Diese 2. Liga hat es in sich
Die 2. Liga startet mit großen Namen, vollen Stadien und einigen Duellen, die kaum nach Unterhaus klingen. Neu ist das nicht – gerade darin liegt aber der Reiz einer Liga, die sich seit Jahren ihr ganz eigenes Profil geschaffen hat. Eine Analyse von Sven Kruschinski Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Sven Kruschinski sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Zum Saisonauftakt setzt die DFL seit einigen Jahren gerne ein besonders klangvolles Duell an. 2023 gewann der HSV gegen Schalke mit 5:3, ein Jahr später siegte Hamburg auch in Köln. Zuletzt verlor die Hertha das Eröffnungsspiel auf Schalke mit 1:2. Und diesmal? Wieder ist die Hertha dabei, wieder geht es in den Ruhrpott. Statt auf Schalke reisen die Berliner an diesem Freitag allerdings nach Bochum, wo am Abend ein ausverkauftes Ruhrstadion wartet. Beide Vereine spielten 2021/22 noch gemeinsam in der Bundesliga. Nun eröffnen sie unter Flutlicht die 53. Saison der 2. Liga. Viel passender könnte der Auftakt kaum sein. Die 2. Bundesliga muss ihre großen Namen längst nicht mehr jedes Jahr neu entdecken. Hertha BSC geht inzwischen in die vierte Saison am Stück im Unterhaus, Hannover 96, der 1. FC Nürnberg und der Karlsruher SC sind seit 2019 dabei. Kaiserslautern und Magdeburg gehören seit 2022 wieder zur Liga. Dass sich dort so viele frühere Bundesligisten versammeln, ist also längst keine neue Entwicklung mehr. Einige von ihnen befinden sich nur deutlich länger dort, als ihnen wohl lieb ist. Wolfsburg startet direkt auf dem Betzenberg Ein wirklich neues Gesicht gibt es in dieser Saison aber trotzdem: den VfL Wolfsburg. Neu zumindest für alle, die Ende der 1990er-Jahre noch nicht regelmäßig Zweitligafußball verfolgt haben. Zuletzt spielte der VfL nämlich 1996/97 im Unterhaus, danach folgten 29 Jahre Bundesliga. Nun beginnt die achte Zweitligasaison der Vereinsgeschichte ausgerechnet auf dem Betzenberg. Und schon am zweiten Spieltag wartet das Niedersachsenduell bei Hannover 96. Der Spielplan geht mit dem Absteiger nicht besonders behutsam um. Wolfsburg kommt dabei mit dem teuersten Kader der Liga und ist der klare Aufstiegsfavorit. Fabian Reese wurde von der Hertha geholt, Fraser Hornby aus Darmstadt. Rekordspieler Maximilian Arnold ist weiterhin Kapitän. Christian Eriksen gehört ebenfalls zum Kader und könnte womöglich im Laufe der Saison wieder eingreifen, sollte er sein Rehabilitationsprogramm nach seinem erneuten Zusammenbruch in der WM-Vorbereitung erfolgreich absolvieren. Für Neu-Trainer Tobias Strobl gibt es damit wenige Gründe, öffentlich kleinere Ziele als den direkten Wiederaufstieg auszurufen. Nur hat die Vergangenheit oft genug gezeigt, dass sich die 2. Liga von großen Namen und hohen Marktwerten nicht sonderlich beeindrucken lässt. Der Hamburger SV benötigte nach seinem Abstieg 2018 sieben Anläufe für die Rückkehr. Schalke brauchte nach dem Abstieg 2023 drei Spielzeiten. Hertha wartet nun ebenfalls seit drei Jahren. Cottbus zurück auf der Landkarte Mit dem FC St. Pauli und dem 1. FC Heidenheim kommen zwei weitere Bundesliga-Absteiger hinzu. St. Pauli war zwei Jahre oben, Heidenheim drei. Energie Cottbus kehrt nach zwölf Jahren zurück, der VfL Osnabrück nach zwei. Gemeinsam ersetzen sie Schalke, Elversberg, Paderborn, Düsseldorf und Münster. Gerade Cottbus erweitert die Liga um eine alte, zuletzt aber lange verschwundene Adresse. Energie war zwischen 2000 und 2009 mit einer dreijährigen Unterbrechung sechs Spielzeiten lang Bundesligist. Im Jahr 1997 erreichten die Lausitzer als damaliger Regionalligist sogar das DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart. Nun kommt Hannover 96 zum ersten Zweitliga-Heimspiel seit 2014 in die Lausitz. Knapp 8,7 Millionen verkaufte Tickets Schon in der vergangenen Saison setzte die 2. Bundesliga knapp 8,7 Millionen Tickets ab. Im Schnitt waren es 28.386 pro Partie. Mit diesem Schnitt rangiert die Liga sogar vor der französischen Ligue 1. Auch keine andere zweite Liga in Europa verzeichnete einen höheren Zuschauerschnitt, wie der "Kicker" berichtet. Und die Nachfrage hält an. Der 1. FC Kaiserslautern hat für die neue Saison 33.827 Dauerkarten verkauft – so viele wie noch nie in der Vereinsgeschichte. Selbst nach der Deutschen Meisterschaft 1998 - dem bisherigen Rekord - waren es weniger. Auch in Hannover ist die Vorfreude deutlich zu spüren. Zunächst verlängerten 17.500 Fans ihre Dauerkarte – mehr als vor jeder anderen Zweitligasaison des Vereins. Im freien Verkauf stieg die Zahl anschließend auf mehr als 20.000. Damit hat Hannover 96 seinen bisherigen Zweitligarekord schon vor dem Auftakt übertroffen, wie der Verein mitteilte. Im Vorjahr waren es zu Saisonbeginn noch 19.000 Dauerkarten gewesen. Auch an Standorten wie Osnabrück und Bielefeld waren die zum Teil aufgestockten Kontingente schnell vergriffen. Dass viele dieser Vereine seit Jahren nicht mehr in der Bundesliga spielen, merkt man auf den Tribünen eher selten. Manchmal scheint sogar das Gegenteil der Fall zu sein. Wer folgt auf Schalke, Elversberg und Paderborn? Wolfsburg geht in die heute startende Saison als klarer Favorit, dahinter ist die Reihenfolge nicht ganz so klar. Hannover war in der vergangenen Saison ganz nah dran und rutschte erst durch das 3:3 gegen Nürnberg am letzten Spieltag vom Relegationsplatz. Heidenheim hat nach dem Abstieg vergleichsweise wenig verändert und mit Frank Schmidt ohnehin einen Trainer, der Verein und Liga bestens kennt, auch wenn er seine Zukunft an der Brenz weiter offen lässt. Bei St. Pauli muss sich erst zeigen, wie schnell die Abgänge mehrerer Leistungsträger aufgefangen werden können. Nach der Trennung von Alexander Blessin beginnt der Klub zudem mit Marcel Rapp als neuem Trainer. Empfehlungen der Redaktion Trotz Problem-Banner: Hertha BSC gelingt Start beim VfL Bochum Reese spricht über Enttäuschung und Hass nach seinem Wechsel zu Wolfsburg Von wegen Abstellgleis! Danach wächst der Kreis der Mannschaften, die sich zumindest Chancen ausrechnen dürfen. Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum und Kiel bringen genug Qualität mit, um bei einem guten Start vorne mitzuspielen. Darmstadt und Hertha haben im Sommer dagegen ihre wichtigsten Spieler verloren. Vor allem in Berlin sind die Erwartungen deshalb erst einmal deutlich niedriger als noch vor einem Jahr. Geschäftsführer Peter Görlich spricht deshalb nur von einem einstelligen Tabellenplatz – versehen mit der Ergänzung "mit maximaler Ambition nach vorne". Das klingt ungefähr so vorsichtig, wie es bei Hertha vor einer Saison überhaupt klingen kann. Viel mehr lässt sich vor dem ersten Spieltag seriös kaum festlegen. Die vergangene Saison ist dafür das beste Beispiel. Mit Elversberg und Paderborn standen am Ende vermeintlich kleinere Teams oben, die vor dem Start nicht als mögliche Aufsteiger gehandelt worden waren. Aber: Große Namen gibt es in dieser 2. Liga genug. Welche davon im nächsten Mai tatsächlich feiern dürfen, entscheidet sich erfahrungsgemäß aber nicht auf dem Papier. "Geht’s raus und spielt’s Fußball", sagte schon Franz Beckenbauer. Die Zweite Liga ist eröffnet.