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Die Sozialisten nehmen den Kampf um das ländliche Amerika auf

Welt

Die "Democratic Socialists" mischen die US-Demokraten auf – und wollen dafür sorgen, dass unzufriedene Amerikaner ihre Stimmen nicht mehr Donald Trump geben. Nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land werben sie für den Sozialismus. Unsere Autorin hat sich das angesehen.

Eine Reportage

von Luzia Geier

Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Eindrücke und Einschätzungen von Luzia Geier. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Auf die Frage, wie viel Begeisterung linke Demokraten in Livingston Manor wecken, winkt Art Steinhauer ab. "Da bist du in der falschen Gegend", meint er. Die meisten gewählten Amtsträger in der 1000 Einwohner zählenden Kleinstadt sind Republikaner. Der Ort liegt rund drei Autostunden nordwestlich von New York City in den Catskill Mountains, einem Ausläufer der Appalachen. Bekannt ist er vor allem unter Fliegenfischern: Jeden Juni zieht die "Trout Parade" zu Ehren der Forelle über die Hauptstraße.

Steinhauer betreut als Mentor die Schülergruppe, die für die Lokalzeitung "Manor Ink" schreibt. Das kostenlose Blatt lebt von Anzeigen und Spenden, erscheint einmal im Monat und ist schnell vergriffen. "Alle mögen es", sagt Steinhauer, "und irgendwer muss ja aufschreiben, was im Ort passiert."

Gegenden wie Livingston Manor kommen in der Berichterstattung großer, nationaler Medien selten vor. Es ist auch dieses Gefühl der Vernachlässigung, das viele Menschen empfänglich macht für die Versprechen der politischen Rechten. Livingston Manor hat jedenfalls einen politischen Wandel durchgemacht: Bei den Präsidentschaftswahlen 2008 und 2012 stimmte der Wahlkreis mehrheitlich für den Demokraten Barack Obama. 2016, 2020 und 2024 dann für den Republikaner Donald Trump.

Für die "Democratic Socialists of America" (DSA) ist das kein Grund, es dort nicht zu versuchen. Im Gegenteil. Die demokratischen Sozialisten glauben, auch Trump-Wähler mit dem richtigen Angebot von sich überzeugen zu können. Wie soll das gelingen? Zumindest der Versuch lässt sich am Beispiel von Livingston Manor gut erklären.

Die "Democratic Socialists" machen die US-Demokraten nervös

Die DSA sind mit inzwischen rund 120.000 Mitgliedern zur einflussreichsten linken Kraft der USA herangewachsen. Sie verstehen sich als politische und aktivistische Organisation, nicht als Partei. Aber die DSA sind auch angetreten, die Demokratische Partei in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Beflügelt wurden sie dabei vom Sieg ihres Kandidaten Zohran Mamdani bei der New Yorker Bürgermeisterwahl. Überall fordern DSA-Vertreterinnen und -Vertreter gerade in den parteiinternen Vorwahlen für die US-Kongresswahlen gemäßigtere Demokraten heraus – mit so viel Erfolg, dass das Partei-Establishment nervös wird. Ihr Aufstieg provoziert Widerspruch von allen Seiten. Kritiker werfen der DSA unter anderem vor, ein Sammelbecken für städtische Akademiker ohne Bezug zur "echten Arbeiterklasse" zu sein.

Jobs gingen verloren, die Lebenshaltungskosten sind gestiegen

Die Realität ist komplizierter. Zwar sind viele Mitglieder jung und haben einen Uni-Abschluss. Doch viele von ihnen kennen die Probleme, gegen die sie angehen wollen, aus eigener Erfahrung. Sie finden keinen Job, werden von Studienschulden und Mieten erdrückt. Darin sieht die DSA eine Parallele zu den finanziellen Sorgen vieler Landbewohner.

Und die kennt man auch in Livingston Manor. Wie an vielen Orten in den Catskill Mountains mangelt es dort an gutbezahlter Arbeit. Früher gab es hier eine florierende Lederindustrie und viel Holzwirtschaft, eine Fabrik produzierte Baseball-Schläger und Bowling-Pins. Doch die Industrie verschwand. Den Bahnhof im Dorf gibt es längst nicht mehr, die medizinische Versorgung ist dürftig. Die Opioidkrise schlug in den Catskills besonders heftig zu.

Gleichzeitig locken die Natur und die Nähe zu New York City schon seit einiger Zeit Investoren an. In den vergangenen Jahren sind viele Leute aus der Metropole hergezogen. Manche flohen selbst vor den hohen Lebenshaltungskosten. Andere konnten sich mit ihren Großstadtgehältern ein Eigenheim, einen Zweitwohnsitz oder eine Ferienimmobilie auf dem Land leisten – und arbeiten seither aus dem Homeoffice.

Das Resultat hat eine gewisse Ironie: Die Immobilienpreise in der Gegend schossen in die Höhe, und mit ihnen die Lebenshaltungskosten. Die Corona-Pandemie tat ihr Übriges. Für die Menschen mit niedrigen Einkommen hat der Reichtum der Zugezogenen das Leben nicht einfacher gemacht, im Gegenteil.

Im Café an der Hauptstraße werben Flyer inzwischen für Pilates. Den Kaffee bestellt man per Touchscreen, ein Sandwich mit Greyerzer Käse und Forelle kostet 22 Dollar – umgerechnet rund 19 Euro. Für viele, die hier aufgewachsen sind, ist das ein absurder Preis für ein Sandwich. Sie treffen sich lieber im rustikalen Diner am Ortseingang, nahe der Tankstelle, wo der Sprit aktuell 4,20 Dollar pro Gallone kostet. Auch das ist für viele ein absurder Preis.

Die Ortsgruppe der Sozialisten wächst

Leanna Zilles ist ein paar Dörfer weiter großgeworden. Gemeinsam mit June Nemon leitet sie den DSA-Ableger im Mid-Hudson-Valley, zu dem Livingston Manor gehört. Ihre Ortsgruppe wächst: Vor einem Jahr zählte sie etwa 550 Mitglieder, mittlerweile sind es fast doppelt so viele. Die meisten Neuzugänge kommen allerdings nicht vom Dorf, sondern aus den Kleinstädten in der Region: Kingston, Newburgh, Poughkeepsie.

Im Wahlkreis der 24.000-Einwohner-Stadt Kingston gewann eine DSA-Kandidatin schon 2022 den Sitz für das New Yorker Landesparlament. Die Klima-Aktivistin Sarahana Shrestha stürzte dort einen gemäßigten Demokraten, der das Amt mehr als zwei Jahrzehnte innehatte. "Wir mussten dafür in sehr ländlichen Gebieten um Kingston herum Wahlkampf machen", erklärt Zilles. "Wir haben wirklich überall an Türen geklopft."

Letztlich blieb es aber "nur" ein parteiinterner Erfolg. Denn der Wahlkreis von Kingston ist fest in der Hand der Demokraten – der DSA-Sieg gegen die Republikaner nach der parteiinternen Vorwahl war also reine Formsache. Der eigentliche Test in den benachbarten, republikanisch geprägten Wahlkreisen wie Livingston Manor steht deshalb noch bevor. Dort setzt die DSA nicht unbedingt auf eigene Kandidaten. Stattdessen organisiert sie erst mal Unterstützung für konkrete Vorhaben, spricht zum Beispiel mit den Leuten über die hohen Wohnkosten oder den regionalen Energieversorger, den viele hier als geldgierig empfinden. "Wir setzen bei Themen an, die alle arbeitenden Menschen betreffen", sagt Nemon. Dadurch entstehe vielleicht auch Offenheit für andere linke Ideen.

So zumindest die Theorie. Als die DSA-Ortsgruppe im Juli zu einem Treffen nach Parksville einlud, fünf Minuten mit dem Auto von Livingston Manor entfernt, hagelte es in der lokalen Facebook-Gruppe feindselige Kommentare. Kommunisten seien das, die da vor der Haustür stünden – so das Stimmungsbild. Zilles und Nemon lassen sich davon nicht abschrecken. "Wir kämpfen gegen Republikaner, die Trump in allem folgen, und gegen Demokraten, die nicht entschlossen genug dagegenhalten", sagt Zilles.

Viele sind gegen ICE-Abschiebezentren

Ein weiteres Kernthema für die DSA sind die neuen ICE-Abschiebezentren, deren Bau die Trump-Regierung überall im Land vorantreibt. Auch wenn Migrationsfragen weiterhin hitzig debattiert werden, ist die öffentliche Meinung dazu in den vergangenen Monaten gekippt: Viele Amerikaner wollen keine Abschiebezentren in ihrer eigenen direkten Nachbarschaft.

"Wir organisieren die Menschen in den kleinen, ländlichen Orten, wo sie diese Einrichtungen bauen wollen", erklärt Nemon. Anfang des Jahres konnten sie auf diese Weise einen geplanten Standort vorerst verhindern. "Jetzt versucht die Regierung es woanders."

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Davon, von Vorwahlkämpfen und Facebook-Streitereien ist in der kleinen Bücherei in Livingston Manor allerdings wenig zu spüren, wo sich die Redaktion von "Manor Ink" regelmäßig trifft. So auch an diesem Mittwoch in den Sommerferien. Routiniert eröffnet die junge Chefredakteurin die Sitzung. Statt großer Politik geht es um das Bagel‑Festival im Nachbarort, das Hochwasser vor ein paar Wochen, ein Interview mit dem Schuldirektor. Die Geschichten seien wenig polarisierend, sagt ihr Mentor Art Steinhauer – wobei die Redaktion durchaus kritisch hinterfragt, wieso es so kurz vor Beginn des neuen Schuljahres noch immer keine Stundenpläne gibt.

Angesprochen auf ICE senkt eine der jungen Redakteurinnen die Stimme. Ihr Jahrgang zähle nur gut 40 Jugendliche, sagt die 16-Jährige, und längst nicht alle hätten dieselbe Meinung. Sie selbst verortet sich politisch "irgendwo in der Mitte". Über Social Media sind Trump, ICE und Co. für die jungen Leute zwar ständig präsent. Gleichzeitig fühlt sich das alles weit weg vom Dorfalltag an. "Wir reden schon darüber", sagt sie. "Aber eher nebenbei. Danach geht es wieder um den neuesten Gossip." Immerhin, das versichert sie: Krach wie bei den Erwachsenen gibt es nicht.

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