Doch keine Eiszeit in Europa? Neue Studien halten Amoc für robuster als gedacht
Kaum ein Klimathema sorgt so verlässlich für Schlagzeilen wie die Frage, ob der Golfstrom „kippen“ könnte. Fast im Monatstakt erscheinen neue Studien, die vor einem nahenden Kollaps der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (Amoc) warnen. Gleichzeitig deuten neuere Modelle darauf hin, dass das System widerstandsfähiger sein könnte, als die dramatischsten Szenarien nahelegen. Ein Förderband für Europa Die Amoc ist so etwas wie das „Förderband“ für Europa: Die Strömung transportiert warmes Wasser aus den Tropen in den Nordatlantik, wo das Wasser abkühlt, nach unten sinkt und wieder zurückströmt. Dieser Effekt hält Europas Klima mild und reguliert zugleich das globale Klimasystem. Schwächelt die Amoc – einer der wichtigsten Klima-Kipppunkte – gerät nicht nur Europas KLima aus dem Gleichgewicht, sondern auch Niederschläge, Temperaturen und die CO2-Speicherung weltweit. „Es gibt einen Grund, dass wir keine einheitliche Theorie haben“ Jahrzehntelang prägte ein einfaches Bild die Vorstellung des großen Förderbands: Warmes, salziges Wasser fließt an der Oberfläche nach Norden, kühlt ab, wird durch Verdunstung und Meereisbildung salzhaltiger und damit dichter – und sinkt schließlich vor Grönland in die Tiefe, bevor es am Meeresboden wieder nach Süden zurückströmt. Schmilzt durch die Erwärmung mehr Süßwasser ins Meer, so die Befürchtung, wird das Oberflächenwasser leichter, das Absinken gerät ins Stocken und die gesamte Zirkulation könnte zum Erliegen kommen. ANZEIGE ANZEIGE Genau dieses Bild gerät nun ins Wanken. Neuere Beobachtungen zeigen, dass sich die Tiefenwasserbildung nicht dort abspielt, wo Modelle sie lange vermuteten – sondern weiter nördlich, in den Becken vor Island und Grönland. Statt eines einzelnen Förderbands scheint die Amoc dazu eher ein Bündel halbautonomer Teilströme zu sein: Schwächelt ein Zweig, kann ein anderer zulegen. „Es gibt einen Grund dafür, dass wir keine einheitliche, einfache Theorie für die Amoc haben“, erklärte die Ozeanografin Eleanor Frajka-Williams im Juni gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Science“. „Sie existiert nicht.“ Was neue Klimamodelle zeigen Ältere Modelle legten nahe, dass große Mengen Schmelzwasser einen abrupten Kollaps auslösen könnten. Eine aktuelle Studie des Polytechnikums Turin, erschienen in der Fachzeitschrift „Science Advances“, kommt nun aber zu einem vorsichtigeren Ergebnis. Der Autor Oliver Mehling verglich mit seinem Team zwei detaillierte Klimasimulationen – eine mit realistischen Mengen an grönländischem Schmelzwasser, eine ohne. Das Ergebnis: Das Schmelzwasser schwächt die Strömung bis Ende des Jahrhunderts zusätzlich um 10 bis 20 Prozent, führt aber in keinem der geprüften Erwärmungsszenarien zu einem plötzlichen Zusammenbruch. Die größten Amoc-Sorgen der Wissenschaft wären damit zumindest zum Teil beigelegt. „Klimamodelle zeigen übereinstimmend, dass sich die Atlantikzirkulation im Laufe des 21. Jahrhunderts abschwächen wird, auch ohne den Beitrag der Schmelze des grönländischen Eisschilds zu berücksichtigen“, erklärt Mehling. Das Schmelzwasser verstärke diesen Trend zwar, sein Einfluss sei bislang aber vergleichsweise gering. Sollten die Emissionen weiter steigen, könnte er jedoch nach 2100 deutlich an Bedeutung gewinnen. Interessant ist zudem ein zweiter Befund der Studie: In Simulationen, in denen das CO2 in der Atmosphäre wieder sinkt, erholt sich die Amoc – unabhängig davon, wie viel Süßwasser zuvor eingespült wurde. Die beobachtete Abschwächung scheint demnach keine unumkehrbare Entwicklung zu sein, sondern eher ein Zustand, der sich mit sinkenden CO2.Emissionen wieder zurückbilden könnte. Was die direkten Messungen zeigen Weitere Daten stammen nicht aus Modellen, sondern aus direkten Messungen. Seit 2004 überwacht das britisch-amerikanische Verankerungsnetz Rapid kontinuierlich die Stärke der Amoc. Das Bild, das die Messreihen zeichnen, ist vor allem eines: unruhig. Die Strömung schwankt von Jahr zu Jahr erheblich, überlagert von Wetterphänomenen, die mit dem langfristigen Klimatrend nichts zu tun haben. Ein plötzlicher Einbruch um 2009/2010 etwa erwies sich im Nachhinein als Folge ungewöhnlicher Luftdruckmuster – nicht als Vorbote eines Kollapses. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte lässt sich zwar ein leichter Abwärtstrend erkennen, doch Ben Moat, leitender Wissenschaftler des Rapid-Programms mahnt zur Vorsicht: Der Rückgang sei bislang statistisch nicht eindeutig und lasse sich nicht sicher der globalen Erwärmung zuordnen. Für eine belastbare Aussage brauche es nach seiner Einschätzung noch etwa ein weiteres Jahrzehnt an Daten. Die Gegenstimmen bleiben laut So ermutigend viele dieser neueren Erkenntnisse klingen – die Debatte ist damit keineswegs entschieden. Im April 2026 veröffentlichte ein Team um Valentin Portmann vom französischen Forschungsinstitut Inria in „Science Advances“ eine Studie, die zu dem Schluss kommt, dass gerade jene Klimamodelle, die bislang als übertrieben pessimistisch galten, der Wirklichkeit am nächsten kommen könnten. Demnach könnte sich die Amoc bis 2100 um 42 bis 58 Prozent abschwächen – deutlich mehr als der bisherige Modelldurchschnitt von rund 32 Prozent nahelegte. Auch eine Studie unter Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung aus dem Sommer 2025 hält einen vollständigen Zusammenbruch der Amoc für möglich, allerdings frühestens nach dem Jahr 2100 – und nur bei anhaltend hohen Treibhausgasemissionen. Ein komplexes System Die Katastrophenszenarien eines abrupten Amoc-Kollapses noch in diesem Jahrhundert finden in der aktuellen Forschung immer weniger Rückhalt – ein plötzliches „Kippen“ der Strömung erscheint nach heutigem Kenntnisstand unwahrscheinlich. Gleichzeitig ist die Vorstellung, es gebe insgesamt Entwarnung, ebenso wenig belegt. Nahezu alle Studien kommen zu demselben Ergebnis: Die Amoc wird sich im Zuge der Erwärmung weiter abschwächen. Uneinig ist sich die Wissenschaft vor allem darüber, wie stark, wie schnell und ob am Ende ein neuer, stabiler Gleichgewichtszustand steht – oder tatsächlich ein Kipppunkt. +++ Keine Klima-News mehr verpassen – abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal +++