Die Toten Hosen am Bostalsee: Der letzte Besuch im Saarland
War es an jenem Ostersamstag 1984 auf der Wiese in Rohrbach, an dem sich die Toten Hosen in das Saarland „reinverliebten“? Hinter dem Liebesgeständnis des Sängers der heute weltbekannten Band aus Düsseldorf am Freitag auf der Bühne am Bostalsee steckt eine lange Geschichte.
Sie beginnt in der Punk-Szenekneipe „Tote Hose“ am Ortsausgang des saarländischen Rohrbach bei St. Ingbert und endet nun offenbar beim Open-Air am Bostalsee. Am Wochenende feierten die Toten Hosen auf ihrer Abschiedstournee ihren letzten Auswärtssieg im Saarland. Und es wurde sportlich.
Sänger Campino geht 1984 auf der Wiese am Umspannwerk in Rohrbach in den Angriff, setzt sich gegen seinen Gegenspieler aus der Rohrbacher Dorfauswahl durch und erobert den Ball. Dabei wird er von Fans am Spielfeldrand bejubelt, die die Düsseldorfer Band später am Abend auf der Bühne anfeuern. Das Match war offenbar längst keine private Partie mehr, sondern das übliche Vorprogramm: erst Fußball auf dem Platz, anschließend Punkkonzert in der ehemaligen Tankstelle, der mittlerweile abgerissenen Kneipe „Tote Hose“.
Das Ergebnis des Spiels ist nicht überliefert. Dafür ist bekannt, wie es um den Heimatverein der Band steht: Fortuna Düsseldorf stieg aus der zweiten Bundesliga ab (und kickt im Oktober gegen den 1. FC Saarbrücken). Den Abschiedsschmerz packten die Düsseldorfer Jungs am Wochenende in ihren Hit „Steh auf, wenn Du am Boden bist“.
Doch die beiden Auftritte am Wochenende waren von der Band längst zum letzten, emotionalen Auswärtsspiel erklärt – und sie sollten zur Sensationsbegegnung werden. Pyrotechnik, Fangesänge und zweimal 25.000 Fans vor der Bühne am Ufer des Bostalsees. Zu den großen, bunten Fahnen, die durch die letzten Sonnenstrahlen des Tages und gegen Ende durch dichten Pyro-Nebel geschwenkt wurden, mischten sich kleine Bierfahnen.
Kleine Bierfahnen zeigten an, wo sich die laufenden 30-Liter-Fässer durch die Menge bewegten. Und dann gab es noch jene Fahnen, die eher zu riechen als zu sehen sind – von Fans, die den Tournamen „Trink aus, wir gehen“ sehr wörtlich nahmen.
Und wie sich das in einer Fankurve gehört, flog das Bier beim Jubel durch die Menge, klebte in den Haaren und mischte sich am Ende des Abends mit viel buntem Konfetti, das bei „Tage wie diese“ durch Kanonen in die Menge gefeuert wird. Dieses „wohl meistgespielte Lied auf Hochzeiten und Beerdigungen“, erinnert die Band an einen ganz anderen unvergesslichen Tag: „Als die Fortuna in der Relegation gegen Hertha BSC aufgestiegen ist“. Das erzählte Sänger Campino zwischen den alten Erinnerungen an das Saarland, als würde er mit einem alten Freund in Erinnerungen schwelgen. (Detaillierte Erinnerungen an die Zeit der Toten Hosen in Rohrbach fasst übrigens der Rohrbacher Karl Abel in seinem Blog „Rohrbach Nostalgie“ zusammen.)
Schon zu Beginn des Doppelkonzerts hatte der Sänger angekündigt, „viel Kondition für das Wochenende“ mitgebracht zu haben. Mit den ersten Tönen des frühen Deutschpunk-Songs „Opel-Gang“ begann um 20:36 Uhr das knapp 90-minütige Konzert – ohne Halbzeitpause, dafür mit bemerkenswerter Kondition der inzwischen zwischen 61 und 64 Jahre alten Bandmitglieder; am Keyboard stellte Campino den Musiker Jed Baker als „Traum-Transfer für 360 Millionen Pfund“ vor, dessen Alter an diesem Abend ein Rätsel blieb.
Die Toten Hosen nahmen die Saarländer und die angereisten Pfälzer den ganzen Abend mit auf eine musikalische Zeitreise durch ihre Bandgeschichte. Mit „Hier kommt Alex“ begann 1988 für sie eine deutlich größere, dramatischere und rockigere Klangphase – und an diesem Abend am Bostalsee spätestens dann die Eskalation. Melodischer und gefühlvoller ging es auch in der Menge bei „Alles aus Liebe“ zu, dem Motto, das viele verschwitzte T-Shirt-Rücken auf der Festwiese zierte.
Hymnisch-rockig fragt Campino bei der Ankündigung des nächsten Songs: „Wer braucht schon Berlin, wenn er den Bostalsee haben kann?“ – ja, vielleicht fragt sich die Band nach ihrem letzten Besuch im Saarland ja doch noch: Bostalsee, „Wannsee (sic!) ich dich endlich wieder?“ Und auch wenn es an diesem Abend sicherlich nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, erinnerte die Band an den Song „Kein Alkohol ist auch keine Lösung!“ – schließlich passte er zu gut zum Tourtitel. Und die Toten Hosen wissen längst: „Du lebst nur einmal“. Zusammen mit dem Hit „Auswärtsspiel“ fasst das die Stimmung des Abends wohl zusammen: eine Hymne über Zusammenhalt, bedingungslose Treue, das Gefühl, überall zu Hause zu sein, und eine Party, die nicht nach dem Morgen fragt.
Nach einer kurzen Pause ging es nach 90 Minuten in die Verlängerung: Mit der bekannten Stadionhymne „You’ll Never Walk Alone“, mit „Kamikaze“, zu dem der gesamte Festivalplatz Feuerzeuge und Smartphone-Taschenlampen auspackte. Und mit letzter Kraft, die die Band in den „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten steckte.
Am Ende des Abends blicken die Toten Hosen in „Trink aus“ noch zurück auf Anfänge und Höhepunkte ihrer Weltkarriere außerhalb des kleinen Saarlandes. Auf „Prügeleien“, „kleine Nazis“ und „große Fressen“ und den „Rausch“. Mindestens im Fanrausch strömten Tausende Gäste nach dem Abpfiff vom Platz, die schmalen Straßen von Bosen, Gonnesweiler und Eckenhausen waren kurze Zeit später wieder geflutet – und die Fanherzen voller neuer Erinnerungen für die Ewigkeit. (oli)