Die meisten Badetoten dieses Sommers sind Männer. Was das mit toxischer Männlichkeit zu tun hat.
Ein 20-jähriger Mann will sich nach einer abendlichen Joggingrunde kurz im Rhein-Herne-Kanal abkühlen. Nach wenigen Minuten ruft er um Hilfe. Einsatzkräfte können ihn nur noch tot bergen. In Gelsenkirchen gehen innerhalb weniger Tage drei Männer an Stellen baden, die nicht freigegeben sind. Alle drei sterben. In Düsseldorf, Kleve und im Münsterland ertrinken Männer unterschiedlichen Alters in Seen und Baggerseen. In Herne stirbt ein kleiner Junge, der ohne Aufsicht im Wasser war. Jedes einzelne Schicksal ist tragisch. Lebenswege enden zu früh, weil Menschen Warnungen missachten, ihre Kräfte überschätzen, Temperaturunterschiede unterschätzen, zu viel Alkohol trinken, sich von Freunden anstacheln lassen. Badeunfälle hat es immer gegeben, aber in diesem Sommer sind die Zahlen besonders hoch. Und sie betreffen nahezu ausschließlich eine Bevölkerungsgruppe: Männer. Im Juni 2026 ertranken bundesweit mindestens 99 Menschen — so viele wie seit 2003 nicht mehr. Allein am extremsten Hitzewochenende Ende Juni gab es 26 Tote, allesamt Männer und Jungen. NRW war im Juni 2026 mit 22 Badetoten das Bundesland mit den meisten Ertrunkenen – ein Anstieg von über 80 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Dass fast ausschließlich Männer betroffen sind, lässt sich mit Zufall nicht erklären. Doch was sind die Ursachen? Und hängen sie zusammen mit Selbstbildern und Rollenerwartungen an Männer? Aus der Forschung ist bekannt, dass Männer leichter bereit sind, Risiken einzugehen oder sie auszublenden. Die Psychologie nenne dieses Phänomen optimistischen Fehlschluss, sagt Thomas Altgeld, Geschäftsführer des Vereins Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen Bremen. Männer achteten seltener darauf, ob es in Flüssen Strömungen gibt oder ob sich ihr Körper vor einem Sprung ins Wasser zu sehr erhitzt hat, weil sie sich meistens mehr zutrauten, als sie können. Wenn es dann an heißen Sommertagen ins Wasser geht, hat das tödliches Potenzial. Altgeld hält diese Selbstüberschätzung für ein Ergebnis der männlichen Sozialisation. Männer seien auch zur Entdeckung Amerikas aufgebrochen oder zum Mond geflogen, weil sie keine realistische Risikobewertung vorgenommen hätten. Die Gesellschaft habe also durchaus einen Nutzen von männlicher Risikofreude. Doch für die Betroffenen selbst könne sie eben auch gefährlich werden. „Männlichkeit wird noch immer mit Härte und Entschlossenheit assoziiert“, sagt Altgeld. Der Einfluss solcher Stereotype nehme gerade eher wieder zu. „Studien zeigen, dass etwa Influencer viel leichter Erfolg haben, wenn sie traditionelle Geschlechterrollen bedienen“, sagt Altgeld. Und gerade für junge Männer sind solche Vorbilder im digitalen Raum enorm wichtig. Männliche Influencer seien fast immer nur draußen zu sehen, während Influencerinnen eher aus Innenräumen sendeten. Die männlichen Kollegen zeigten draußen gewagte sportliche Aktionen, Akrobatik, Stunts. Die Botschaft sei, dass echte Männer Draufgänger sein müssten. Welcher junge Mann bleibt dann beim Ausflug mit den Freunden zum Baggersee lieber am Rand, weil er sich zu sehr erhitzt hat? Männlich sozialisiert zu werden, bedeute oft, unter dem Druck zu stehen, in jeder Situation souverän zu wirken, sagt Tobias Spiegelberg, Mitgründer der Kölner Initiative Detox Identity. Dazu gehöre für viele Männer die Vorstellung, mutig, risikobereit und unabhängig zu sein und sich nicht von Warnungen oder äußeren Vorgaben einschränken zu lassen. „Dass die Badetoten aus allen Altersgruppen kommen, zeigt: Der Druck, sich als Mann beweisen zu müssen, endet nicht mit der Pubertät. Er kann ein Leben lang bestehen – mit fatalen Folgen für die Betroffenen und ihr Umfeld“, sagt Spiegelberg. Nicht Mut sei das Problem, sondern die Vorstellung, dass Männer ihren Mut immer wieder beweisen müssten. Das Wiedererstarken von Geschlechterklischees hat wohl auch mit Verunsicherung zu tun. „Frauen sind zum Beispiel erfolgreicher im Bildungssektor“, sagt Altgeld, gerade junge Männer versuchten darum womöglich, auf traditionelle Art ihre Männlichkeit zu beweisen und sich mit anderen Männern zu messen. Badeunfälle geschehen häufig aus Gruppen heraus. Einer stachelt den anderen an, und am Ende springt einer in den Fluss. Alkohol setzt oft die Hemmschwellen zusätzlich herunter. Ein zeitgemäßes Männerbild sollte Eigenschaften wie Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Achtsamkeit und das Bewusstsein für die eigenen Grenzen genauso wertschätzen wie Mut oder Leistungsbereitschaft, findet Spiegelberg. Wirkliche Stärke zeige sich nicht darin, jedes Risiko einzugehen, sondern darin, verantwortungsvoll mit sich selbst und anderen umzugehen. „Wer seine Grenzen kennt, ist nicht weniger männlich, sondern verantwortungsvoller“, sagt Spiegelberg. Für mahnende Worte etwa der Eltern sind gerade junge Männer allerdings oft schwer empfänglich. Altgeld appelliert trotzdem, Heranwachsende nicht allein zu lassen. Eine englische Studie habe im vergangenen Jahr gezeigt, wie viele junge Männer sich mit ihren Fragen und Problemen einsam und unverstanden fühlen. „Also orientieren sie sich im Internet“, sagt Altgeld. Dort träfen sie dann auf Männlichkeitsstereotype, die ihnen nahelegen, nur einer, der die Gefahr suche, sei ein richtiger Mann. Es sei also noch wichtiger als früher, dass Eltern mit ihren Söhnen im Gespräch blieben und immer wieder anböten, Dinge gemeinsam zu unternehmen. „Gute Kontakte sind viel wirksamer als Verbote“, sagt Altgeld. Außerdem findet er, dass Schule sich verändern müsste, damit junge Männer ihre Kompetenzen zeigen und Selbstbestätigung bekommen können. Etwa durch mehr Bewegungsangebote jenseits des Sportunterrichts oder durch kluge Einbindung digitaler Medien in den Unterricht. Jungs sollten früh lernen, dass ihr Handeln Folgen hat – für sie selbst und für andere, findet Spiegelberg. „Selbstverantwortung lernt man nicht durch Vorträge, sondern indem Kinder Verantwortung übernehmen dürfen und erleben, dass Vorsicht und Rücksicht genauso anerkannt werden wie Mut.“ Das schütze langfristig vor Selbstüberschätzung und gefährlichem Verhalten. Spiegelberg arbeitet selbst in der Jugendbildung und hat die Erfahrung gemacht, dass Gespräche über Gruppendruck, Alkohol oder sportliche Vorbilder oft besser gelingen, wenn Erwachsene nicht nur bewerten, sondern nachfragen: Warum willst du das eigentlich? Was glaubst du, musst du damit beweisen? Gerade Social Media biete dafür gute Anknüpfungspunkte. Selbstreflexion als Prävention. Auch zugelassene Badegewässer können tückisch sein. Und nicht jeder Badeunfall geht auf Leichtsinn zurück. Es geht also nicht darum, den Opfern der tragischen Unglücke der vergangenen Wochen Selbstschuld zuzuweisen. Es geht darum, Gefährdungen zu erkennen, die sich abstellen ließen: durch Hinweisschilder, Badeaufsicht, mehr Schwimmunterricht, den Erhalt von Schwimmhallen — und durch Umdenken. Der Wirtschaftswissenschaftler und Männerberater Boris von Heesen hat für sein Buch „Was Männer kosten“ vor vier Jahren zu errechnen versucht, wie sehr „typisch männliches“ Verhalten der Gesellschaft schadet. Gewalt und Gefängnis, Unfälle, Sucht waren Lebensbereiche, in denen er fündig wurde. Am Ende bezifferte er die Kosten toxisch männlicher Verhaltensweisen auf 63 Milliarden Euro pro Jahr. Schon Heesen schrieb das alles nicht, um das Schlagwort der toxischen Männlichkeit pauschal gegen Männer zu richten, sondern um dafür zu werben, Rollenmuster zu überdenken. Weil toxisches Verhalten auch den Männern selbst schadet. An den Badeseen zeigt sich das gerade auf dramatische Weise.