Die Ukraine trifft Wladimir Putins Rechenzentren in Russland - und womöglich Bots
Die Ukraine hat am Wochenende bei ihren Gegenangriffen ein Rechenzentrum östlich von Moskau getroffen. Es ist bereits die dritte erfolgreiche Attacke innerhalb einer Woche auf Infrastruktur des russischen Internetkonzerns Yandex.
Wie Daten des Cloud-Anbieters Cloudflare zeigen, ist der Yandex zugerechnete Internetverkehr seit der Nacht erheblich eingebrochen. Womöglich sind auch russische Bot-Farmen betroffen, die sonst Propaganda unter anderem in sozialen Medien verbreiten.
Auffällige Accounts nach Angriffen „plötzlich still geworden“
Marijn Markus, Datenexperte des Beratungsunternehmens Capgemini, teilte am Sonntag bei Linkedin seine Beobachtung, dass Accounts mit identischen Profilbeschreibungen „plötzlich schrecklich still geworden“ seien. Als Beispiel führt er Accounts an, die sich als Trump-Anhänger oder EU-Skeptiker ausgeben.
Markus wirft davon ausgehend die Frage auf, ob die ukrainischen Angriffe auf russische Internet-Infrastruktur sogar indirekt die Zwischenwahlen in den USA beeinflussen könnten. Denn wenn Bots abgestellt werden, können sie – anders als möglicherweise bislang – keinen Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen.
Nicht jeder russische Bot ist bösartig
Der Datenexperte weist aber darauf hin, dass die eingebrochene Datenverkehrs-Kurve von Yandex nicht zwangsläufig einen Ausfall der bösartigen Bots bedeuten muss. Denn zum Datenverkehr von Bots würden auch Aktivitäten ohne finstere Absichten gehören.
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Ein Bot kann zum Beispiel auch genutzt werden, um automatisch und wiederkehrend Webseiten zu durchsuchen, um sie in Suchmaschinen auszuspielen. „Ein Bot bedeutet daher nicht zwangsläufig ein gefälschtes Konto, das Kreml-Propaganda in sozialen Medien verbreitet“, so Markus.
Er erklärt bei Linkedin: „Dass die Hälfte des Bot-Verkehrs verschwindet, bedeutet also nicht zwangsläufig, dass die Hälfte der Propaganda-Konten des Kremls nicht mehr funktioniert.“ Außerdem würden viele Bot-Farmen ohnehin von außerhalb Russlands operieren, zum Beispiel in Nigeria oder Bangladesch.
Mehrere Yandex-Dienste nach Angriffen eingeschränkt
Nichtsdestotrotz sind die ukrainischen Treffer auf Rechenzentren ein Problem für Russland. Yandex erklärte bei Telegram, seine Plattform könne nur noch im Notfallmodus betrieben werden. Experten seien damit beschäftigt, den Schaden zu beheben.
Ob das so schnell gelingen kann, ist aber fraglich. Bei den Angriffen wurden offenbar drei KI-Supercomputer zerstört. Wegen der Sanktionen gegen Russland könnte es schwierig werden, die komplexen Systeme wieder zügig in Stand zu setzen.
Zumindest teilweise bekommen das auch russische Bürger zu spüren. Yandex hat in dem Land einen ähnlichen Stellenwert wie Google in Europa und Amerika. Neben einer Suchmaschine betreibt das Unternehmen unter anderem auch einen Bezahldienst, eine Taxi-App oder einen Lieferdienst für Essen. Es gibt Berichte aus Russland darüber, dass die Nutzung dieser Dienste eingeschränkt ist.
Teure Rechenzentren sind einfache Ziele für günstige Drohnen
Für die Ukraine sind die Treffer ein strategischer Erfolg. Weil die Rechenzentren nicht geschützt sind, sind sie einfache Ziele, deren Zerstörung spürbare Folgen für Russland hat.
Allerdings könnte sich das nicht nur die Ukraine zunutze machen, warnt Datenexperte Markus. „Wir sprechen von Infrastruktur im Wert von Hunderten Millionen, manchmal Milliarden, die potenziell durch Waffen zerstört werden können, die nur einen Bruchteil davon kosten“, schreibt er bei Linkedin. „Schaltet man genügend dieser Einrichtungen aus, kann man potenziell einen erheblichen Teil der digitalen Infrastruktur eines Landes lahmlegen.“
Verfassungsschutz warnt vor „unabsehbaren Schäden“
Diese Gefahr hat auch der deutsche Verfassungsschutz erkannt, wie die „Welt“ bereits im Sommer berichtete. Demnach bestehe eine Gefahr für Rechenzentren sowohl durch Cyberattacken als auch durch physische Anschläge, zum Beispiel mit Sprengstoff.