Donald Trump: US-Präsident droht Deutschland mit Diesel-Exportstopp
Die Trucker-Gemeinde zählt zu den wichtigen Unterstützern Trumps. Foto: AP Photo/Andrew Harnik
Diesel für Europa: Donald Trumps Hybris, den Dieselmarkt manipulieren zu wollen
Der US-Präsident droht Europa mit einem Exportstopp für US‑Diesel, wenn es seine strategische Reserve nicht freigibt. Doch ein Blick auf die globalen Rohstoffströme zeigt: Europa muss die starken Worte nicht fürchten.
NachdemNachdem Donald Trump vor einigen Tagen ein Exportverbot für Diesel nach Europa ins Spiel gebracht hatte, fordert nun sein Finanzminister Scott Bessent, Europa müsse „umgehend“ seine strategischen Dieselreserven freigeben. Der Grund: Die Stimmung in den USA vor den Zwischenwahlen ist schlecht, auch weil die Preise an den Zapfsäulen hoch sind. „Amerikanische Landwirte, Lkw-Fahrer und Unternehmen dürfen nicht mit der Last einer weltweiten Diesel-Knappheit allein gelassen werden“, so der Minister.
Trump droht insbesondere Frankreich und Deutschland mit Exportbeschränkungen, sollten beide Länder ihre Reserven nicht freigeben. Klar ist: Sollten solche kommen, dürfte das an deutschen und europäischen Zapfsäulen die Preise treiben. Doch zu einer Knappheit bei Diesel oder Flugbenzin hierzulande wird es nicht kommen, heißt es bei Rohstoffhändlern. Die selbstregulierenden Kräfte des Marktes spielen an dieser Stelle insbesondere Europa in die Hände.
Zwar ist schon die derzeitige Lage hinter den Kulissen vertrackter, als es die teure Normalität vermittelt. So prognostizierte die Beratungsgesellschaft Energy Aspects schon vor Trumps Ankündigung, dass Europa im vierten Quartal 510.000 Barrel Flugbenzin pro Tag zu wenig haben wird. In den USA rechnet sie mit einem Überschuss von 18.000 Barrel, in Ostasien gar mit 419.000 Barrel zu viel. Flugbenzin ist ein Nebenprodukt der Dieselproduktion und spiegelt deshalb auch in gewissem Umfang die Lage beim Diesel.
BörsenTag
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Dieses Ungleichgewicht und die geopolitisch immer noch instabile Lage sorgen für geradezu absurde Lieferwege bei Ölprodukten, da durch die Differenz zwischen asiatischen und europäischen Referenzpreisen der Export von Ölprodukten aus Fernost nach Europa immer rentabler wird.
Warum der europäische Markt den Treibstoff absaugt
Grundsätzlich gilt: Je knapper Öl oder daraus hergestellter Sprit ist, desto stärker konzentrieren sich Anbieter auf den dafür lukrativsten Markt. Und das ist eben zurzeit Europa. Tanker mit Diesel oder Flugbenzin an Bord nehmen Kurs auf den Kontinent. Weit entfernte, arme Länder wie Peru werden dagegen von Lieferungen mehr und mehr abgeschnitten. In Europa wird es deshalb keinen Mangel geben, nur steigen die Preise.
Tatsächlich gilt Winterdiesel, der bis –20 Grad Celsius funktioniert, derzeit als das zentralste Versorgungsproblem. Schließlich ist der Frühherbst die Zeit, in der sich Europas Konzerne traditionell für die kalte Saison eindecken. Entsprechend groß ist gerade der Stress am Markt.
Verstärkt wird der Druck dadurch, dass der Iran und seine Verbündeten derzeit immer wieder den Ölmarkt stören. Auch das hat indirekt mit den Zwischenwahlen in den USA zu tun: Der Iran und seine Partner versuchen, Trumps labile Lage für ihre Zwecke zu nutzen. So werden europäische Raffinerien im Oktober kein Rohöl aus Saudi-Arabien erhalten. Zwar transportiert die vor Mitte September von radikalislamischen Milizen beschädigte Ost-West-Pipeline wieder Öl. Die aber immer noch reduzierte Menge, die am Exporthafen Yanbu am Roten Meer abgeht, fließt jedoch komplett nach Asien. Das hatte der halbstaatliche saudische Ölkonzern Aramco angekündigt.
Weil der Ölproduktemarkt sehr komplex ist, mit vielen technischen Abhängigkeiten, würde eine von Trump verhängte Exportbeschränkung zwar den Diesel für US-Landwirte und Trucker verbilligen – dafür aber Benzin wohl für den Rest der Amerikaner teurer machen. Das liegt daran, dass die USA schon jetzt große Mengen Diesel produzieren und kurzfristige Lagerkapazitäten knapp sind. Laufen die voll, müssten amerikanische Raffinerien ihre Produktion drosseln, schreibt die „Financial Times“. Das wirkt auch auf Hochdestillate wie Benzin, weil die Produktionskette mit der von Mitteldestillat wie Diesel verwoben ist. US-Verbraucher würde das also noch mehr belasten.
Nicht nur das. Besonders Asiens Raffinerien würden profitieren, weil mehr amerikanisches Rohöl dorthin exportiert würde. Es geht um Anlagen in China, Indien und Südkorea. In den vergangenen Monaten bezog Südkorea mehr als 60 Prozent seines Öls aus Saudi-Arabien. So war die Republik laut dem Analysehaus Vortexa zusammen mit China auch der zuletzt größte Abnehmer von Rohöl aus der saudischen Ost-West-Pipeline.
Vor allem Südkorea wäre voraussichtlich der Gewinner eines von Trump verhängten Exportstopps für Diesel aus den USA. So beliefert das ostasiatische Land Europa schon seit Wochen mit großen Mengen Flugbenzin. In den kommenden Monaten könnte nun auch Diesel dazukommen, erwarten einige Marktbeobachter. Ein abstruser Lieferweg: Aus dem Nahen Osten bewegt sich das Öl also zunächst Tausende Kilometer nach Osten, dann in verarbeiteter Form wieder Tausende Kilometer nach Westen. Müsste nun noch amerikanisches Öl den Weg nehmen, wäre das noch absurder.
Warum Europas Raffinerien den Ausfall nicht ausgleichen können
Die Ursache liegt auch in der Struktur der Raffinerien in Europa. Die sind traditionell schwach bei sogenannten Mitteldestillaten wie Diesel und Benzin aufgestellt. Jene Anlagen, die es hier gibt, laufen Marktbeobachtern zufolge aktuell bei 95 Prozent der möglichen Kapazität – mehr ist kaum möglich. Ungefähr ein Viertel des Bedarfs muss zugekauft werden. Veränderbar ist dieser Anteil kurzfristig nicht.
Jene Mengen kamen früher aus Russland, seit Beginn des Ukrainekriegs ist dieser Weg versperrt. Stattdessen importierte Europa unter anderem aus Katar, das seit dem Irankrieg nicht oder nur noch sehr eingeschränkt durch die blockierte Straße von Hormus liefern kann. Die USA, Indien und Südkorea sprangen ein. Auch kam zuletzt die nagelneue Dangote-Raffinerie in Nigeria dazu – die hatte in den vergangenen Monaten auch immer wieder US-Rohöl verarbeitet.
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Würden durch Trumps Vorstoß nun auch die USA beim Diesel teilweise ausfallen, würde das ein größeres Kuchenstück für die anderen Staaten bedeuten.
Öl und Ölprodukte müssen heute aber nicht nur einen viel längeren Weg um den Globus nehmen. Auch die Versicherungsprämien für die Tanker, die sie transportieren, zogen in den vergangenen Monaten an. Der Grund: Mit dem Iran verbündete Huthi-Rebellen greifen immer wieder Schiffe in der Meerenge Bab al-Mandab zwischen Rotem Meer und Golf von Aden an. Einige Reeder ließen ihre Schiffe sogar um Afrika herumfahren – ein Umweg von mindestens zwei Wochen, der jede Menge Treibstoff, Charter und Versicherung kostet.
Asiens Raffinerieriesen als neue Gewinner im Ölgeschäft
Schon 2022 war Südkorea eingesprungen, als nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine und verhängten Sanktionen die Ölprodukte in Europa knapp wurden. Das Land besitzt riesige Raffineriekomplexe, die zu den bedeutendsten der Welt gehören, darunter die SK-Energy-Raffinerie in Ulsan sowie die GS-Caltex-Raffinerie in Yeosu.
SK-ENERGY-RAFFINERIE, ULSAN, SÜDKOREA
12.09.2026: Der zweitgrößte Raffineriekomplex der Welt produziert immer mehr Diesel und Flugbenzin für Europa Foto: LiveEO/Sentinel
Ulsan ist der zweitgrößte zusammenhängende Raffineriekomplex der Welt. Die Anlage kann jeden Tag 1,12 Millionen Barrel Benzin, Diesel und Kerosin produzieren. Yeosu gilt als viertgrößte Raffinerieanlage der Welt.
Laut der Nachrichtenagentur Reuters hat sich Südkorea im September zur jüngsten bedeutenden Quelle für Kerosinlieferungen nach Europa entwickelt. Die europäischen Importe des Treibstoffs aus dem asiatischen Land beliefen sich laut dem Rohstoff-Analyseunternehmen Kpler im September bislang auf 129.000 Barrel pro Tag. Südkoreas Produktion von Flugkraftstoff erreichte im Juli mit fast 13,89 Millionen Barrel den höchsten Stand seit sieben Jahren.
Sowohl die Raffinerie in Ulsan als auch die in Yeosu dürften nun beim Diesel einspringen. Und das ungeachtet der Tatsache, dass kein anderes Land weltweit so abhängig von der gestörten Ost-West-Pipeline ist wie Südkorea. Das Land hat das allerdings Beobachtern zufolge gut abgefedert. Europa wird das laut einem Ölhändler deshalb kaum spüren.
Auch Indiens Reliance profitiert
Ein schon jetzt extrem wichtiger Lieferant von Mitteldestillat wie Diesel für Europa ist das Unternehmen Reliance Industries aus Jamnagar in Indien. Das Unternehmen hat extra dafür seine riesige Raffinerie, die größte der Welt, zweigeteilt. Ein Teil verarbeitet rabattiertes sanktioniertes Öl aus Russland für den inländischen Markt. Der andere vor allem arabisches Öl für Europa. So kann der Konzern, der Mukesh Ambani, dem reichsten Geschäftsmann Asiens, gehört, sicherstellen, dass er nicht gegen EU-Sanktionen verstößt.
Reliance hatte allein im Juli vier bis fünf Millionen Barrel Diesel nach Europa exportiert. Marktanalysten zufolge ein extrem profitables Geschäft, da europäische Abnehmer aufgrund schwindender Bestände bereit sind, hohe Preise zu zahlen. Trump wird mit seiner Idee auch die Gewinne dieses Unternehmens noch einmal steigern.
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