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Die Wut ist groß, die Angst auch: Immer mehr Hinrichtungen im Iran - ein Augenzeuge berichtet

Welt

Sicherheitskräfte bauen in aller Ruhe einen Galgen in der Mitte des Alikhani-Platzes in der Stadt Isfahan auf. Das kann nur eines bedeuten: Hier sollen Menschen öffentlich gehängt werden. In der Regel geschieht dies beim Ruf zum Morgengebet, im ersten Licht der aufgehenden Sonne. Die Vorbereitungen für die Hinrichtungen wurden gefilmt. Es ist ein sehr kurzes, aber zutiefst verstörendes Video, das in den frühen Morgenstunden des Dienstags, 28. Juli, aufgenommen wurde und sich rasch in den sozialen Medien verbreitete. Die Aufnahmen sind aus einem fahrenden Auto heraus entstanden, das den Alikhani-Platz passierte. Kurz darauf machten weitere Videos vom selben Ort die Runde. In zahlreichen Telegram-Gruppen überschlugen sich die Nachrichten. Bewohner Isfahans diskutierten darüber, ob sie zum Alikhani-Platz gehen und ihn als Sammelpunkt für Proteste nutzen sollten. Die Wut ist groß, aber die Angst auch. Die Mutter begleitet ihren Sohn Die Erinnerung an das Massaker vom Januar war noch frisch: Damals hatten die Sicherheitskräfte der Islamischen Republik das Feuer auf Tausende unbewaffneter Bürgerinnen und Bürger eröffnet, die auf den Straßen regierungskritische Parolen riefen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Hrana wurden dabei mindestens 7000 Menschen getötet, andere Berichte sprechen von Zehntausenden Toten. Dennoch beschloss Nikan (der Name wurde von der Redaktion aus Sicherheitsgründen geändert), dass er jetzt in Isfahan gegen drei Uhr morgens auf den Platz gehen würde, um gegen die Hinrichtungen zu protestieren. Zu seiner Mutter sagte er: „Ich glaube nicht, dass mein Leben wertvoller ist als das Leben der Menschen, die bereits getötet worden sind. Ich möchte sehen, ob sich genügend Menschen versammelt haben, damit wir protestieren können.“ Seine Mutter hielt ihn nicht davon ab. Im Gegenteil: Sie beschloss, ihn zu begleiten, um gegen die Hinrichtungen zu protestieren. Das berichtet Nikan dem Tagesspiegel, der über die sozialen Medien Kontakt mit ihm aufnehmen konnte, über Instagram Direct. Er beschreibt in seinen Nachrichten die massive Präsenz von Sicherheitskräften auf dem Hinrichtungsplatz. Allerdings tragen nicht alle Uniform. „Ich kann nicht immer erkennen, wer ein gewöhnlicher Zivilist und wer Mitglied der Sicherheitskräfte ist“, schildert Nikan. Nikan schreibt, der Internetzugang rund um den Alikhani-Platz sei gestört gewesen, sodass er keine Videos habe verschicken können. Die Präsenz der Sicherheitskräfte sei ohnehin so massiv gewesen, dass er nicht einmal unbemerkt sein Handy aus der Tasche hätte nehmen können, um zu filmen. „Ich habe mich jetzt vom Gebiet entfernt, damit ich Nachrichten verschicken kann“, schreibt Nikan. „Viele Menschen hatten ihre Handys aber überhaupt nicht mitgebracht, weil sie Angst hatten, dass die Sicherheitskräfte im Falle einer Festnahme Zugriff auf den Inhalt ihrer Geräte bekommen würden.“ Herzinfarkt kurz vor der Hinrichtung „Wir haben aus dem Gefängnis gehört, dass Alireza Sepahi einen Herzinfarkt erlitten hat und ins Krankenhaus gebracht wurde“, schreibt Nikan dem Tagesspiegel. Alireza Sepahi sollte gemeinsam mit Abolfazl Sepahi Badjani und Amirhossein Safari Hosseinabadi öffentlich hingerichtet werden. Die Justiz der Islamischen Republik behauptet, die drei Verurteilten hätten einen vorsätzlichen Mord begangen. Mehrere Stunden vor seiner geplanten Hinrichtung erlitt Alireza Sepahi jedoch einen Herzinfarkt. Am Freitag, 31. Juli, wurde er aus dem Krankenhaus entlassen und ins Gefängnis zurückgebracht. Dort wird er nun erneut auf seine Hinrichtung vorbereitet. Nikan blieb bis eine Stunde nach den Hinrichtungen mit dem Tagesspiegel in Kontakt. Dann brach die Verbindung zu ihm vollständig ab. In einer seiner vorerst letzten Nachrichten hatte er geschrieben: „Die Einsatzkräfte haben mit Schrot auf uns geschossen. Meine Mutter konnte nicht so schnell laufen wie wir. Sie blutet, und wir versuchen, wegzukommen und einen Arzt oder einen Ort zu finden, an dem sie behandelt werden kann.“ Etwa 24 Stunden später bestätigte Nikan, dass sowohl er als auch seine Mutter in Sicherheit sind. In der Zwischenzeit tauchten einige wenige Videos von den Ereignissen auf dem Platz auf. Sie zeigten, dass die Hinrichtungen vollstreckt worden waren, dass Menschen aus Protest Parolen gerufen und Sicherheitskräfte die Demonstrierenden in die umliegenden Gassen getrieben hatten. Anstieg der Hinrichtungen Der Alikhani-Platz ist eng mit den Gräueltaten der Islamischen Republik während der Massaker im Januar verbunden. Dort waren viele Bürgerinnen und Bürger getötet worden. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer, viele Protestierende wurden mit scharfer Munition und durch gezielte Schüsse getötet. Nach den Protesten waren dort 59 Demonstrierende festgenommen worden. Zwölf von ihnen wurden nach kurzen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt – ohne Zugang zu einer unabhängigen Rechtsvertretung, ohne regelmäßigen Kontakt zu ihren Familien und ohne eine wirksame Möglichkeit, Berufung einzulegen. Vier von ihnen sind bisher hingerichtet worden. In den vergangenen 19 Wochen – seit Beginn des iranischen Jahres am 21. März 2026 – hat die Islamische Republik mindestens 53 politische Gefangene hingerichtet. 27 von ihnen wurden ausschließlich wegen ihrer Teilnahme an den Januarprotesten getötet. Weitere 26 wurden in getrennten Verfahren wegen angeblicher Spionage für Israel oder wegen der Zugehörigkeit zu Gruppen, die sich gegen die Politik der Islamischen Republik engagieren, abgeurteilt und exekutiert. Damit haben die Behörden im Durchschnitt fast drei Menschen pro Woche aus politischen Gründen hingerichtet. Die Zahl ist bereits höher als die Gesamtzahl der dokumentierten politischen Hinrichtungen im vorangegangenen iranischen Jahr, das im März endete. Dies deutet darauf hin, dass die Islamische Republik die Todesstrafe immer stärker als Instrument der Repression einsetzt. Die meisten Hinrichtungen gab es in den Provinzen Teheran und Alborz, gefolgt von Isfahan, West-Aserbaidschan, Qom, Razavi-Chorasan, Sistan und Belutschistan, Semnan, Kermanschah und Hamadan. Die Hinrichtung der zwei Männer in Isfahan führte im Iran in den sozialen Medien und im Ausland auch offen zu einer neuen Welle der Empörung und des Protests. Menschen im Iran äußerten in den Netzwerken ihren Widerstand und teilten Beiträge unter Hashtags wie „Nein zu Hinrichtungen“. Angehörige der iranischen Diaspora veranstalteten Demonstrationen in mehreren Städten, darunter Washington D.C. und Kopenhagen. Doch die Repressionen des Regimes enden nicht mit dem Tod ihrer Gegner. Laut Berichten ließen die Behörden die Leichen der beiden hingerichteten Männer in abgelegenen Dörfern der Provinz Isfahan begraben. Weit weg von ihren Familien und den Familiengräbern.

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