DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:39:27 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,14 % 68.811,64 Pkt 02:38:50 Gold +1,54 % 4.447,90 USD 02:43:48 Silber +0,68 % 65,43 USD 02:43:52 Brent +0,02 % 88,54 USD 02:42:37 WTI -0,30 % 82,15 USD 02:43:51 Bitcoin -0,03 % 62.810,02 USD 02:53:52 EUR/USD +0,41 % 1,15820 USD 02:53:53 EUR/GBP -0,07 % 0,85430 GBP 02:53:52 EUR/CHF +0,13 % 0,94020 CHF 02:53:53 EUR/JPY +0,15 % 184,161 JPY 02:53:53

Die Taliban feiern ihren Sieg über Amerika

Welt

Für ihre Siegesfeier haben sich die Taliban den Platz vor der früheren amerikanischen Botschaft in Kabul ausgesucht. Tausende sind gekommen, um den fünften Jahrestag der Machtübernahme zu feiern. Die meisten sind frühere Fußsoldaten aus dem Süden und Osten des Landes, die jahrelang gegen die Amerikaner gekämpft haben. Andere sind hohe Funktionäre, die jetzt mit ihren Familien in schicken Hochhäusern in Kabul wohnen. Auch viele Schaulustige sind gekommen. Väter mit Kindern, welche die weiße Fahne der Taliban mit dem islamischen Glaubensbekenntnis schwenken. Frauen sind auf der Siegesfeier nicht vorgesehen. Für sie gibt es auch nicht viel zu bejubeln. Ein Mann aus Logar erzählt, er sei ausgebildeter Selbstmordattentäter. Vor der Machtübernahme habe er in Kabul im Untergrund gelebt und auf seinen Einsatz gewartet. Leute wie er bewachen heute die Büros der Vereinten Nationen. Sie gehören zum Netzwerk des Taliban-Innenministers Siradschuddin Haqqani, dessen Konterfei auf vielen Autos prangt. Der Minister ist ein international gesuchter Terrorist und zugleich einer, von dem es heißt, er sei für Mädchenbildung. Haqqani hat veranlasst, dass am Flughafen noch immer Frauen als Grenzerinnen die Pässe kontrollieren. Es ist der Versuch, das Image des islamistischen Regimes im Ausland aufzupolieren. „Haqqani ist aufgeschlossen, er denkt global“, sagt der Mann aus Logar. Das Problem sei, „dass den Frauen zwanzig Jahre lang westliches Denken eingeimpft wurde“. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Den ganzen Tag über werden auf dem Platz islamistische Parolen wie „Allahu Akbar“ gerufen. Aber der globale Dschihad wird nicht propagiert. Von Feindschaft gegen den Westen oder Amerika ist wenig zu hören. Dieselben Männer, die eine ausländische Journalistin noch vor fünf Jahren in die Luft gesprengt hätten, nicken jetzt freundlich, wenn sie „Deutschland“ hören. Viele wollen, dass ihr Land mit Amerika Geschäfte macht. Auch weil noch 3,5 Milliarden Dollar der afghanischen Zentralbank auf amerikanischen Konten lagern. „Früher, als wir gekämpft haben, war es besser“ Vor zwei Jahren hatten die Taliban eine Militärparade auf dem früheren amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Bagram abgehalten und ihre erbeuteten Humvees zur Schau gestellt. Darauf haben sie dieses Mal verzichtet. Wohl, um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht zu verärgern. Offiziell heißt es, man wolle das Budget für die Militärparade lieber für die Versorgung der knapp sechs Millionen Rückkehrer ausgeben, die in den vergangenen zwei Jahren aus Iran und Pakistan abgeschoben wurden. Die frühere dschihadistische Bewegung ist jetzt der Staat. Die neuen Herrscher stehen unter Druck zu liefern. Zum Jahrestag werden im Staatsfernsehen ihre Errungenschaften aufgelistet. Die größte Verbesserung sei, dass kein Krieg mehr herrsche. Das sagen auch Afghanen, welche die Taliban verachten. Auch die Kriminalität soll deutlich zurückgegangen sein. In Kabul werden jetzt neue Brücken und Hochhäuser gebaut. Und im ganzen Land die Straßen geteert. Das ist leichter als früher, weil die Bauarbeiter nicht mehr um ihr Leben fürchten müssen. Viele der staatlichen Leistungen sind nur möglich, weil die neuen Herrscher pragmatisch genug waren, in den Ministerien Beamte der Vorgängerregierung weiterzubeschäftigen. Zunächst entlassene Verkehrspolizisten wurden schnell wieder eingestellt, um Ordnung zu schaffen. Zugleich mussten Zehntausende junge Taliban, die nichts außer Kämpfen gelernt haben, in Lohn und Brot gebracht werden. Kabul ist voll mit bärtigen Männern, denen man früher eingebläut hat, dass es nichts Höheres gebe, als sein Leben zu opfern. Sie tragen jetzt die Uniform des Geheimdienstes und schieben Wache vor öffentlichen Gebäuden. Manche finden das langweilig. „Früher, als wir noch gekämpft haben, war es besser“, sagt ein junger Mann Anfang 20. „Jeder hatte seinen Wert. Jetzt braucht man Beziehungen. Es herrscht Hierarchie.“ „Sie wollen der Welt zeigen, dass alle Leute sie unterstützen“ Er findet es unfair, dass die höheren Funktionäre sich jetzt mehrere Frauen leisten können. Von seinem eigenen Lohn, umgerechnet rund 120 Euro im Monat, kann man sich in Kabul keine Hochzeit leisten. Sein Fazit: „Der wirkliche Spaß beginnt erst im Jenseits.“ Am liebsten würde er nach Pakistan gehen, um weiterzukämpfen. Für die Taliban ist das ein Problem. Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ und die pakistanischen Taliban werben um Rekruten. Für ihr Image im Ausland haben die Taliban für diesen Tag ein Video für Instagram drehen lassen. Darauf sieht man junge Männer auf Inlineskates mit Taliban-Flaggen, die sich an fahrenden Polizeiautos festhalten. Mehr als 200.000 Aufrufe hat das Video bisher bekommen. „Sie wollen der Welt zeigen, dass alle Leute sie unterstützen“, sagt einer der Skater. Er ist kein Anhänger der Taliban. Aber er versucht, sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren. Für ein paar neue Inlineskates, ein Mittagessen und die Möglichkeit, seinen Sport auszuüben, lässt er sich für ihre Propaganda einspannen. Früher hat er Wahlkampf für eine weibliche Abgeordnete gemacht, die mittlerweile in Deutschland lebt. Jetzt schimpft er über die frühere Regierung. „Mit all dem Geld und all der internationalen Unterstützung haben sie nichts für das Land erreicht.“ Externer Inhalt von Instagram Um externe Inhalte anzuzeigen, ist Ihre widerrufliche Zustimmung nötig. Dabei können personenbezogene Daten von Drittplattformen (ggf. USA) verarbeitet werden. Weitere Informationen . Viele der Taliban-Fußsoldaten aus den Dörfern haben ihre tief konservativen Werte mit nach Kabul gebracht. Abdul Qayum aus Khost sagt, „es ist besser, wenn die Frauen sicher zu Hause sind. Das ist die Tradition unseres Propheten.“ Unter den Jüngeren sieht man aber auch viele, die auf dem Smartphone daddeln, obwohl ihre Vorgesetzten es ihnen verboten haben. Die höheren Ränge schicken ihre Söhne jetzt auf teure Privatschulen und ihre Töchter in Koranschulen, von denen manche Naturwissenschaften unterrichten. „Mein Vater hat gegen die Besatzer gekämpft“, erzählt einer. Er selbst studiere den Koran, IT und Englisch. Er versuchte, seinen früheren Folterer zu finden Rhetorisch hat die Führung ihre Kader gut im Griff. Sie alle verweisen auf die Generalamnestie für frühere Regierungsbeamte. Aber manchen rutschen dann doch Rachegedanken heraus. So wie einem Taliban-Polizisten aus Wardak, der am Tag der Machtübernahme aus dem Kabuler Pul-e-Charki-Gefängnis befreit wurde. Danach habe er versucht, den Geheimdienstmann zu finden, der ihn bei den Verhören gefoltert und an den Füßen aufgehängt habe. Aber der sei außer Landes geflohen. Ein früherer Mitarbeiter des Staatsfernsehens, der in einem Café seine Geschichte erzählt, lebt dagegen weiter in Angst. Der Geheimdienst habe ihm mit Festnahme gedroht, falls er für ein regimekritisches Exilmedium arbeite. Aus Angst, eine rote Linie zu überschreiten, traue er sich nicht einmal zu Dichtertreffen. Denn er schreibe Liebesgedichte, welche die Taliban ablehnen. „Es reicht, wenn du den Ring am falschen Finger hast, um ihr Misstrauen zu wecken.“ Auf dem Platz vor der amerikanischen Botschaft wird am Abend vereinzelt der paschtunische Volkstanz Atan getanzt. Das sei in den Jahren zuvor nicht erlaubt gewesen, sagt der Bauunternehmer Abdul Zahir aus Badghis. Er sieht es als Zeichen der Hoffnung. „Die Taliban verstehen die Leute inzwischen besser und wissen, was sie wollen.“ Neben ihm steht ein Geheimdienstmann und versucht, ihn einzuschüchtern. Aber der Bauunternehmer lässt sich nicht beirren. Zwei Veränderungen brauche das Land: „Frauenrechte und Frauenbildung.“ Die Verlierer dieses Krieges wohnen gleich um die Ecke im Viertel Macroyan. Es war früher das Wohngebiet der höheren Regierungsbeamten. Viele haben das Land verlassen. Andere sind arbeitslos. „Die Kaufkraft in Macroyan hat stark abgenommen“, sagt ein Ladenbesitzer im Viertel. Sein Umsatz sei von umgerechnet 680 Euro auf 140 Euro am Tag zurückgegangen. Noch mehr sorgt er sich um die Zukunft seiner drei Töchter, die jetzt keinen Schulabschluss mehr machen dürfen. Seine zwölfjährige Tochter lernt Englisch in einer Privatschule. Stolz spielt er eine Sprachnachricht vor, in der sie mit ihm Englisch spricht. „Vielleicht finde ich einen Weg, sie ins Ausland zu schicken, damit sie Ärztin werden kann“, sagt er. Im Hintergrund hört man die Menge „Allahu Akbar“ rufen.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren