Dieses europäische Land hat seine Schulden seit 2002 versiebenfacht
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Großbritannien hat in den vergangenen Jahren zu wenig Wachstum produziert, um die steigenden Verbindlichkeiten komfortabel zu tragen. Eine wachsende Schuldenquote entsteht schließlich nicht nur durch hohe Defizite. Sie wird besonders unangenehm, wenn der Nenner – die Wirtschaftsleistung – kaum vorankommt. Das ist natürlich auch auf den Brexit zurückzuführen, der das Wachstum des Landes nachhaltig gebremst hat und weiter bremst. Noch deutlicher wird der britische Sonderweg im Vergleich mit den USA. Nach IMF-Definition lag die amerikanische Bruttoverschuldung des Gesamtstaates 2025 bei rund 124 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit deutlich höher als die britischen 102 Prozent. Nominal summieren sich die amerikanischen Staatsschulden inzwischen auf rund 38 Billionen US-Dollar. Doch seit Anfang der 2000er Jahre haben die Briten ihre nominalen Verbindlichkeiten prozentual stärker ausgeweitet als die USA. Das ist bemerkenswert. Denn Washington finanzierte in dieser Zeit zwei große Kriege, die Finanzkrise, gigantische Pandemieprogramme und über Jahre Defizite, die in normalen Zeiten früher als außergewöhnlich gegolten hätten. Trotzdem war der relative Schuldenanstieg Großbritanniens noch größer. Deutschland sieht im Vergleich geradezu konservativ aus. Die deutschen Staatsschulden lagen Ende 2025 bei rund 2,84 Billionen Euro beziehungsweise 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Damit ist die Schuldenquote nur etwas mehr als halb so hoch wie in Großbritannien. Ein Grund dafür ist die deutsche Schuldenbremse. Seit 2009 ist sie im Grundgesetz verankert. Der Bund darf strukturell grundsätzlich nur Kredite von 0,35 Prozent des BIP aufnehmen. Die Schuldenbremse begrenzt zwar den regulären Haushalt, hat aber keineswegs verhindert, dass die Politik immer neue Konstruktionen geschaffen hat, um sie zu umgehen. Sondervermögen, Notlagenkredite und kreditfinanzierte Fonds haben den Spielraum erweitert. Die Regel existiert – doch Deutschland hat beträchtliche Kreativität darin entwickelt, neue Schulden mit ihr kompatibel zu machen. Am untersten Ende der Skala steht die Schweiz. Nach IMF-Definition liegt ihre gesamtstaatliche Bruttoverschuldung bei lediglich rund 39 bis 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch sie musste Finanzkrise, Pandemie und Energiepreisschock verkraften. Der entscheidende Unterschied zu Deutschland liegt darin, dass die Schweiz, die ebenfalls eine Schuldenbremse besitzt, diese auch konsequent anwendet. Die Schweizer Regel gilt seit 2003 und zwingt den Bundeshaushalt über den Konjunkturzyklus hinweg grundsätzlich zum Ausgleich. Defizite in schwachen Jahren müssen durch Überschüsse in besseren Zeiten kompensiert werden. Ausnahmen sind möglich, werden aber mit klaren Rückzahlungsmechanismen verbunden. Das Ergebnis ist ein bemerkenswerter Kontrast. Großbritannien zeigt, wie mehrere Krisen zusammen mit dauerhaft hohen Defiziten und politischen Fehlgriffen einen einstmals überschaubaren Schuldenberg in eine Belastung von mehr als 3 Billionen Pfund verwandeln können. Deutschland zeigt, dass eine Schuldenbremse den Anstieg begrenzen kann – sofern politische Ausweichwege nicht zum Normalfall werden. Und die Schweiz demonstriert, was passiert, wenn eine Fiskalregel nicht nur im Gesetz steht, sondern über Jahrzehnte tatsächlich ernst genommen wird. Autor: Ingo Kolf, wallstreetONLINE Redaktion