Dokumentarfilm über Elon Musk: Alex Gibneys kritisches Porträt
Es ist ein seltsamer Automat, der am Donnerstagabend vor dem Angelika-Kino in New York steht. Er ist knallgelb, und an seinen Seiten heißt es: „Free! Elon DVDs“. Offensichtlich steht er hier aus Anlass des Kinostarts von „Musk“, einem mit Spannung erwarteten Dokumentarfilm über den reichsten Menschen der Welt. Im Inneren des Automaten sind DVDs mit dem Konterfei von Elon Musk zu sehen, und Passanten können sich diese kostenlos herausgeben lassen, indem sie Nummern auf einer Tastatur drücken. Kurz vor der Vorstellung um 18 Uhr wird von dem Angebot rege Gebrauch gemacht.
Zwei junge Männer erzählen, sie hätten den Automaten hierhergebracht, und es sei nur ein Job für sie gewesen. Wer hinter der Aktion steckt, wüssten sie selbst nicht. Aber allein an den Titeln auf den DVDs ist abzulesen, dass es sich um eine Guerilla-Kampagne von Musk-Kritikern handelt. Eine heißt „The Fraud and the Furious“, suggeriert also, Musk sei ein Betrüger, eine andere „One Man and 14 Babies“, eine Anspielung auf Musks viele Kinder. Und auf den DVDs ist kein Film, sondern sie enthalten E-Mails, die Musk Veröffentlichungen des US-Justizministeriums zufolge mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ausgetauscht haben soll. Auf einem Aufkleber an dem Automaten heißt es, 25 Prozent aller Konten auf Musks Plattform X seien pornographisch.
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Der Film „Musk“ läuft am Freitag in den amerikanischen Kinos an. Am Donnerstag ist eine Art Vorpremiere, und die Atmosphäre im Angelika-Kino ist angespannter als sonst. Vor dem Kinosaal stehen schwarz bekleidete Sicherheitsmitarbeiter und scannen das Publikum mit Metalldetektoren. Eine Besucherin sagt, so etwas habe sie in diesem Kino noch nie erlebt. Auch hinterher bei einer Fragerunde mit Regisseur Alex Gibney und Ashley St. Clair, einer der wichtigsten Protagonistinnen in dem Film, stehen mehrere Männer in Schwarz neben der Bühne und blicken mit einschüchternder Miene in das Publikum.
„Hundescheiße verdient mehr Respekt“
Musk hat im Vorfeld des Kinostarts sehr deutlich gemacht, was er von dem Filmprojekt hält. Er hat Regisseur Gibney wiederholt auf X beschimpft. Er schrieb Sätze wie „Hundescheiße verdient mehr Respekt als Gibney“ oder „Gibney ist ein Idiot“ oder „Er ist ein verbitterter alter Mann“. Medienberichten zufolge hat einer von Musks Anwälten Gibney mit einer Klage gedroht.
Gibney zählt zu den prominentesten Dokumentarfilmern der Welt, und Figuren aus dem Wirtschaftsleben waren schon öfter Gegenstand seiner Produktionen. Einer seiner Filme drehte sich um den zusammengebrochenen Energiekonzern Enron, ein anderer um Elizabeth Holmes, die mit ihrem Unternehmen Theranos im Mittelpunkt eines der größten Betrugsskandale in der US-Wirtschaft in der jüngeren Vergangenheit stand.
Musk hat sich geweigert, mit Gibney zusammenzuarbeiten. An seiner Stelle kommen frühere Partnerinnen, Kollegen und auch sein Vater Errol zu Wort. Als eine Art Gimmick hat Gibney einen Avatar von Musk entwickeln lassen, der regelmäßig im Film auftaucht und Dinge sagt, die auch der echte Musk von sich gegeben hat.
Der Film ist fast vier Stunden lang, zwischendrin gibt es eine Pause von zehn Minuten. Als Gibney 2023 mit dem Projekt begann, peilte er eine Länge von um die zwei Stunden an, aber Musks verstärktes politisches Engagement und seine Rolle als Berater für Donald Trump lieferten so viel zusätzlichen Stoff, dass der Film am Ende viel länger ausfiel. Der Film zeichnet Musks gesamtes Leben nach, von seiner Kindheit in Südafrika über seine unternehmerische Karriere in den USA bis zu seinem politischen Aktivismus.
Kritisches Porträt
Gibney zeichnet ein sehr kritisches Porträt über Musk. Er spricht ihm zwar unternehmerische Erfolge nicht völlig ab, etwa mit dem Autohersteller Tesla oder mit dem Raumfahrtspezialisten SpaceX. Aber er beschreibt Musk als jemanden, der sich regelmäßig Fehltritte leistet und es trotzdem schafft, seinen Reichtum und seinen Einfluss immer weiter zu mehren. Gibney hält Musk fragwürdige Geschäftsmethoden vor, etwa mit der aggressiven Vermarktung von Teslas Fahrassistenzsystem Autopilot. Und er beschreibt, wie Musk einstige Weggefährten ausgebootet haben soll, etwa Martin Eberhard, einen der Mitgründer von Tesla.
Besonders prominent in Szene gesetzt wird Ashley St. Clair, eine ehemalige konservative Influencerin, die ein Kind mit Musk hat. Sie hat sich mittlerweile mit ihm überworfen und führt Rechtsstreitigkeiten gegen ihn. Sie beschreibt, wie Musk sie gedrängt habe, eine hoch dotierte Vertraulichkeitsvereinbarung zu unterschreiben, sie dies aber abgelehnt habe. Sie erzählt von Handynachrichten, in denen Musk suggeriert habe, er könne das Ergebnis der Präsidentenwahlen 2024 beeinflussen. An einer Stelle sagt sie: „Elon ist eine Atombombe.“
In den vergangenen Jahren ist viel über Elon Musks Radikalisierung gesprochen worden. Der Film wirft die Frage auf, ob Musk im Kern immer schon der Gleiche war. Jim Cantrell, ein Ingenieur, der in den Anfangsjahren in der Führung von SpaceX war, sagt über Musk: „Der Erfolg hat es ihm erlaubt, den Deckel wegzunehmen und zu zeigen, was er wirklich denkt.“
In der Fragerunde nach dem Film erzählt Gibney, es sei sehr schwer gewesen, Gesprächspartner aus Musks Umfeld für den Film zu gewinnen. Und er spricht über Musks Rolle in der Arbeitsgruppe DOGE der Trump-Regierung, die radikale Einschnitte in US-Behörden durchgesetzt hat. Er sagt, Musk habe damit nicht zuletzt seine eigenen Interessen verfolgt. Ihm sei es darum gegangen, „die regulatorische Macht der Regierung zu zerstören“.