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"Dirty Rome": Historiker zieht Vergleich zwischen Trump und antikem Rom

Welt

Ein "Goldenes Zeitalter" hat Donald Trump versprochen. In der Realität richtet der US-Präsident mächtig Schaden an. Historiker Michael Sommer erklärt, warum der Blick auf die Schattenseiten Roms dabei hilft, einen kühlen Kopf zu bewahren.

In den Vereinigten Staaten wird das alte Rom verehrt, auch und gerade innerhalb von Donald Trumps MAGA-Bewegung. Dabei gab es in Rom neben Licht auch reichlich Schatten, insbesondere in moralischer Hinsicht. Historiker Michael Sommer beschreibt in seinem Buch "Dirty Rome" die Schattenseiten des Römischen Imperiums – und führt im Gespräch aus, warum die Beschäftigung mit Roms verrufensten Herrschern auch in Zeiten Donald Trumps lehrreich sein kann.

Wie korrupt und dekadent ging es in der Antike zu? Welcher römische Kaiser war ein Meister in der Verbreitung von Fake News und Desinformation? Und welche Lehre lässt sich aus der schmutzigen Seite Roms für die Gegenwart ziehen? Diese Fragen beantwortet Michael Sommer im Folgenden.

t-online: Professor Sommer, der Titel Ihres neuen Buches lautet "Dirty Rome". Wie "schmutzig" ging es denn im alten Rom zu?

Michael Sommer: Im antiken Rom ging es ziemlich schmutzig zu, ebenso wie es heute reichlich schmutzig, chaotisch und laut zugeht. Wir stellen uns die Antike oft allzu rosig vor, als eine Welt der Kunst, der Schönheit und der Einfachheit. Aber Rom war keineswegs eine durchweg auf Hochglanz polierte Kunstlandschaft.

Der erste römische Kaiser, Augustus, will Rom von einer Stadt aus Ziegeln in eine Stadt aus Marmor verwandelt haben. Ist doch nicht alles Gold, was glänzt?

Überhaupt nicht. Rom war ohne Zweifel das "Haupt der Welt": an vielen Stellen edel und glänzend, zugleich war es ein stinkender Müllhaufen. Und das meine ich wortwörtlich. Während die Reichen und Mächtigen in prachtvollen Palästen lebten, bedient und versorgt von ihren Sklaven, war das Leben der einfachen Römer doch weit bescheidener. Das gilt erst recht für die Menschen, die am unteren Ende der Gesellschaft lebten. Sie wurden – wie auch die meisten Sklaven und Frauen – in der Regel wie der letzte Dreck behandelt. Ein nicht geringer Teil Roms war übrigens ein Slum.

Zur Person

Michael Sommer, geboren 1970, lehrt Alte Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Der Historiker ist Autor zahlreicher Bücher zur Antike, darunter "Mordsache Caesar" (2024) und "Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram" (mit Stefan von der Lahr). Kürzlich erschien Sommers neues Buch "Dirty Rome. Die schmutzige Seite der Antike" im Verlag C. H. Beck.

Auch ansonsten ging es in Politik und Gesellschaft oftmals unsauber zu.

Korruption und Vetternwirtschaft waren gang und gäbe. Das lateinische Sprichwort "Manus manum lavat", zu Deutsch: "Eine Hand wäscht die andere", kommt nicht von ungefähr. Wer Macht hatte, missbrauchte sie. Da unterscheiden sich die Römer der Antike nicht sonderlich von unserer Gegenwart. Bei Donald Trump geht es ja auch wild zu.

Die Menschheit hat sich in moralischer Hinsicht also seit der Antike nicht allzu sehr weiterentwickelt. Stellen Sie als Historiker manchmal bei sich Anzeichen von Frustration fest?

Wir lernen nie aus den Fehlern, die frühere Generationen bereits gemacht haben. Das ist tatsächlich das Frustrierende am Beruf des Historikers. Aber das hält mich nicht davon ab, unverdrossen weiterzumachen.

"Solange das Wesen der Menschen gleich bleibt", schrieb der antike Geschichtsschreiber Thukydides vor nahezu 2.500 Jahren. Wie würden ein Grieche und ein Römer der Antike auf unsere Gegenwart blicken?

Ein Mensch der Antike wäre wahrscheinlich gar nicht so sehr überrascht. Damit meine ich nicht unsere Fortschritte in Technik oder Medizin. In dieser Hinsicht verfügte die Antike durchaus über einen Fortschrittsgedanken. Aber in moralischer Hinsicht sieht es düster aus – ebenso wie in der Antike. Die Reichen werden bei uns zu Superreichen, es wird immer wieder beklagt, dass die Schere zwischen Reich und Arm global gewaltig auseinandergehen würde. In der Antike war extreme Ungleichheit die Regel. Damals fürchtete man den moralischen Rückschritt: Von einem einst Goldenen Zeitalter wäre man moralisch immer weiter abgestiegen.

Ein "Goldenes Zeitalter" hat Donald Trump den Amerikanern auch verheißen. Aber weder in wirtschaftlicher noch in moralischer Hinsicht ist davon etwas zu sehen.

Für Trump sieht es da schlecht aus. Die Antike glaubte in gewisser Weise, dass nach dem Goldenen Zeitalter zunächst ein silbernes Zeitalter folgen würde. Und so weiter, bis runter zu einem rostigen Zeitalter. Dann war es nicht ausgeschlossen, dass sich in einer Art Urknall alles wieder erneuern würde und man wieder von vorn beginnen könne. Hoffentlich lässt Trump es nun nicht knallen.

Waren die Menschen der Antike realistischer als wir?

Die antike Vorstellung des permanenten Abstiegs ist unserem westlichen Glauben an eine ständige Verbesserung und Verschönerung der Welt schon recht fremd. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Augustus damals ein neues Zeitalter ausgerufen hat – und die Römer nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs Frieden und Stabilität auch tatsächlich so empfunden haben.

Mag vielleicht der eine oder andere Anhänger Trumps im US-Präsidenten eine Art neuen Augustus gesehen haben?

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Eine Menge Leute aus dem MAGA-Lager sind Fans der Antike. In dieser Ideologie steckt auch eine Menge Rom drin. Erinnern Sie sich an diese Käfigkämpfe vor dem Weißen Haus zu Trumps letztem Geburtstag? Da ist man schnell an die römischen Gladiatoren erinnert. So lächerlich Trumps Spektakel auch war. Dazu kommt dieser riesige Triumphbogen, den Trump im Sinne hatte.

Ist das schon der sprichwörtliche Cäsarenwahn?

Das ist eine gute Frage. Die Wahrheit werden wir aber wohl nie erfahren. Wer weiß denn genau, wer Donald Trump wirklich ist? Oder Melania Trump? Von Putin, Xi Jinping und Co. ganz zu schweigen. Wir sehen lediglich Projektionen dieser Leute – und versuchen, uns darauf einen Reim zu machen. Das kann der Realität nahekommen, es muss aber nicht so sein. Gleiches gilt für die römischen Kaiser: Wir erhalten unsere Informationen über sie von Geschichtsschreibern, die teils lange Zeit später über sie schrieben, ihre subjektiven Prägungen hatten und eine eigene Agenda verfolgten.

Gleichwohl gilt das antike Rom in den Vereinigten Staaten als eine Art Nonplusultra.

Die Gründerväter der USA waren belesene Menschen, von Donald Trump kann man das nicht behaupten. Was die Gründerväter der USA wollten, war auch eine Republik, keine Demokratie wie in Athen. Das steckt in der intellektuellen DNA der Vereinigten Staaten drin, da kommt auch Trump nicht heraus. Wenn sich Moskau als das "Dritte Rom" versteht, dann ist Washington, D.C. sozusagen das "Vierte Rom".

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Michael Sommer: "Dirty Rome: Die schmutzige Seite der Antike"

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Dort geht es wie im echten Rom sowohl schmutzig als auch dekadent zu. In "Dirty Rome" berichten Sie von einem Leckermaul namens Apicius, der sich vom ultrareichen Genießer zum nur noch reichen Gourmet herunter futterte.

Apicius lebte zur Zeit des Kaisers Tiberius – und frönte heftig dem Genuss. Er schuf ein Kochbuch, das für die Reichen gedacht war. Für seine "Lasagne allo chef" brauchte es unter anderem gekochte Schweinekutteln, Fischfilets, Hähnchenbrust und Feigen-Bartvögel, eine afrikanische Vogelart. Nicht zuletzt war Pfeffer vorgesehen, der wirklich exorbitant teuer war. Apicius soll seinem Leben schließlich selbst ein Ende gesetzt haben, nachdem er sein Vermögen von 110 Millionen Sesterzen auf 10 Millionen reduziert hatte. Das schien ihm zu wenig. Dabei war es immer noch ein stolzes Vermögen.

Insbesondere angesichts der Tatsache, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung Roms mit einem Bruchteil dieser Summe auskommen musste.

Das soziale Gefälle war schon bemerkenswert steil. Wer auf dem edlen Palatin wohnte, führte ein ganz anderes Leben als jemand, der in der Subura wohnte, die als Armen- und Rotlichtviertel galt. Wobei ich eine Tatsache betonen muss: Wer als armer Mensch in Rom lebte, lebte immer noch besser als arme Menschen in anderen Städten des Imperiums.

Die römischen Kaiser alimentierten die Getreideversorgung massiv.

Augustus, schlau wie er war, hat einst während einer Krise Getreide für eine Viertelmillion Römer aus seiner Tasche bezahlt. Denn Augustus wusste, dass Hunger eine Quelle für Unruhe und Aufstand war. Das ist heute nicht anders. Den Kaisern auf dem Palatin war überaus bewusst, dass es richtig gefährlich wurde, wenn die Plebs Dampf ablassen wollte. Aber tatsächlich war Rom noch mehr als ein reines Imperium, es war eine Zivilisation. Und jeder Einwohner Roms konnte partizipieren.

Inwiefern?

Auch den armen Bewohnern Roms stand der Besuch der staatlichen Thermen frei. Selbst die ärmeren Leute hatten im Rahmen ihrer Möglichkeiten Zugang zu rudimentärer Bildung. Es ist wenig bekannt, aber die allermeisten Leute in Rom beherrschten das Lesen und Schreiben, wenn auch nicht wie ein Cicero. Aber immerhin.

Dazu kamen die Vorzüge der Kanalisation, aber auch die Gladiatorenkämpfe in der Arena.

Eine Kanalisation ist eine feine Sache, aber damals waren ihr gewisse Grenzen gesetzt. Ja, die Kanäle brachten den Unrat aus der Stadt heraus, aber wo landete er? Im Tiber. Dort stank es zum Himmel. Ein Spaziergang an seinem Ufer entlang war sicher wenig erquicklich. Die Gladiatorenkämpfe waren wiederum eine blutige Angelegenheit, aber erfolgreiche Gladiatoren genossen hohes Ansehen in der römischen Gesellschaft. Dazu musste man halt töten und vermeiden, getötet zu werden. Wir dürfen aber auch nicht einen weiteren Aspekt des Römischen Reiches übersehen.

Welchen?

Wir haben bereits über den Stellenwert der Moral in der römischen Gesellschaft gesprochen. Es gab stets Leute, die dagegen verstießen. So einen Statthalter namens Verres in der späten Römischen Republik, der sich auf Sizilien auf massenhaften Kunstraub verlegt hatte. Aber dieses Unrecht geschah in einem gesellschaftlichen Raum, der zunehmend von Rechtsstaatlichkeit geprägt war. Auch wenn es immer wieder zu Rückschlägen kam.

Das kann man wohl sagen. Sie schildern im Buch, wie Kaiser Trajan im Jahr 111 verwundert die irritierend hohen Baukosten eines Aquädukts für die Stadt Nikomedia in Kleinasien zur Kenntnis nahm.

Für Trajan war klar: Da mussten Schmiergelder geflossen sein. Eine Hand wäscht eben die andere, wenn der Staat nicht so genau hinschaut. Anrüchig wurde die Korruption doch aber tatsächlich erst, als der Staat entstand und mehr und mehr Bereiche an sich zog. Vorher war das, was wir zurecht Bestechung und Korruption nennen, eine soziale Interaktion. Die Kaiser mussten schließlich darauf achten, dass niemand es damit übertrieb.

Und damit niemand auf dumme Ideen kam? Denn jeder römische Kaiser bewegte sich in einem Umfeld von Menschen, die sich selbst für den besseren Imperator gehalten haben.

Das Jobprofil eines Kaisers war recht umfangreich. Man brauchte Erfolge, gerade in militärischen Angelegenheiten. Immer musste man die Augen offenhalten, wer zu übermütig wurde. Dann kam es auch auf die Fähigkeit zur Kommunikation an. Wer da versagte, hatte es schwer. Und nicht zu vergessen: Ein erfolgreicher Kaiser brauchte Fortune.

Augustus dürfte diesen Anforderungen am meisten entsprochen haben.

Augustus war nicht nur clever, sondern auch gewieft. Bevor er die alleinige Macht im Imperium errang, hatte er es noch mit seinem früheren Mit-Triumvirn Marcus Antonius zu tun. Gegen Antonius entwarf Augustus eine Desinformationskampagne allererster Kategorie: Er dämonisierte Antonius nach allen Regeln der Kunst, ließ ganz Italien einen heiligen Eid auf sich schwören und entfachte einen Krieg der Worte gegen Antonius, bevor tatsächlich die Waffen sprachen. Augustus hat die Natur des Menschen recht genau verstanden.

Wie ist das gemeint?

Menschen haben offensichtlich immer das Bedürfnis, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Augustus hat das genial bedient. Antonius' ägyptische Verbündete Kleopatra wurde als böse diffamiert, Antonius als ihr hoffnungslos verfallen dargestellt. Damit war es um ihn in den Augen der römischen Öffentlichkeit geschehen. Sie sehen: Das, was wir heute als Desinformation und Fake News kennen, ist eigentlich ein uralter Hut.

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Michael Sommer: "Die verdammt blutige Geschichte der Antike"

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Der römische Dichter Vergil – ein Zeitgenosse des Augustus – hatte den Römern noch ein "imperium sine fine", ein "Reich ohne Grenzen" in Aussicht gestellt. Später mussten die römischen Kaiser feststellen, dass Rom sehr wohl an Grenzen in Raum wie Zeit stieß.

Nichts ist für die Ewigkeit. Was unter Augustus begann, war im Prinzip ein Schönwetterprinzipat. Klar, es gab Krisen, aber im Prinzip war es für Rom so, als wenn die USA rund 100 Jahre lang die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts erlebt hätten. Unter Kaiser Hadrian kehrte dann ab dem Jahr 117 mehr Realismus ein. Es ist kein Zufall, dass die Römer damals begannen, ihre Grenzen zu sichern.

Auf den römischen Kaiser Vespasian geht die zeitlose Formel "pecunia non olet" zurück: "Geld stinkt nicht". Diese Devise dürfte auch für Donald Trump gelten, der sich und seine Familie durch seine Position hemmungslos bereichert.

Absolute Macht verführt zum absoluten Missbrauch. Trump ist da sicher kein Waisenknabe. Für die Verfassungsväter der USA war die Römische Republik ein Vorbild, aber auch dort war Geld der Motor. Es war zwar streng verboten in republikanischer Zeit, aber selbstverständlich floss Geld in rauen Mengen vor den Wahlen in die richtigen Kanäle. Dafür gab es eine regelrechte Infrastruktur in Rom. Und zwar gut vernetzte Strohleute, die Divisores, wie Cicero sie nannte: die Verteiler. Das ist einer der Gründe, warum ich mein Buch geschrieben habe: Rom kann man nicht allein beim Blick aufs Sonnendeck von Republik und Kaiserreich verstehen.

Sondern man muss sich in den "tiefsten Dreck des Romulus" begeben, wie Cicero einmal die realen römischen Zustände genannt hat?

Cicero war Realpolitiker, durch und durch, er besaß einen unverstellten und messerscharfen Blick auf die Dinge. Ich würde es aber eher den Gang in den Maschinenraum von römischem Staat und Gesellschaft nennen.

Das ist durchaus hilfreich. Denn es hilft uns in dieser gefährlichen Zeit, einen kühlen Kopf zu bewahren. Damit will ich nicht sagen, dass ein Caligula und ein Trump gleich sind und Gleiches tun. Nein. Aber wir lernen aus der Antike, was alles möglich ist und möglich sein kann. Trump ist doch auch heute noch unverstanden und unerklärt, ebenso wie es Caligula ist. War er ein zynischer Machtpolitiker oder ein unkontrollierbarer Irrer?

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