Die WM zeigt es deutlich! Michael Olise bringt Bayern-Trainer Vincent Kompany gleich doppelt in die Bredouille
Die fehlende Vorstellungskraft bezüglich einer Niederlage der Equipe Tricolore ist aber bei weitem nicht nur der Verdienst von Real Madrids Sechs-Tore-Mann Mbappe oder dem amtierenden Ballon d'Or-Sieger Ousmane Dembele, der Norwegen zum Abschluss der Gruppenphase drei Buden einschenkte. Womöglich ist Michael Olise sogar hauptverantwortlich dafür, dass man sich nicht mal im Traum ein Ausscheiden Frankreichs am Samstag vorstellen kann. Denn Olise ist gewissermaßen der Lokführer von Frankreichs Weltklasse-Offensive. Der Ausnahmekönner des FC Bayern München schaffte es bei seinem ersten großen Turnier für Frankreich zwar noch nicht auf die Anzeigetafel - auch, weil er gegen Schweden spektakulär am Pfosten scheiterte. Allerdings sorgte er in bislang vier Spielen gleich fünfmal dafür, dass andere die Lorbeeren einstrichen. Olise fehlt nur noch ein Assist, um den Rekord für die meisten Vorlagen von Pele bei einer WM einzustellen. Die brasilianische Legende, für so manch einen aus der älteren Riege auch der eigentlich beste Spieler aller Zeiten (GOAT), bereitete bei der WM 1970 sechs Treffer vor. Der Allzeit-Rekord ist ebenfalls in Reichweite, sollte Frankreich den Erwartungen gerecht werden. In dem von Fußballgrößen nur so wimmelnden Ranking werden Lionel Messi und Diego Maradona - in wohlgemerkt 27 bzw. 21 Partien für Argentinien - an der Spitze aufgeführt. Und eben Pele, bei dem sich die Gelehrten allerdings streiten. Mal heißt es, der Ballkünstler habe sieben Assists bei seinen vier Teilnahmen aufgelegt. Mal ist von acht oder sogar zehn die Rede. Doch selbst das Maximum wirkt für Olise mit Blick auf dessen bisherige Auftritte keineswegs unmöglich. Zumal er bei einem Finaleinzug vier weitere Partien Zeit hätte, die Geschichtsbücher ohne schwammige Überlieferungen als neuer Assistkönig zu zieren. Ein derartiger Output überrascht bei Olise mit Blick auf seine Statistiken beim FC Bayern München indes nicht. In 107 Einsätzen stehen 54 Vorlagen bei 42 selbst erzielten Toren zu Buche. Mit dem feinen Unterschied, dass er für Frankreich inzwischen als Zehner zum Einsatz kommt. Didier Deschamps hatte Olise nach einer zahnlosen ersten Hälfte zum Auftakt gegen Senegal in der Pause vom rechten Flügel ins Zentrum und Dembele nach Außen beordert, woraufhin der zweimalige Weltmeister die zuvor vermisste Durchschlagskraft vor dem Tor eindrucksvoll zur Schau stellte. Seitdem hat sich die Rollenverteilung - zum Leidwesen des Irak, von Norwegen und Schweden - nicht mehr geändert. Deschamps' Maßnahme freut Olise ganz besonders, der entscheidend am Spielaufbau mitwirkt, ein herausragendes Gefühl für Räume und Timing an den Tag legt, und seine etwas weniger zur Geltung kommende Abschlussstärke vergessen macht. "Diese Rolle bietet mehr Freiheit. Dort habe ich als Jugendspieler gespielt. Deshalb fühlt sie sich für mich am natürlichsten an", sagte er im Nachgang des ersten Gruppenspiels in einem seiner seltenen Interviews gegenüber der L'Equipe und verdeutlichte damit seine Absichten, auch weiterhin auf seiner Lieblingsposition spielen zu wollen. Ein Wunsch, den FCB-Trainer Vincent Kompany jedoch in gewisser Hinsicht in die Bredouille bringt. Zwar ist das Angriffsspiel unter dem Belgier stets variabel, über die meiste Zeit kam Olise in den zwei Spielzeiten seit seinem Wechsel von Crystal Palace aber auf dem rechten Flügel zum Einsatz. Eine dauerhafte Abkehr davon scheint nahezu ausgeschlossen. Sollte Olise künftig im Zentrum hinter Harry Kane agieren, wäre allen voran für Jamal Musiala kein Platz mehr in der Startelf. Sofern er zunächst überhaupt einen Stammplatz hat. Schließlich hinkt Musiala weiterhin deutlich sichtbar seiner einstigen Weltklasse-Form hinterher, nach der er seit seiner schweren Verletzung bei der Klub-WM vor rund einem Jahr vergebens sucht. Auch bei der WM ließ er Leichtigkeit und Selbstbewusstsein über weite Strecken völlig vermissen. Die Verpflichtung von Ismael Saibari, auch auf Wunsch von Kompany, spricht ebenfalls dagegen. Der Marokkaner gilt zwar als Offensiv-Allrounder und stellt sowohl den ersehnten Backup von Kane im Sturmzentrum als auch von Luis Diaz auf dem linken Flügel dar, überzeugt bei der WM aber allen voran im Zentrum mit beeindruckenden Leistungen. Drei der bisherigen sieben marokkanischen Tore gingen auf sein Konto. Ein Zusammenspiel mit Kane als hängende Spitze dürfte mehr als verlockend für Kompany sein. Eine Komponente, an der er bereits in der vergangenen Spielzeit Gefallen gefunden hatte. Als Freigeist hinter Kane hatte nämlich Serge Gnabry bis zu seiner bitteren Verletzung (Ausriss der Adduktoren am rechten Oberschenkel), die ihm die WM kostete, geglänzt und die bis dato beste Saison seiner Karriere gespielt. Mit deutlich mehr Einfluss als auf dem rechten oder linken Flügel in den Jahren zuvor. Musiala interpretiert die Rolle hingegen komplett anders. Insbesondere sucht er den Weg in die Tiefe deutlich seltener auf eigene Faust und bespielt diese vielmehr mit Pässen. So auch Olise bei Frankreich. Heißt: Kompany müsste mit Olise als Zehner auf eine große Stärke der Vorsaison, die durch Saibari nochmal weiter ausgeprägt werden könnte, verzichten. Und wenn er, abhängig vom Gegner, einen anderen spielerischen Ansatz wählen möchte, würde er Aushängeschild Musiala die Rückkehr zu alter Stärke noch weiter erschweren. Dabei hat er so oder so die Qual der Wahl und muss pro Spiel gleich drei hochveranlagte Offensivspieler vertrösten, sollten alle bei Kräften sein. Schließlich darf Lennart Karl nicht vergessen werden, der im Gegensatz zu Musiala Olise eine Auszeit auf dem rechten Flügel geben könnte. Andererseits bringt die Tatsache, dass Olise sich kurzerhand auch noch zu den aktuell besten Zehnern der Welt gemausert hat und seine Chancen auf den Ballon d'Or weiter steigert, einen weiteren nicht zu vernachlässigenden Aspekt mit sich. Der schon vor der WM als rechter Flügelspieler bei der Creme de la Creme von Europas Topklubs heiß begehrte 24-Jährige hat seinen eigenen Markt nochmal vergrößert. Vor allem Real Madrid dürfte von Spiel zu Spiel hellhöriger werden. Zwar gaben die Königlichen im Zuge der brodelnden Gerüchteküche über ein Angebot jenseits der 200-Millionen-Euro-Marke in einer Mitteilung unmissverständlich zu verstehen, dass "keinerlei Kontakt" zu Olise und dessen Gefolgschaft bestehen würde und untermauerten damit auch die Berichte über einen "Nichtangriffspakt" mit den Bayern-Bossen. Die bei der WM nun unübersehbare Synergie zwischen Olise und Mbappe dürfte einen ernsthaften Vorstoß aber nochmal reizvoller als ohnehin schon machen. Laut der Bild-Zeitung wird der bei den Münchnern als unverkäuflich angesehene Olise aus dem näheren Umfeld außerdem schon ein Real-Wechsel schmackhaft gemacht, wonach er in Madrid größere Chancen auf den Champions-League-Triumph und mit den Bayern durch den Doublesieg bereits das größtmögliche erreicht hätte. Die Verantwortlichen wollen es gar nicht erst soweit kommen lassen, dass Olise ernsthafte Zweifel an einem Verbleib hegt und nach der WM Nägel mit Köpfen machen. Dem Vernehmen nach sei nach Olises Rückkehr sofort ein Treffen über eine Ausdehnung seines noch bis 2029 laufenden Vertrags inklusive eines Aufstiegs zum Topverdiener angedacht. Gleichwohl habe die Spielerseite einem kicker-Bericht zufolge für Skepsis an der Säbener Straße gesorgt, dass sie zuvor angeblich nicht auf die konkreten Gesprächsangebote reagiert habe. In den kommenden Wochen bedarf es wohl viel Feingefühl bei Olise, um auch nur den Hauch von Unzufriedenheit zu verhindern. Denn Reisende lassen sich bekanntlich nicht aufhalten. Schon gar nicht Lokführer Olise.