Doku über Holmes bricht Rekorde - schreibt sie Oscar-Geschichte?
Die Dokumentation "You Can See Everything" über die verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes elektrisiert Kritiker und Publikum gleichermaßen. Nun hat das Produktionsstudio A24 Oscar-Kampagnen in zahlreichen Kategorien aufgestellt – darunter auch für den Hauptpreis "Bester Film". Noch nie in der Geschichte der Academy Awards wurde allerdings ein Dokumentarfilm dafür nominiert.
Es ist ein Novum, das die gesamte Filmbranche in Aufruhr versetzt: Die Dokumentation "You Can See Everything" von Nathan Fielder und Lance Oppenheim soll bei den 99. Academy Awards nicht nur in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" ins Rennen geschickt werden, sondern auch als "Bester Film" – eine Kategorie, in der in 98 bisherigen Zeremonien noch nie ein dokumentarisches Werk nominiert wurde. Das berichtet das Fachmagazin "Variety". Darüber hinaus reicht A24 den Film unter anderem in den Kategorien Regie, Kamera, Schnitt, Ton, Filmmusik, Kostümdesign sowie Maske und Frisuren ein.
Die fast dreistündige Produktion widmet sich Elizabeth Holmes, der Gründerin des einstigen Biotech-Unternehmens Theranos. Holmes hatte versprochen, mit nur wenigen Tropfen Blut zahlreiche medizinische Tests durchführen zu können, und sammelte dafür mehr als eine Milliarde Dollar an Investorengeldern ein. Die Technologie erwies sich als nicht funktionsfähig. 2022 wurde sie wegen Betrugs und Verschwörung verurteilt, seit Mai 2023 verbüßt sie eine Haftstrafe von zehn Jahren und drei Monaten.
34 Tage vor dem Gang ins Gefängnis
Der Film setzt 34 Tage vor Holmes' Haftantritt ein. Gemeinsam mit ihrem Partner Billy Evans öffnete die Unternehmerin Regisseur Fielder und seinem Team die Türen ihres Zuhauses in Kalifornien. Die Kameras dokumentieren den Alltag mit Evans und den gemeinsamen Kindern, Fielder konfrontiert Holmes mit unbequemen Fragen – auch zur Betrugsaffäre.
Selbst nach dem Haftantritt gingen die Dreharbeiten weiter. Das Ergebnis umfasst 174 Minuten Film. A24 beschreibt das Werk als ein zunächst "intimes Porträt einer rätselhaften Verbrecherin", das sich zu einer "verstörenden, dreijährigen Reise in den Abgrund" entwickle.
Nathan Fielder ist ein kanadischer Komiker und Filmemacher, der durch die Serien "Nathan for You" und "The Rehearsal" bekannt wurde, in denen er Realität und Inszenierung auf oft absurde Weise miteinander verschränkt. Co-Regisseur Oppenheim machte sich mit Dokumentarfilmen wie "Some Kind of Heaven" einen Namen. Die Kombination ist brisant: Fielder – selbst dafür bekannt, sein Publikum gezielt in die Irre zu führen – begegnet einer Frau, deren öffentliche Geschichte von Täuschung geprägt ist.
Geheimhaltung bis zur letzten Minute
Gedreht wurde über mehrere Jahre unter strengster Geheimhaltung. Am 6. September feierte "You Can See Everything" als unangekündigte Überraschungspremiere beim Telluride Film Festival in Colorado seine Weltpremiere. Erst im Umfeld der Vorführung wurde auch ein erster Teaser veröffentlicht, der sich rasant im Internet verbreitete. Der längere Trailer erreichte mehr als 16 Millionen Aufrufe.
Rekordwertungen und Millionen an der Kinokasse
Die Kritik fällt nahezu beispiellos aus. Der Film erhielt eine Wertung von 99 auf Metacritic, 98 Prozent auf Rotten Tomatoes, 4,7 von 5 auf Letterboxd sowie 9,4 auf IMDb. Sollte die IMDb-Bewertung Bestand haben, würde "You Can See Everything" den langjährigen Spitzenreiter "Die Verurteilten" ("The Shawshank Redemption", 1994) als bestbewerteten Film aller Zeiten ablösen.
Auch kommerziell übertrifft die Dokumentation alle Erwartungen. Am Startwochenende spielte der Film in den USA 15 Millionen Dollar ein – eine Summe, die die meisten Dokumentarfilme nicht einmal über ihre gesamte Laufzeit erreichen, wie "Variety" einordnet. Dabei hatten Branchenprognosen vorab lediglich sieben bis acht Millionen Dollar vorhergesagt. Die Produktionskosten lagen bei rund sieben Millionen Dollar; der Start erfolgte in etwa 800 US-Kinos.
Amanda Seyfried als Oscar-Kandidatin
Besondere Aufmerksamkeit gilt der Oscar-Kampagne für Schauspielerin Amanda Seyfried. Sie tritt in dem Film sowohl als sie selbst als auch in ihrer Emmy-prämierten Rolle als Elizabeth Holmes aus der Serie "The Dropout" auf und wird in der Kategorie "Beste Nebendarstellerin" eingereicht.
Sollte sie nominiert werden, wäre es nach "Mank" (2020) ihre zweite Oscar-Nominierung. Auch Christopher Abbott, der in nachgestellten Szenen Holmes' Partner Billy Evans verkörpert, kommt für eine Nominierung als bester Nebendarsteller infrage.
Fielder selbst verzichtet dagegen bewusst auf eine Einreichung als Darsteller, obwohl er dafür berechtigt wäre. Wie "Variety" erläutert, wurde bislang noch nie ein Schauspieler für die Darstellung seiner selbst für einen Oscar nominiert. Fielders mögliche Anerkennung durch die Academy beschränkt sich damit auf die Kategorien Bester Film, Bester Dokumentarfilm und Beste Regie.
Ein Labyrinth der Award-Regeln
Die Eligibility-Situation, also die Frage, ob die Vorgaben in bestimmten Kategorien eingehalten werden, gestaltet sich bei anderen großen Preisverleihungen komplex. Die Golden Globes erkennen Dokumentarfilme nach ihren aktuellen Regeln nicht an – der Film kann dort in keiner Kategorie eingereicht werden, wenngleich laut "Variety" intern über eine Ausnahme diskutiert werde.
Bei den Critics Choice Awards hingegen ist "You Can See Everything" in sämtlichen Kategorien zugelassen, einschließlich der Schauspielpreise – was diese Verleihung zur einzigen großen Vorstufe macht, bei der Seyfrids Leistung vor den Oscar-Nominierungen gewürdigt werden könnte.
Die Actor Awards (ehemals SAG Awards) schließen Dokumentarfilme grundsätzlich aus, prüfen den Fall aber derzeit. Bei der britischen BAFTA bleibt die Lage unklar. Die Directors Guild of America (DGA) hingegen lässt Fielder und Oppenheim sowohl für den Dokumentarpreis als auch für die höchste Auszeichnung zu – womit sie in direkte Konkurrenz zu Regisseuren wie Christopher Nolan ("The Odyssey") treten könnten.
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Wann kommt der Film nach Deutschland?
Ob und wann "You Can See Everything" auch in deutschen Kinos oder auf Streamingplattformen zu sehen sein wird, ist bislang offen. Ein Starttermin für Deutschland wurde noch nicht bekanntgegeben. (red)
Verwendete Quelle
variety.com: ‘You Can See Everything’ Sets Oscar Campaigns for Best Picture, Supporting Actress and More Categories
IMDb
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