Digitoxin senkt Risiko bei Herzschwäche: Winterstein-Preis für DIGIT-HF
Die an der MHH geleitete DIGIT-HF-Studie weist einen Zusatznutzen von Digitoxin bei Herzschwäche mit reduzierter Auswurffraktion nach. Die Deutsche Herzstiftung zeichnete das Projekt mit dem Wilhelm P. Winterstein-Preis 2026 aus.
Eine Zusatztherapie mit dem Herzglykosid Digitoxin verringert bei Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche und reduzierter Auswurffraktion (HFrEF) die Sterblichkeit und die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen Herzinsuffizienz. Das ist das Ergebnis der Studie DIGIT-HF der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die 2025 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Gefördert wurde das Projekt vom BMFTR als Hauptförderer sowie von der Deutschen Herzstiftung.
Für die Studie ist das MHH-Team um Oberarzt Prof. Dr. Udo Bavendiek und Prof. Dr. Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie der MHH, auf der Jahreshauptversammlung der Deutschen Herzstiftung mit dem Wilhelm P. Winterstein-Preis 2026 ausgezeichnet worden. „In der Versorgung von Patienten mit Herzschwäche sind die Ergebnisse der DIGIT-HF-Studie von großer Bedeutung, weil Digitoxin jetzt eine gesicherte weitere Therapieoption für Patienten mit der fortgeschrittenen Herzschwäche HFrEF darstellt“, sagte Prof. Dr. Thomas Voigtländer, Kardiologe und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung.
Studienaufbau und Endpunkt
Eingeschlossen waren mehr als 1.200 Patienten mit schwerer Herzschwäche in etwa 50 Zentren in Deutschland, Österreich und Serbien, entweder im Schweregrad NYHA III oder IV mit einer LVEF von unter oder gleich 40 Prozent oder im Stadium II und besser mit einer LVEF von maximal 30 Prozent. Alle waren bereits mit den modernen Standardmedikamenten behandelt; die Hälfte erhielt zusätzlich niedrig dosiertes Digitoxin, die andere Hälfte Placebo. Nach einer mittleren Beobachtungszeit von rund drei Jahren lag das Risiko, wegen einer Verschlechterung der Herzschwäche ins Krankenhaus zu müssen oder vorzeitig zu sterben, in der Digitoxin-Gruppe um 18 Prozent niedriger.
Sicherheit auch bei Vorhofflimmern
„Ergebnisse aus zehn Jahren Forschung mit mehr als 1.200 Teilnehmenden haben die Sicherheit und Wirksamkeit des Herzglykosides Digitoxin bei Menschen mit HFrEF-Diagnose bestätigt“, so Bavendiek. Nach seinen Angaben zeigte die Studie zudem erstmals, dass Herzglykoside in der Subgruppe der Herzschwächepatienten mit Vorhofflimmern sicher eingesetzt werden können. Unerwünschte und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse unterschieden sich zwischen Digitoxin- und Placebogruppe nicht signifikant; eine Dosisanpassung nach Blutspiegelbestimmung erfolgte nur zu Therapiebeginn, in der Regel genügt danach eine jährliche Kontrolle.
Einordnung in die Herzinsuffizienztherapie
Rund 70 Prozent der Teilnehmenden befanden sich im NYHA-Stadium III oder IV, der Anteil schwer erkrankter Patienten lag damit nach Darstellung der Herzstiftung höher als in früheren Herzinsuffizienz-Studien. Besonders Patienten mit einer Herzfrequenz über 75 Schlägen pro Minute oder einem systolischen Blutdruck unter 120 mmHg profitierten von der Zusatzgabe. Anders als Digoxin sei Digitoxin auch bei gestörter Nierenfunktion ohne regelmäßige Spiegelkontrollen anwendbar, so Bavendiek.
Vier Millionen Betroffene in Deutschland
In Deutschland sind etwa vier Millionen Menschen von Herzschwäche betroffen; die Erkrankung ist die häufigste Einzeldiagnose für vollstationäre Krankenhauseinweisungen und zählt zu den häufigsten Todesursachen. Herzglykoside wurden in der modernen Therapie zuletzt nachrangig eingesetzt, die stützt sich vor allem auf Betablocker, ACE-Hemmer oder verwandte Substanzen, Mineralokortikoidrezeptor-Antagonisten und SGLT2-Hemmer. Digitoxin und Digoxin werden in den beim ESC-Kongress vorgestellten neuen Leitlinien zur Therapie der Herzinsuffizienz ausführlicher berücksichtigt.
Angaben der Deutschen Herzstiftung zur Studie: Informationen zur DIGIT-HF-Studie
Über die Deutsche Herzstiftung
Die Deutsche Herzstiftung e. V. wurde 1979 gegründet und ist nach eigenen Angaben die größte gemeinnützige und unabhängige Anlaufstelle für Patienten und Interessierte im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie klärt über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, deren Vorbeugung sowie Diagnose- und Therapiemöglichkeiten auf und fördert gemeinsam mit der 1988 von ihr gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) Forschungsprojekte. Im Wissenschaftlichen Beirat wirken rund 500 Herzspezialisten mit, Vorstandsvorsitzender ist der Kardiologe Prof. Dr. Thomas Voigtländer.