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Dieser Bauernhof im Bayerischen Wald stand kurz vor dem Einsturz - bis ein Architekt den Verfall zur Architektur machte

Wirtschaft

Ein maroder Bauernhof, jede Menge Zweifel – doch der Münchner Architekt Peter Haimerl machte den Verfall zum Konzept.

Wenn jeder, der das Projekt sieht, fassungslos die Hände über dem Kopf zusammenschlägt – sollte man dann sein Vorhaben nicht noch mal hinterfragen? Erst recht, wenn Leute vom Fach das Ganze ausdrücklich für gefährlich erklären? Die meisten hätten das vermutlich getan. Hätten den jahrelang ungenutzten, maroden Bauernhof in Jetzing am Ende einfach abgerissen (oder umfallen lassen). Denn das Dach fehlte längst, innen türmten sich Abfall und Schutt, und was von der Fassade noch übrig war, drohte einzubrechen. Doch Michael Skersies ging nicht den vermeintlich einfachen Weg. Er stellte sich der Heraus­forderung – und schlug zu.

Wenn die Ruine zum Entwurf wird

Das war 2024. Zu dem Zeitpunkt waren der Unternehmensberater und seine Frau Andrea bereits mit dem Münchner Architekten Peter Haimerl bekannt, der wie Skersies im Bayerischen Wald aufwuchs und dort immer wieder auf der Suche nach spannenden Häusern ist, um „seine Heimat upzudaten“, wie er es ausdrückt. Nicht aber im Sinne skrupulöser Denkmalpflege, sondern mit mutigen Konzepten, die die Grenzen konventioneller Architektur überschreiten. Von dem baufälligen Hof hatte Haimerl bereits gehört, und die passende Idee hatte er auch schon parat. Auch der Architekt dachte nicht eine Millisekunde daran, das Haus abzureißen. „Als ich diesen zusammengefallenen Hof mit seiner zerbrochenen Hauptfront sah, kamen mir sofort die Arbeiten des amerikanischen Architekten Gordon Matta-Clark in den Sinn“, erzählt Haimerl. „Eines seiner bekanntesten Werke, ‚Splitting‘, bricht in der Mitte auseinander – genau wie dieses. Da war für mich klar: Gordon Matta-Clark ist schon hier. Ich muss ihn nur noch einfrieren.“ Das Ziel stand also von Anfang an fest: Das, was vom Bestand übrig war – wie ein paar Wände im nördlichen Bereich oder der abenteuerlich herabhängende Balkon –, bleibt bestehen, und ein Neubau schlüpft hinein.

Damit das Einfrieren allerdings überhaupt erst möglich war, musste eine stützende Struktur her, bloß nicht irgendeine. „Ich brauchte eine Konstruktion, die das Dach trägt und an die ich die Hülle einfach nur dranhängen konnte. Eine, die das Hängen der Fassade beibehält, diesen aufgehaltenen Einsturz“, sagt Haimerl. Holz kam aufgrund der Verarbeitung und Farbe nicht infrage. Beton? Wirkt bei der Größe zu massiv. Sein Vorschlag: ein tragendes Gerüst aus Stahl, das wie ein schneeweißes Skelett den Bestand durchdringt und Alt und Neu verwebt.

Doch bevor die Bauphase überhaupt beginnen konnte, musste im ersten Schritt eine „Sauberkeitsschicht“ geschaffen werden. „Über die Zeit hatte es so viel geregnet, dass sich im Inneren Hochmatsch entwickelt hatte, den wir zunächst mit dem Minibagger abtragen mussten“, erzählt Skersies. Erst dann kam unten, wo jetzt das offene Atelier ist, eine Betonplatte rein. Und was das für eine Entlastung war: „Das erste Mal auf der Baustelle auf stabilem Grund! Kurz darauf wurde von der Stahlbaufirma das Stahlgerüst eingehängt. Als dann, am ersten sonnigen Tag, plötzlich das weiße Stahlkorsett von innen hervorblitzte, wusste ich: Ja, das wird.“ Es wurden Geschosse eingezogen und Wände aus Polycarbonat eingesetzt. Was folgte, war ein klassisches Raumprogramm, das dem eines kleinen Einfamilienhauses gleicht und die Nutzung des Hofs als Ferienobjekt ermöglicht: Auf den ersten beiden Ebenen befinden sich jeweils ein Schlafzimmer mit Bad, unter dem Dach erstreckt sich ein beidseitig verglaster Wohn­bereich, der auch die Küche und den Essbereich umfasst.

Zwischen Ruine und Wohnlichkeit

Weiß lasiertes Holz, Zement, Kunststoff und Stahl sind hier die dominierenden Materialien, die vereinzelt auf Spuren des Bestands treffen, von verbliebenen Putzstreben bis zu alten Holztüren. Hin­sicht­lich der Einrichtung waren sich die Hausherren einig, dass es „zeitgemäß, aber bloß nicht steril“ werden sollte. Also holten sie die Interiordesignerin Stephanie Thatenhorst mit ins Boot, die den konsequenten Wechsel aus Alt und Neu auch in der Möblierung fortsetzte – freilich ohne der Architektur die Show zu stehlen, das war der Münchnerin wichtig. Eine knifflige Angelegenheit, schließlich sollte ja trotzdem Wohnlichkeit her. Also entschied man sich in der Sitzecke für ein moosgrünes Polstersofa, das zwar einen Akzent setzt, aber laut Thatenhorst „nach einem kurzen ‚Bam!‘-Moment auch nicht zu viel Aufmerksamkeit erhält.“ Daneben formen ein graziler schwarzer Esstisch und weiß gewachste Stühle von Objekte unserer Tage den Essbereich. Die Schlafzimmer stattete sie mit maximal schlichten Holzbetten aus. „Ein Bauernbett vor der alten Wand mit Stempeldruck wäre dann doch zu viel gewesen“, sagt Thatenhorst.

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