, in denen selbst Tante Bertha verstummt (auch wenn ich das persönlich noch nie erlebt habe). Wenn wir unser Verhalten über verschiedene Situationen hinweg betrachten, zeigt sich, dass es sich um eine Normalverteilung, um unsere durchschnittliche Persönlichkeitsausprägung handelt (siehe Abb. 6-3). Obwohl meine Tante Bertha im Extraversions-Spektrum deutlich weiter rechts liegt als ich, gibt es ungefähr 30 % der Situationen, in denen wir uns ähnlich verhalten. Für mich bedeutet das, dass ich mich dann deutlich extravertierter verhalte als sonst, während Tante Bertha sich für ihre Verhältnisse eher zurückhaltend zeigt. In unterschiedlichen Situationen verfolgen wir unterschiedliche Ziele Warum verhalten wir uns in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich? Vermutlich ahnen Sie es bereits: Es gibt Umstände, die nahezu jeden dazu einladen, extravertierter zu sein. Bei einem guten Freund können wir besonders offen und gesprächig sein. Aber in einer schwierigen Prüfung fühlen wir uns eher eingeschüchtert. Laut Theorie verfolgen wir in unterschiedlichen Situationen auch unterschiedliche Ziele. Wenn wir beispielsweise in eine neue Stadt ziehen und neue Leute kennenlernen wollen, müssen wir zwangsläufig aus unserer Komfortzone heraustreten und uns offener verhalten. Warum ist das wichtig? Weil es zeigt, dass wir durchaus in der Lage sind, unser Verhalten und damit auch unsere Persönlichkeit aktiv zu beeinflussen, je nach Situation und unseren momentanen Zielen. Man kann seine Persönlichkeit gezielt verändern Diesen Ansatz macht sich ein neuerer Trend in der Persönlichkeitspsychologie zunutze. Die Forschung zeigt, dass man seine Persönlichkeit gezielt verändern kann, wenn man sich das bewusst vornimmt – und zwar nicht nur so, dass man es selbst merkt, sondern so, dass es auch für andere sichtbar wird. Es gibt sogar eine App namens „PEACH“ (PErsonality CoACH), die genau darauf abzielt. Sie hilft Nutzerinnen dabei, durch gezielte Übungen und Reflexion ihre Persönlichkeit in eine gewünschte Richtung zu entwickeln. Man kann seine Persönlichkeit verändern, indem man die Diskrepanz zwischen aktueller und gewünschter Persönlichkeit erkennt, seine Ressourcen – eigene Stärken und soziale Unterstützung – aktiviert und gezielt im Alltag die neuen Verhaltensweisen übt. Studien zeigen, dass diese Veränderungen noch drei Monate später messbar sind. Wie nachhaltig solche Interventionen langfristig sind, bleibt noch zu erforschen. Doch eines machen sie deutlich: Wir sind unserer Persönlichkeit nicht einfach ausgeliefert. Veränderung ist möglich – wenn wir sie aktiv gestalten. Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Die sieben Mythen des Alterns“ von Christina Ristl und Jana Nikitin. Es erschien am 13. Juli im Hogrefe Verlag.

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