Digitale Erziehung: Wenn Eltern selbst nicht vom Handy loskommen
Eltern kämpfen mit der eigenen Bildschirmzeit. Ausgerechnet Tech-Bosse entdecken für ihre Kinder den Wert der Langeweile. Ein Spaziergang genügt, um diese Wirklichkeit zu sehen: Väter schieben Kinderwagen und schauen aufs Smartphone. Mütter sitzen auf Spielplatzbänken und scrollen. Im Café liegt das Handy griffbereit neben den Eltern. Und abends sagen dieselben Erwachsenen zu ihrem Kind: Leg endlich das Handy weg. Die Szene hat etwas Komisches. Sie beschreibt aber ein ernsthaftes Dilemma: Eltern sollen ihren Kindern einen vernünftigen Umgang mit einer Technik beibringen, deren Anziehungskraft sie selbst kaum widerstehen können. Wie begrenzt diese Selbstbeherrschung ist, wird auch in der neuen Studie "Eltern im Fokus 2026" der Körber-Stiftung sichtbar. Darin wurden 1.004 Eltern von 12- bis 18-Jährigen zu ihrem digitalen Familienalltag befragt. Die meisten Eltern stellen sich selbst ein gutes Zeugnis aus. Digitale Alltagsaufgaben? Kein Problem. Doch bei der Selbstdisziplin wird das Bild weniger schmeichelhaft: 37 Prozent geben an, ihre eigene Bildschirmzeit eher schlecht regulieren zu können. Bei ihren Kindern sehen sie das Problem noch deutlicher. 63 Prozent halten deren Fähigkeit zur Selbstbegrenzung für schlecht. Gleichzeitig haben 80 Prozent der Familien Regeln zur Mediennutzung aufgestellt, etwa ein Handyverbot beim Essen. Regeln aufzustellen ist leichter, als ihnen selbst zu folgen. Die Tech-Elite entdeckt den Verzicht Ausgerechnet im Silicon Valley fallen die Konsequenzen besonders radikal aus. Der Silicon-Valley-Kenner der New York Times, David Streitfeld, hat zusammengetragen, wie die Personen ihre Kinder erziehen, die unsere digitale Welt mitgeschaffen haben. Peter Thiel, erster externer Investor von Facebook, begrenzte die Bildschirmzeit seiner damals dreieinhalb und fünf Jahre alten Kinder auf anderthalb Stunden pro Woche. Microsoft-Gründer Bill Gates gab seinen Kindern erst mit 14 ein Mobiltelefon. Snap-Chef Evan Spiegel berichtet, sein Zweijähriger bekomme praktisch gar keine Bildschirmzeit. Steve Chen, Mitgründer von YouTube, möchte, dass seine Kinder lernen, Dinge auf die "langsame, schwierige Art" zu erledigen. Das ist mehr als eine Kuriosität. Es deutet auf einen Wandel im Verständnis von Medienkompetenz hin. Vielleicht besteht sie nicht nur darin, souverän mit digitalen Geräten umzugehen. Sondern auch darin, sie nicht zu benutzen. Und dann kommt die KI Bei Künstlicher Intelligenz wird diese Grenzziehung komplizierter. Mark Zuckerberg erzählt begeistert, seine achtjährige Tochter programmiere bereits eigene Ideen. Wenn sie zusammen backen, zitiert ihn die New York Times, bestelle die KI die Zutaten und mache anschließend Vorschläge". Sam Altman, Chef von OpenAI, ist beim eigenen Kind vorsichtiger. Er wisse noch nicht, wann er seinen Sohn mit KI sprechen lassen werde. Lieber wolle er damit etwas zu spät beginnen als zu früh. Und dann erzählt ausgerechnet der Chef eines Unternehmens, das daran arbeitet, noch den letzten unbelegten Augenblick mit digitaler Assistenz zu füllen, von seiner eigenen Kindheit. Er habe sich oft gelangweilt und das gehasst. Heute hält er diese Langeweile für ungeheuer wertvoll. Seinen Sohn möchte er "nach draußen schicken, damit er im Dreck spielt". Auch deutsche Eltern müssen die Grenze bei KI erst finden. Mehr als die Hälfte möchte laut Körber-Studie besser verstehen, wie die Anwendungen funktionieren und sinnvoll genutzt werden können. Vielleicht liegt darin die überraschendste Pointe der neuen digitalen Erziehung: Nicht der möglichst frühe Zugang zur neuesten Technologie könnte zum Privileg werden, sondern die Möglichkeit, ihr gelegentlich zu entkommen.