DAX +1,76 % 25.624,97 Pkt 17:03:21 MDAX +2,11 % 30.506,60 Pkt 17:03:22 Euro Stoxx 50 +0,88 % 6.170,22 Pkt 17:03:15 Dow Jones +0,35 % 52.398,50 Pkt 17:18:21 S&P 500 +1,36 % 7.727,15 Pkt 17:18:21 Nasdaq +2,13 % 26.507,13 Pkt 17:18:18 Nikkei +1,73 % 63.268,37 Pkt 07:45:03 Gold +0,89 % 4.074,20 USD 17:08:11 Silber +0,72 % 54,50 USD 17:08:21 Brent -5,47 % 109,48 USD 17:08:13 WTI -1,71 % 100,02 USD 17:08:21 Bitcoin +0,58 % 80.472,75 USD 17:18:20 EUR/USD -0,69 % 1,11410 USD 17:17:46 EUR/GBP -0,18 % 0,83700 GBP 17:18:20 EUR/CHF -0,10 % 0,92320 CHF 17:18:20 EUR/JPY -0,04 % 175,846 JPY 17:18:21

Doku über die No Angels: „Das war eine komplett toxische Maschinerie“

Unterhaltung

Wir schreiben das Jahr 2000, fünf junge Frauen stehen zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Tonstudio. Ein Produzent spielt ihnen einen Song vor, der ursprünglich für eine andere Künstlerin geschrieben wurde, die damit in den USA durchstarten sollte.

Dort aber wollten die Radiostationen ihn nicht spielen, das sei ein „Madonna-Abklatsch“ und „Musik zum Bügeln“, hieß es damals. Nun also der zweite Versuch, in Deutschland, im Rahmen einer neuen Casting-Show. Nach dem Intro setzt der Beat ein, die Frauen fangen an, zu tanzen, der Produzent singt ihnen den Refrain vor: „I wanna be daylight in your eyes / I wanna be sunlight only warmer“. Ein magischer Pop-Moment.

Die erste Single der No Angels sollte der erfolgreichste Song des Jahres in Deutschland werden. Kurz davor sind Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Jessica Wahls und Vanessa Petruo zusammengewürfelt worden, in einem mehrwöchigen Prozess, der auf RTL 2 als „Popstars“ ausgestrahlt wurde und den Anstoß für alle Casting-Shows, die danach kommen sollten, gab.

Hüfthosen und Tops mit Schlangenmuster

Sie wurden ausgesucht aus einem Meer an hoffnungsvollen jungen Frauen in Hüfthosen und Tops mit Schlangenmuster, die inzwischen wieder in sind. Millennial-Core, sich das Ganze heute nochmal anzuschauen, Nostalgie pur. Doch ganz so traumhaft, wie es nach außen wirkte, ging es hinter den Kulissen natürlich nicht zu.

Und die No Angels sollten über die kommenden 25 Jahre mehrere Skandale durchstehen – der größte davon der Prozess gegen Nadja Benaissa, die 2010 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde, weil sie Männer wissentlich mit HIV angesteckt hatte.

All das zeigt die ARD-Doku-Reihe „No Angels – Das sind wir“. In den drei Folgen à 45 Minuten wird, wohl im Versuch, allen vier verbleibenden Band-Mitgliedern gleichermaßen gerecht zu werden, einiges zu breit erzählt, während die wirklich faszinierenden Geschichten nicht genug Raum bekommen. Viele spannende Erkenntnisse bietet die Doku aber durchaus – etwa die bewegte Vorgeschichte von „Daylight in Your Eyes“.

Die Geschichte der Girlgroup wird chronologisch erzählt, von den Anfängen bei „Popstars“ bis heute, immer wieder gegengeschnitten mit Interviews und einem Gespräch der vier verbliebenen Bandmitglieder über das Erlebte. Auch Journalist:innen und Weggefährten kommen zu Wort, darunter etwa der Choreograf Detlef D! Soost, der sich während der Sendung vor allem damit hervortat, die jungen Popstars-Anwärterinnen anzubrüllen, das Ganze aber natürlich eigentlich nur gut meinte.

Hinter den Kulissen der Show ging es offenbar rabiat zu, Details dazu bleiben aber im Dunkeln. Kryptisch ist die Rede davon, dass es „chaotisch“ gewesen sei, ein „Fiebertraum“, eine „komplett toxische Maschinerie“. Heute würde man das alles anders machen und hätte auf jeden Fall psychologische Begleitung dabei, sagt eine der Produzentinnen von „Popstars“.

Gut für die Psyche der Teilnehmerinnen war das Ganze sicher nicht, so viel wird deutlich. Aber dass niemand so genau wusste, was sie da überhaupt machten, hat natürlich auch den Charme dieser ersten „Popstars“-Staffel ausgemacht und zur enormen Popularität der No Angels beigetragen.

Konkreter wird die Kritik an der Pop-Maschinerie, als es um den weiteren Werdegang der Band geht. 2002 etwa wurde die damals 25‑jährige Jessica Wahls kurzerhand aus der Band geschmissen, weil sie schwanger war – und somit, so die Argumentation des Managements, auf keinen Fall eine Tour durchstehen könne.

Sie habe sich bereits während der Anfangsjahre der No Angels oft unsicher gefühlt, erzählt Wahls in der Doku. Sie sei, was Talent und Technik angeht, „die Schlechteste“ gewesen, außerdem habe sie „vom Aussehen her eine Ersatzfunktion gehabt“ – für den Fall, dass es mit Nadja Benaissa, neben Wahls die zweite schwarze Frau in der Band, nicht klappt.

Bis auf Sandy Mölling habe sich damals kein Bandmitglied hinter sie gestellt, und sie habe nicht betteln wollen, sagt Wahls: „Auf die Knie kriegt ihr mich nicht.“ Beim gemeinsamen Gespräch am Frühstückstisch sprechen die Frauen über diese Zeit, Benaissa, die damals selbst bereits Mutter war, entschuldigt sich mit Tränen in den Augen – eine bemerkenswert authentisch wirkende Szene, von der es in dieser Doku einige gibt.

Die Lebensgeschichte von Nadja Benaissa wird über die drei Folgen hinweg aufgerollt, man hätte ihr auch eine eigene Doku-Reihe widmen können. Gleich zu Beginn fasst sie ihren Hintergrund zusammen: „Ich bin mit 12 Jahren drogenabhängig geworden, war mit 14 Jahren auf der Straße, dann war ich mit 16 schwanger, mit 18 war ich bei ‚Popstars‘, da konnte ich sowieso mit niemanden über irgendwas sprechen“, sagt Benaissa. „Ich war komplett traumatisiert.“

Nachdem sie für die Band ausgewählt wurde, habe sie erzählen müssen, dass sie HIV-positiv ist – damit sie zum Arzt gehen durfte, um ihre Blutwerte checken zu lassen. Dass das hinter den Kulissen gar nicht gut ankam, erzählt der Musikproduzent Leslie Mandoki. Es habe viele Gespräche über die „Verwertbarkeit von Nadjas Lebensgeschichte“ gegeben, erzählt er, das „hässliche Gesicht“ der Industrie habe sich dabei gezeigt. Benaissa selbst schildert, wie ihr gesagt worden ist, dass sie als HIV-Positive kein Vorbild für ihre sehr jungen Fans sein könne – doch insbesondere Sandy Mölling habe sich für sie eingesetzt, und sie durfte in der Band bleiben.

Benaissa wurde als „Todesengel“ bezeichnet

Ihre Diagnose war kein Thema mehr. Bis sie 2009 vor einem geplanten Auftritt in einem Club festgenommen wurde. Die No Angels hatten da gerade zu viert, ohne Vanessa Petruo, ein Comeback gestartet. Dieser öffentlichen Verhaftung folgte eine Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Darmstadt, in der ihr HIV-Status öffentlich gemacht wurde – völlig regel- und rechtswidrig, wie die „Zeit“-Gerichtsreporterin Sabine Rückert anmerkt.

Hier schließt „No Angels – Das sind wir“ an eine Reihe anderer Dokumentationen an, die zeigen, wie rücksichtslos in den Nullerjahren mit Menschen in der Öffentlichkeit umgegangen wurde, von Britney Spears bis Daniel Küblböck. Es gab Schlagzeilen, die Benaissa als „Todesengel“ bezeichneten, Sandy Mölling beschreibt die Zeit als Hexenjagd – auch wenn sie selbst Benaissa gesagt habe, dass sie die Anzeige für ihre Tat verdient habe.

Als sie aus der U-Haft entlassen wurde, habe sie Antidepressiva genommen, Rotwein getrunken und Joints geraucht und nicht gewusst, ob sie am nächsten Tag wieder aufwachen würde, erzählt Benaissa. Eigentlich habe sie nie wieder über diese Episode ihres Lebens reden wollen. „Es gibt keine Erklärung oder Entschuldigung dafür“, sagt sie zu ihren Taten, sichtlich mitgenommen. „Ich habe mich einfach verantwortungslos verhalten, und bereue das sehr.“

15 Jahre nach dem Urteil treten die No Angels gemeinsam bei der Aids-Gala in Köln auf, auch das zeigt die Dokumentation. Den Rücken gekehrt haben ihre Bandkolleginnen Benaissa nie, seit 2021 sind sie wieder als No Angels vereint, veröffentlichen Weihnachtsalben und touren durch das Land. Zum Beispiel beim „Glücksgefühle“-Festival im September, das für Schlagzeilen sorgte, weil die Veranstalter dort keinerlei politische Statements haben wollten – die Band trat daraufhin mit „FCK AFD“-Shirts auf.

Es war ein langer Weg vom Tonstudio im Jahr 2000 bis heute, das macht diese Doku-Serie anschaulich, und die Sehnsucht nach den ach so unbeschwerten Nullerjahren vergeht einem dabei manchmal. Doch auch wenn die No Angels nie wirklich an die Erfolge der Anfänge mit „Popstars“ anknüpfen konnten, auch wenn „Daylight in Your Eyes“ wohl immer ihr größter Song sein wird: Diese vier Frauen scheinen aufrichtig froh, sich gefunden zu haben. Und man freut sich mit ihnen.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren