Dieses Hobby ist der perfekte Booster fürs Gehirn
Wer regelmäßig zum Buch greift, tut sich damit offenbar mehr Gutes, als viele ahnen. Eine neue Übersichtsarbeit liefert Belege für die positiven Effekte – und zeigt, welche Art zu lesen besonders wirkt.
Bücher aufschlagen, abtauchen, abschalten – was viele Menschen als entspannenden Zeitvertreib schätzen, erweist sich zunehmend als wirksamer Schutzfaktor für die Gesundheit des Gehirns.
Eine neue Übersichtsarbeit, die im Fachjournal "Psychological Medicine" veröffentlicht wurde, fasst die bisherige Forschungslage zusammen – und die Ergebnisse sind eindeutig: Freiwilliges Lesen korreliert mit besserer Aufmerksamkeit, stärkerem Erinnerungsvermögen, weniger psychischen Beschwerden und einem insgesamt gesünderen Lebensstil.
"Lesen ist eine hervorragende Möglichkeit, unsere Gehirngesundheit zu unterstützen, wichtige kognitive Fähigkeiten zu entwickeln und unser Wohlbefinden zu stärken", erklärte Barbara Sahakian, Professorin an der Universität Cambridge und Autorin der Arbeit. Dabei sei es nie zu spät, mit dem Lesen anzufangen – die positiven Effekte begleiteten Menschen bis ins hohe Alter.
Romane als "Trockenübung" für soziale Situationen
Besonders auffällig fielen die Ergebnisse bei Menschen aus, die regelmäßig Romane lasen. Die Forschenden vermuten, dass Belletristik eine Art mentales Training darstellt: Leserinnen und Leser durchleben fiktive Szenarien und üben dabei gewissermaßen, wie sie sich in bestimmten Lebenssituationen verhalten könnten. Die emotionale Bindung an literarische Figuren könne zudem das Gefühl von Einsamkeit verringern.
Die Originalstudie verweist in diesem Zusammenhang auf funktionelle Bildgebungsdaten: Beim Lesen von Geschichten mit sozialem Inhalt werden demnach Hirnregionen aktiviert, die mit der Fähigkeit, sich in das Denken und Fühlen anderer hineinzuversetzen, in Verbindung stehen. Personen, die häufig Belletristik konsumierten, schnitten bei Tests zur sozialen Kognition messbar besser ab.
Auch Umfragedaten untermauern diesen Befund: Bereits 30 Minuten wöchentliche Lektüre genügten demnach, dass knapp zwei Drittel der Befragten angaben, die Gefühle anderer Menschen besser nachvollziehen zu können. Die Hälfte der regelmäßig Lesenden berichtete zudem von einer toleranteren Haltung gegenüber abweichenden Überzeugungen.
Frühes Lesen formt die Hirnstruktur nachhaltig
Einen besonders eindrücklichen Beleg für die Langzeitwirkung des Lesens liefert eine groß angelegte Untersuchung im Rahmen der US-amerikanischen ABCD-Studie, auf die sich die Cambridge-Übersichtsarbeit stützt. Darin wurden mehr als 10.000 Jugendliche im Alter von neun bis elf Jahren erfasst und über mehrere Jahre begleitet. Rund die Hälfte der Teilnehmenden hatte in der frühen Kindheit begonnen, aus eigenem Antrieb zu lesen.
Diese Gruppe wies im Jugendalter nicht nur bessere Werte bei Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Arbeitsgedächtnis auf, sondern zeigte auch weniger Anzeichen von Stress und Depression. Darüber hinaus pflegten die frühzeitigen Leserinnen und Leser einen gesünderen Lebensstil mit weniger Bildschirmzeit und mehr Schlaf. Auf neurologischer Ebene verfügten sie über größere Areale in Hirnregionen, die für Sprache, Kognition und emotionale Regulation zuständig sind.
Diese positiven Zusammenhänge bestanden unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund der Familien. Ob die Kinder aus wohlhabenden oder einkommensschwachen Verhältnissen stammten, spielte für die gemessenen Vorteile keine entscheidende Rolle.
Gerade für Kinder aus einkommensschwachen Familien kann eine frühe Leseförderung dazu beitragen, Nachteile auszugleichen, die mit Armut und geringeren Bildungschancen verbunden sind. "Angesichts der vielen Vorteile, die das Lesen gerade in jungen Jahren mit sich bringt, sollten wir alles daransetzen, Kinder und Jugendliche fürs Lesen zu begeistern", betont auch Studienautorin Christelle Langley.
Schutzschild gegen Demenz und Alzheimer
Für ältere Menschen könnten die Erkenntnisse der Übersichtsarbeit besonders relevant sein. Mehrere Langzeitstudien, die in der Cambridge-Publikation zusammengefasst werden, dokumentieren einen deutlichen Zusammenhang zwischen regelmäßiger Lektüre und einem reduzierten Risiko für kognitiven Abbau sowie Demenz.
So ergab eine Untersuchung mit über 800 Teilnehmenden ab 65 Jahren, dass kognitiv stimulierende Aktivitäten wie das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern mit einer Verringerung des Alzheimer-Risikos um 33 Prozent einhergingen.
Eine weitere Studie mit knapp 470 Personen ab 75 Jahren ermittelte ein um 35 Prozent niedrigeres Demenzrisiko bei regelmäßig Lesenden. Über einen Beobachtungszeitraum von 14 Jahren bestätigte eine dritte Untersuchung, dass mindestens einmal wöchentliches Lesen das Risiko eines kognitiven Verfalls signifikant minderte – und zwar auf allen Bildungsniveaus.
Buchklubs wirken als sozialer Verstärker
Die positiven Effekte des Lesens potenzieren sich offenbar noch, wenn Menschen gemeinsam lesen. Lesekreise und Buchklubs reduzierten nachweislich das Gefühl von Isolation und stärkten die soziale Verbundenheit, heißt es in der Übersichtsarbeit.
Barbara Sahakian betont, dass solche Gruppen gerade für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität eine besonders geeignete Aktivität darstellten. "Wer nicht mehr zu Gymnastik- oder Fahrradgruppen gehen kann, findet in einem Lesekreis ein Angebot, das für die meisten gut machbar ist", so Sahakian. Da Einsamkeit als eigenständiger Risikofaktor für Demenz gelte, könne die soziale Komponente des gemeinsamen Lesens einen zusätzlichen Schutzeffekt entfalten.
Eine systematische Auswertung von elf Studien bestätigte laut der Cambridge-Publikation, dass gemeinsames Lesen unter älteren Erwachsenen das Wohlbefinden steigerte und Einsamkeit sowie soziale Isolation verringerte.
Lesefreude bei Jugendlichen geht drastisch zurück
Trotz der wachsenden wissenschaftlichen Evidenz für die Vorteile des Lesens schwindet die Leselust bei jungen Menschen in besorgniserregendem Tempo. Der aktuelle PISA-Bericht dokumentiert einen weltweiten Rückgang der Lesekompetenz unter 15-Jährigen.
Die Forschenden führen diesen Trend unter anderem auf zunehmende digitale Ablenkung zurück. Mitautorin Christelle Langley plädierte dafür, Themen aufzugreifen, die Jugendliche tatsächlich begeistern – etwa Bezüge zu Lieblingsserien oder Spielen. "Wichtig ist, etwas zu finden, über das sie wirklich gerne lesen würden – das kann eine Fernsehsendung oder ein Spiel sein – und dies als Einstieg zu nutzen", so Langley.
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Angesichts weltweit steigender Zahlen psychischer Erkrankungen ordnen die Autorinnen und Autoren der Cambridge-Übersichtsarbeit das Lesen als einen der "niedrigschwelligsten und kostengünstigsten Schutzfaktoren über die gesamte Lebensspanne" ein. Ob gedrucktes Buch, E-Reader, Zeitschrift oder Comic – entscheidend sei, dass die Lektüre freiwillig und mit Freude geschehe.
Die genauen neurobiologischen Mechanismen, über die das Lesen seine schützende Wirkung entfaltet, seien allerdings noch nicht vollständig entschlüsselt, räumen die Forschenden ein. Weitere experimentelle Untersuchungen müssten klären, ob auch Menschen, die erst im Erwachsenenalter mit dem regelmäßigen Lesen beginnen, von vergleichbaren strukturellen Veränderungen im Gehirn profitieren können. (red)