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Dirk Roßmann: Was der Drogerie-Pionier über die Börse verrät

Nation

Herr Roßmann, Sie sind Multimilliardär, Bestsellerautor und Börsenspekulant. Natürlich kennt man den Namen Rossmann von den Drogeriefilialen. Was weniger bekannt ist: Sie waren der Erste überhaupt, der einen Drogeriemarkt mit Selbstbedienung eröffnet hat. Wie kam es dazu?

Ich bin quasi in der Drogerie meiner Eltern aufgewachsen und habe nach dem Volksschulabschluss dort gearbeitet. Drogerien waren damals Geschäfte mit Tresen, Bedienung und fixen Preisen. Egal ob Odol oder Persil, alles hat überall gleich gekostet. Diese Preisbindung wollte die sozial-liberale Koalition abschaffen. Und da war mir gleich klar, dass die Kosten sinken müssen, wenn die Waren billiger angeboten werden sollen. So kam es, dass ich im Alter von 25 Jahren im März 1972 die erste Selbstbedienungsdrogerie in Deutschland eröffnet habe.

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Sie haben dann gleich mit drastischen Sonderangeboten geworben. Dabei war die Preisbindung noch gar nicht aufgehoben. Das war illegal.

Ja, in dem Moment vielleicht schon, aber die Entwicklung war absehbar. Es war sowieso klar, dass die Preisbindung bald fallen wird. Ich habe auch später etwas geschummelt. Als ich 40.000 Exemplare des „Spiegel“ in die DDR gebracht habe – obwohl ich dafür hätte verhaftet werden können.

Da sind Sie offensichtlich stolz drauf.

Natürlich bin ich stolz. Entscheidend ist, ein Gefühl dafür zu haben, wann Mut nötig ist und wann Mut womöglich nicht hart bestraft wird. So war es mit der Preisbindung. Diese abzuschaffen, war eine Notwendigkeit, weil dadurch die Konsumwaren billiger wurden. Ich wusste, im Grunde tue ich nichts Schlimmes. Ich befolge nur einen Prozess, der sowieso längst schon im Gang und sehr weit fortgeschritten ist.

Wann in Ihrem Unternehmerleben hat Sie der Mut verlassen? Wann hat die Angst übernommen?

Die Ängste kamen, als ich in den 1990er-Jahren viel Geld brauchte. Die Expansion in Ostdeutschland, dann in Polen, Ungarn und Tschechien. Das hat viel Geld gekostet. Das Eigenkapital war klein, die Rendite war auch nicht hoch. Da habe ich viel riskiert.

Hat Rossmann Verlust gemacht?

Ja, im Jahr 1996 haben wir zwölf Millionen D-Mark Verlust gemacht. Und wir hatten nur acht Prozent Eigenkapital in der Bilanz. Heute sind es 65 Prozent. Also, das waren Zeiten … Wenn Sie am Freitag nicht wissen, ob Sie am Montag die Gehälter auszahlen können.

Da war das Unternehmen ja schon beinahe pleite. Acht Prozent Eigenkapitalquote …

Nun ja, pleite nicht in dem Sinn, dass die Firma marode war. Das Problem war die fehlende Liquidität. Es reicht, wenn Sie als Händler eine einzige Zahlung nicht leisten können und sich das herumspricht: In dem Moment liefert Ihnen keiner mehr etwas. Also, das war schon kritisch.

Wie ist es dann gelungen, dass Sie von Angst wieder auf Mut umschalten konnten?

Meine wunderbare Frau hat mir dabei geholfen. Mein Verstand auch ein bisschen: Wenn die Banken gesunde Verhältnisse sehen, muss der Inhaber keine Angst mehr haben. Und meine Mitarbeiter haben mich auch sehr unterstützt. Als es wirklich ganz schwierig war, haben wir ein neues Konzept entwickelt, das von unseren Kunden großartig angenommen wurde. Statt Colgate, Persil und Jacobs Kaffee haben wir Eigenmarken entwickelt. Dadurch hatten die Kunden immer wieder einen Grund, zu Rossmann zu kommen, weil es diese Eigenmarken eben nur bei uns gab. Meine Frau hat damals die Ideenwelt geschaffen.

Die Ideenwelt, das sind diese Regale mit praktischen oder auch überflüssigen Alltagsprodukten, die es jeweils nur vorübergehend gibt?

Im Ideenweltregal gibt es einiges zu entdecken, und das schätzen unsere Kunden sehr. Diese Waren haben viel weniger gekostet als Markenartikel, waren aber besser als diese. Unser Schirm für 2,75 D-Mark bekam von der Stiftung Warentest eine bessere Bewertung als der Knirps für 70 Mark. Ein Extrembeispiel. Aber das Entscheidende war: Wir bekamen ein eigenes Profil. Damals gab es in Deutschland 18 Drogeriemarktketten, die zum Teil deutlich größer waren als Rossmann. Aber geschafft haben es – wenn man mal Müller außen vor lässt – nur DM und Rossmann.

Später ist Rossmann schließlich doch hinter DM zurückgefallen?

Nein, das sehen Sie nicht ganz richtig. Zwar ist DM mit einem Abstand von über zwei Milliarden Euro das umsatzstärkste Drogeriemarktunternehmen Deutschlands. Aber Rossmann macht ein Vielfaches des Ertrags, und das seit zehn Jahren.

Zahlen zu den Gewinnen veröffentlichen Sie beide leider nie. Also lassen wir das mal so stehen und sprechen über den Dritten im Ranking, Müller. Der ist doch auch ganz schön groß mit rund fünf Milliarden Euro Umsatz. Eine Million Menschen kaufen dort täglich ein, habe ich gelesen.

Die klassischen Drogeriemärkte sind für mich DM und Rossmann. Müller hat schon eher Kaufhaus-Charakter. Oft sind das drei- oder vierstöckige Häuser mit einem sehr breiten Sortiment.

Ich nehme an, Sie kennen Herrn Müller auch gut? Auch wenn er noch ein paar Jahre älter ist – er wird in wenigen Tagen 94 Jahre alt.

Natürlich bin ich dem Erwin schon ein paarmal begegnet. Aber privat kenne ich ihn nicht gut. Mit Götz Werner von DM hingegen war ich befreundet.

Ich hätte das erwartet – schon weil Sie beide offenbar eine gewisse Liebe zum Zocken verbindet?

(Lacht) Was soll ich jetzt sagen? Zocken würde ich das nicht nennen. Als ich zwölf Jahre alt war und 40 Mark gespart hatte, habe ich davon eine Bayer-Aktie gekauft. Mit 14 Jahren fing ich an, den „Aktionär“, also die wöchentliche Börsenzeitung zu lesen. Mich haben Aktien immer interessiert. Und mich hat es immer interessiert, auch etwas anderes zu machen als das Drogeriegeschäft. Wie hat der Weltklassetennisspieler Djokovic in der F.A.Z. neulich gesagt? Er hasse Tennis. Er habe es immer gehasst, jede Sekunde. Ich habe die Drogeriemärkte natürlich nicht gehasst, aber so ein bisschen ausbrechen, auch etwas anderes ausprobieren, das wollte ich schon …

Spannend. Wie wichtig ist Geld für die Berufswahl?

Ein Taxifahrer in Berlin hat mir kürzlich erzählt, dass er einige Jahre Ägyptologie studiert hat. Da denke ich, es wäre doch besser, ein Taxiunternehmen aufzumachen. Ägyptologie ist sicherlich unglaublich interessant zu studieren, aber ich würde mich immer für die Sicherheit entscheiden, später auf dem Arbeitsmarkt mehr Möglichkeiten zu haben. Also, ich möchte heute nicht alt sein und ohne materielle Sicherheit. Geld bedeutet für mich Freiheit.

Wie gut können Sie damit umgehen, wenn Sie mal verlieren? An der Börse zum Beispiel?

Heute? Entspannt. Damals in den Neunzigerjahren, als das Geld fehlte, war das anders.

Tatsache ist, dass Sie das offenbar ganz clever machen an der Börse und nicht verlieren. Ich habe mal nachgerechnet und komme allein für Ihr Aktienpaket von 15 Prozent an Aurubis auf einen Wert von aktuell 1,2 Milliarden Euro. Dabei haben Sie doch vergleichsweise wenig investiert, oder? Vielleicht hundert Millionen?

Nein, das war schon deutlich mehr. Generell arbeite ich gern mit Derivaten, viel mit Puts und Calls. Ich verkaufe theoretisch, kaufe wieder nach und so weiter. Das ist kompliziert. Die 15 Prozent, die Sie gerade genannt haben, das sind echte Aktien. Wobei der Aurubis-Kurs von 225 Euro im Frühjahr schon wieder auf 175 Euro zurückgegangen ist, obwohl sie super Zahlen gemeldet haben im vergangenen Quartal.

Hm. Für den Kupfermarkt gibt es ja auch skeptische Prognosen.

Das muss man richtig einordnen. Man braucht Kupfer für Rechenzentren, für Elektroautos, für Windräder und vieles andere. Es wird eher eine Kupferknappheit geben, weil die Minen gar nicht so viel hergeben. Außerdem geht es bei Aurubis nicht nur um Kupfer. Aurubis verdient ebenfalls mit Gold und Silber, mit Schwefelsäure und vielem anderen, was in der Wertschöpfungskette anfällt.

Wollen Sie Ihren Anteil an Aurubis noch aufstocken?

Also, mittlerweile liegt der Preis ja um die 175 Euro. Deshalb bin ich vorsichtiger. Ich bin momentan bei K + S engagiert.

Aber Ihren Kumpel, den Bauunternehmer Günter Papenburg, haben Sie überredet, oder überzeugt, Aurubis-Aktien zu kaufen? Sein früherer Vorstoß bei Salzgitter, Großaktionärin von Aurubis, war ja als feindlicher Übernahmeversuch abgelehnt worden.

Das liegt doch auf der Hand. Günter Papenburg hat seinen Bestand an Salzgitter-Aktien stark abgebaut, was ja bekannt ist. Salzgitter ist auch Hauptaktionärin der Aurubis. Nun baut er dort einen Bestand auf.

Haben Sie mit Papenburg irgendwelche Absprachen? Zusammen könnten Sie bei Aurubis bald über 30 Prozent kommen und dann ein Übernahmeangebot machen …

Es gibt keine Absprachen. Unabhängig davon würden wir doch bei einem solchen Geschäft von Milliarden reden. Ich würde vor allen Dingen eins nicht machen: Schulden. Das ist etwas, das ich aus tiefstem Herzen hasse. Ich kaufe auch nur Aktien von Unternehmen, die nicht so hoch verschuldet sind. Ich würde kein unüberschaubares Risiko eingehen.

Schauen wir noch mal auf die anderen Aktien, die Sie halten.

Bei K + S komme ich auf 300 Millionen Euro. Und an Bastei Lübbe halte ich knapp 30 Prozent …

… das ist der Verlag, in dem Ihre Bücher erschienen sind. Mir sind noch zwei Beteiligungsgesellschaften aufgefallen. Sie sind Hauptaktionär bei der DBAG mit 29 Prozent und ebenso bei der GBK. Wollen Sie da gezielt den Mittelstand stärken?

Es dürften sogar schon annähernd 60 Prozent sein bei der GBK. Das geht auf die Zeit zurück, als Rossmann in den Neunzigerjahren dringend Kapital brauchte und sich Hannover Finanz beteiligte. Hannover Finanz arbeitet mit der GBK als Eigenkapitalinvestor im Mittelstand eng zusammen. Später habe ich mich dann dort beteiligt.

Das ist spannend. Dann ist es also auf Hannover Finanz zurückzuführen, dass Rossmann einen chinesischen Miteigentümer hat?

Ja. Hannover Finanz war mit 40 Prozent an Rossmann beteiligt und hat diese Beteiligung dann weitergereicht. Über verschiedene Zwischenschritte ist der Anteil dann zu CK Hutchison gekommen. Dieser Mischkonzern aus Hongkong ist international bedeutend im Drogeriegeschäft über die A.S. Watson Group. Aber sie sind nur an den Rossmann-Drogeriemärkten beteiligt, nicht an unserem Beteiligungsgeschäft und sonstigen Aktivitäten.

Einen chinesischen Miteigentümer hätten Sie sich wohl kaum selbst ausgesucht, nicht wahr? Aber Sie haben es wohl nicht verhindern können, dass der Anteil weiterverkauft wird?

Natürlich hat man uns gefragt, zumindest pro forma. Aber ich hatte da auch Gottvertrauen. Es gab über Jahrzehnte nie eine Dissonanz. Sie freuen sich über unseren anhaltenden Erfolg.

Sind Sie glücklich mit all dem, was Sie in Ihrem Unternehmerleben erreicht haben?

Ich bin hochzufrieden und sehr glücklich mit Blick darauf. Aber wenn ich die Welt um mich herum sehe, bin ich natürlich alles andere als glücklich.

Was macht Ihnen Sorge jenseits der eigenen Unternehmensgruppe?

Mich besorgt zutiefst, dass die irrationalen, inhumanen Kräfte auf der Welt sich immer weiter ausbreiten und wir die Demokratie in Teilen zu verlieren scheinen, diesen großen Schatz, der die Notwendigkeit zu Diskussionen und Kompromissen mit sich bringt. Schlimm ist auch, dass viele Menschen heute weder eine Zeitung lesen noch Bücher, sondern vor allem von den sozialen Medien beeinflusst werden.

Stimmt es eigentlich, dass Sie selbst gar kein Handy haben?

Doch dieses Nokia hier. Es ist, glaube ich, 30 Jahre alt. Davon habe ich noch 30 Stück als Ersatz. Ich habe noch nie eine SMS geschrieben. Sie werden hier keinen Laptop bei mir finden. Aber ich lehne ja Technologie nicht ab, ich habe nur den Luxus, dass ich eine Sekretärin habe, und wir haben viele IT-Mitarbeiter bei Rossmann. Aber im Ernst, diese Algorithmen, die Tatsache, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen, das ist ein Riesenproblem, das besorgt mich.

Am Montag werden Sie 80 Jahre alt. Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Wir werden eine Städtereise machen, dann sind wir als Familie mal fünf Tage zusammen. Da freue ich mich drauf. Es ist wie bei anderen Leuten auch, es sind ja alle sonst immer sehr beschäftigt, und da werden wir mal wieder sehr viel Zeit in Ruhe miteinander haben.

Sie haben mir auch schon verraten, dass Sie in den nächsten Tagen einen großen Preis für Ihr Lebenswerk bekommen. Das ist auch eine Art Geburtstagsgeschenk, nicht wahr?

Ich glaube, das Datum ist eher ein Zufall, aber ein Geschenk ist es sicher. Das ehrt mich, und ich freue mich sehr. Der deutsche Philosoph Schopenhauer, dem ja immer eine gewisse Bitterkeit nachgesagt wurde, ist im Alter auch immer milder und zufriedener geworden, nachdem die Anerkennung für sein philosophisches Werk weiter wuchs. Da ging es ihm auch persönlich besser. Also, wenn jemand eine Anerkennung bekommt, dann ist das doch schön.

Milde sind Sie auch geworden …

Also, wenn ich Tennis spiele, dann bin ich mit meinem Gegner nicht milde, gar nicht. Ich bin sehr ehrgeizig. Aber egal ob Tennis, Fußball oder Schach: Während des Spiels bin ich sehr engagiert. Aber wenn es vorbei ist, ist es vorbei.

Dirk Roßmann

Ein feines Gespür für das, was Geld bringt, zeigte Dirk Roßmann schon in seiner Schulzeit, als er die Nachbarschaft mit Drogerieartikeln belieferte, die er zuvor in der mütterlichen Drogerie mit einem kleinen Abschlag besorgt hatte. Im Alter von 25 Jahren lockte der gelernte Drogist die Kundschaft mit Sonderangeboten und riskierte damit sehenden Auges Krach mit den Lieferanten, die auf die gesetzliche Preisbindung pochten. Roßmann hielt durch, wie in vielen anderen Krisen auch. Heute kommt die Drogeriemarktkette Rossmann mit 67.700 Beschäftigten auf einen Umsatz von 16,6 Milliarden Euro. Die sehr solide Eigenkapitalquote von 65 Prozent zeigt, wie hoch die Gewinne seit vielen Jahren sein müssen. Dirk Roßmanns Söhne Daniel (geboren: 1976) und Raoul (geboren: 1985) rückten in die Leitungsebene auf, als er das übliche Pensionsalter erreicht hatte. Aber erst als er schon 75 war, zog er sich im Jahr 2021 aus der Geschäftsführung zurück. Da hatte er längst schon seine Biographie und den ersten Ökothriller („Der neunte Arm des Oktopus“) veröffentlicht, beides Bestseller wie auch spätere Werke. Die nächste Buchidee reift schon. Es könnte ein Blick auf andere große Unternehmer in Deutschland sein, die oft auch ganz im Stillen Großes bewegen. Mittlerweile verbucht Dirk Roßmann einige Erfolge an der Börse, zuletzt mit großen Positionen an Aurubis sowie K + S. Sein vielfältiges Engagement wurde mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Am 7. September wird Dirk Roßmann 80 Jahre alt. (sup.)

Quelle: F.A.Z.Artikelrechte erwerben

Susanne Preuß

Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

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