Diese fünf Eigenschaften verändern sich in Ihrem Leben - und Sie merken es nicht
Zwischen Ihrem 15. und Ihrem 90. Lebensjahr bewegt sich Ihre Gewissenhaftigkeit stärker als Ihr Selbstwertgefühl. Stärker auch als Ihre Lebenszufriedenheit. Das ist das Ergebnis einer Auswertung, die diese Woche im Fachjournal Communications Psychology erschienen ist. Beteiligt war neben der Universität Zürich auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, dessen Langzeitdaten einen der acht ausgewerteten Datensätze bilden. Der Befund widerspricht dem, was fast alle Menschen über sich annehmen. 887 Befragte schätzen die Persönlichkeit ein Im ersten Teil der Untersuchung befragte das Team um Amanda J. Wright 887 Menschen in den USA, nach Alter, Geschlecht und Herkunft repräsentativ ausgewählt. Die Aufgabe: einschätzen, wie stark sich 25 Merkmale zwischen dem 15. und dem 90. Lebensjahr im Durchschnitt verändern. Zur Auswahl standen Einkommen, Schlafdauer, Einsamkeit, Selbstwertgefühl, Sporthäufigkeit und körperliche Beschwerden. Dazu die Big Five: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit. Dieses Fünf-Faktoren-Modell ist in der Psychologie das gängigste Raster für Persönlichkeit. Das Urteil der Befragten fiel eindeutig aus. Von den sieben Merkmalen, die sie für am stabilsten hielten, waren fünf die Big Five. Am unbeweglichsten erschien ihnen die Extraversion – also die Frage, ob jemand gesellig ist oder zurückgezogen. Daten aus vier Ländern, 166.971 Teilnehmer Im zweiten Teil kam der Realitätsabgleich. Die Forscher werteten acht große Panelstudien aus den USA, Deutschland, Australien und den Niederlanden aus. Deutschland ist doppelt vertreten: durch das Sozio-oekonomische Panel des DIW Berlin, das seit 1984 läuft, und durch das Beziehungs- und Familienpanel Pairfam. Einzelne Teilnehmer wurden über vierzig Erhebungswellen hinweg begleitet. Aus diesen Daten berechnete das Team, wie sich 32 Merkmale tatsächlich über die Lebensspanne bewegen. Dann verglich es die Zahlen mit den Schätzungen der Befragten. Big Five: Was im Alter sinkt und was steigt Über das Leben hinweg zeichnen sich klare Linien ab. Extraversion, Neurotizismus und Offenheit gehen zurück. Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nehmen zu. Der Rückgang beim Neurotizismus, also bei der emotionalen Empfindlichkeit, liegt zwischen 15 und 90 bei 0,40 Standardabweichungen. Bei der Extraversion sind es 0,78 – das reicht für Rang sechs unter allen 32 untersuchten Merkmalen. Menschen werden mit den Jahren also ruhiger und verlässlicher. Gleichzeitig ziehen sie sich zurück und probieren weniger Neues. Nur schreiben die wenigsten das ihrem Charakter zu. Gewissenhaftigkeit bewegt sich mehr als der Selbstwert Interessanter noch ist die zweite Rechnung. Zählt man sämtliche Bewegungen eines Merkmals über 75 Jahre zusammen, egal in welche Richtung, landet die Gewissenhaftigkeit auf Platz fünf von 32. Deutlich stärker schlagen nur vier Größen aus: die Häufigkeit sozialer Kontakte, das persönliche Einkommen, gesundheitliche Einschränkungen und die Schlafdauer. Alles Übrige liegt hinter der Gewissenhaftigkeit. Auch das Selbstwertgefühl, auch die Einsamkeit, auch die Lebenszufriedenheit – jene Größen also, die im Alltag als besonders formbar gelten. Woher der Irrtum kommt Bemerkenswert ist, wie gut die Laien ansonsten lagen. Ihre Einschätzungen deckten sich ordentlich mit den echten Werten, beim Einkommen ebenso wie bei der Gesundheit. Bei der Persönlichkeit lagen sie systematisch daneben, und zwar immer in dieselbe Richtung. Alle fünf Merkmale hielten sie für unbeweglicher, als sie sind. Kein anderer Bereich zeigt diesen Effekt. Die Autoren führen das auf tief verankerte Vorstellungen zurück. Aufforderungen wie „bleib dir treu“ setzen einen unveränderlichen Kern voraus. Der Psychologe William James schrieb bereits 1890, der Charakter sei im Erwachsenenalter fest wie ausgehärteter Gips. Typologien, die Menschen in feste Kategorien einsortieren, halten diese Idee bis heute am Leben. Dazu kommt ein Widerspruch, den die Studie eigens beschreibt: Der Markt für Selbstoptimierung boomt, Ratgeber und Apps verkaufen sich glänzend. Ihre Nutzer verbuchen Fortschritte offenbar nicht als Veränderung ihrer Person, sondern als Rückkehr zu dem, was sie ohnehin schon zu sein glaubten. Warum der Irrtum teuer ist Das hat Folgen, argumentiert das Team. Wer den eigenen Charakter für zementiert hält, versucht seltener, ihn zu ändern. Und wer das anderen unterstellt, hält Förderprogramme oder Therapien schneller für vergeudetes Geld. Frühere Arbeiten der Gruppe legen nahe, dass sich Persönlichkeitsmerkmale gezielt beeinflussen lassen, etwa durch Smartphone-Interventionen gegen Neurotizismus. Der Glaube an die eigene Unveränderlichkeit steht dem im Weg, bevor der erste Versuch überhaupt beginnt. Was die Studie nicht misst Die Einschränkungen benennen die Forscher selbst. Alle Daten stammen aus westlichen Demokratien. Untersucht wurden Durchschnittsverläufe, keine einzelnen Biografien. Und gemessen wurde ausschließlich, wie sich Mittelwerte verschieben. Ob jemand seinen Rangplatz innerhalb der eigenen Altersgruppe behält, sagt die Auswertung nicht. Wer mit 15 zu den Introvertiertesten der Klasse gehörte, ist mit 60 vermutlich immer noch introvertierter als der Durchschnitt. Der Durchschnitt hat sich nur längst woanders hinbewegt. Lesen Sie mehr zum Thema