Donau-Dürre: Ungarn und Rumänien kämpfen um Kühlwasser für AKWs
Flussbetten, die Rinnsalen gleichen, butterweicher Asphalt, vertrocknete Felder - das sind derzeit die Bilder der Dürre in Mittel- und Südosteuropa. Der Rekord-Niederschlagsmangel der vergangenen Monate und die Hitzewellen des Sommers haben in der Region schwerwiegende Schäden in der Wirtschaft und an der Infrastruktur verursacht. In der Landwirtschaft ist seit längerem absehbar, dass die Ernten in Südosteuropa, besonders bei Mais und Sonnenblumen, deutlich unter dem Durchschnitt liegen werden. Durch die Hitzewellen sind aktuell auch der Straßen-, Schienen- und besonders der Schiffsverkehr immer wieder eingeschränkt. Vor allem aber hat die Trockenheit in einigen Ländern Mittel- und Südosteuropas zu einer beispiellosen Krise bei der Stromerzeugung und deswegen zu Produktionsstopps in Unternehmen geführt. Grund ist der historisch niedrige Wasserstand der Donau. Am stärksten betroffen von der Energiekrise sind aktuell Ungarn und Rumänien. Auch die Donau-Anrainerstaaten Österreich, Slowakei, Serbien und Bulgarien leiden unter dem niedrigen Wasserstand an der Donau, allerdings nicht so stark wie Ungarn und Rumänien. Die DW stellt die aktuelle Situation in den einzelnen Ländern dar und erklärt, warum trotz gleicher Wetterlage einige mehr, andere weniger hart betroffen sind. Ungarn: Schwerste Energiekrise seit Jahrzehnten Kein Land der Region ist derzeit so schwer von Trockenheit und Hitze betroffen wie Ungarn. Seit Monaten fällt in weiten Teilen des Landes kaum oder kein Niederschlag. Am Mittwoch (05.08.2026) wurden in der Hauptstadt Budapest 43 Grad Celsius gemessen, landesweit an vielen Orten über 40 Grad. ANZEIGE ANZEIGE Wegen des Rekordniedrigwassers in der Donau musste unter anderem das Atomkraftwerk Paks südlich von Budapest zu großen Teilen heruntergefahren werden, da nicht mehr ausreichend Kühlwasser zur Verfügung steht und das Donauwasser zu warm ist. Derzeit läuft das AKW mit rund zwölf Prozent seiner Leistung. Falls der Wasserstand der Donau weiter fällt, muss das Kraftwerk ganz abgeschaltet werden. Wegen der Energiekrise ruft die ungarische Regierung Großverbraucher seit Tagen zum Stromsparen auf. Deshalb haben einige Autoproduzenten, darunter Audi Györ, außerdem der Mineralölkonzern MOL und andere große Unternehmen ihre Produktion gedrosselt. Die ungarische Energiekrise - die schwerste der vergangenen Jahrzehnte - ist so dramatisch, weil der Energiemix des Landes sehr ungünstig ist. Paks erzeugt rund die Hälfte des in Ungarn produzierten und etwa ein Drittel des verbrauchten Stroms. Es gibt neben der Atomkraft zwar große Kapazitäten für Solarenergie, aber keine Speicher, außerdem zu wenige moderne Gaskraftwerke und kaum Wind- und Wasserkraft. Auch wenn der Wasserstand der Donau wieder spürbar steigt, kann das AKW Paks nicht einfach schnell wieder hochgefahren werden - der Prozess nimmt längere Zeit in Anspruch. Daher wird die Energiekrise in Ungarn mindestens noch einige Wochen andauern, während derer Ungarn Strom teuer importieren muss. Wegen der Krise hat die neue Regierung unter Peter Magyar einen grundlegenden Energieentwicklungsplan angekündigt. Rumänien: Sprengung für Wasser Eine ähnliche, wenn auch nicht ganz so dramatische Energiekrise erlebt Rumänien. Dort produziert das ebenfalls an der Donau gelegene AKW Cernavoda im Südosten des Landes rund ein Fünftel des im Land erzeugten und verbrauchten Stroms. Wegen des niedrigen Wasserstands der Donau wurde in der vergangenen Woche einer der beiden Blöcke, die je eine Kapazität von 700 Megawatt haben, vom Netz genommen. Südwestlich des AKW Cernavoda sprengte Rumänien in dieser Woche einen Felsen, damit mehr Wasser in den östlichen Donau-Arm fließt, an dem auch Cernavoda liegt. Außerdem wurden dutzende Tonnen Gestein in den Fluss gekippt, um mehr Wasser in den Flusszweig zu leiten. Rumänien hat einen relativ ausgewogenen Energiemix aus Wasser- und Atomkraft sowie Gas-, Kohle- und Windkraftwerken. Durch den hohen Anteil an Wasserkraft - das etwa ein Fünftel des Energiemixes ausmacht, vor allem durch das Wasserkraftwerk am Eisernen Tor an der Donau - ist es jedoch anfällig für Trockenperioden wie die jetzige. Wegen der Energiekrise haben einige Großunternehmen, darunter Dacia und Ford Romania, ihre Produktion heruntergefahren. Die Regierung hat angekündigt, notfalls einige Großfabriken per Dekret zu einem Produktionsstopp zu verpflichten. Insgesamt ist Rumänien eines der am stärksten von Aridisierung - dem klimatischen Prozess, bei dem eine Region über längere Zeiträume hinweg zunehmend trockener wird - und Desertifikation (Versteppung, Verwüstung) betroffenen Länder Südosteuropas - das Klima wird hier also deutlich trockener und die Böden unfruchtbar und wüstenähnlich. Serbien: Ungünstiger Energiemix Auch Serbien leidet stark unter der Trockenheit und dem niedrigen Wasserstand der Donau. Sein Energiemix ist für derartige Perioden ähnlich ungünstig wie der Ungarns. Rund 65 Prozent des Stroms kommen aus Kohlekraftwerken, 25 Prozent aus Wasserkraft. Die beiden Wasserkraftwerke am Eisernen Tor erzeugen jedoch derzeit nur einen Bruchteil der durchschnittlichen Strommenge. Auch die Kohlekraftwerke Kostolac A und B östlich von Belgrad, die auf Donau-Kühlwasser angewiesen sind, mussten ihre Produktion drosseln. Zudem ist Serbien auf die Donau als Transportweg für Kohle und petrochemische Produkte angewiesen. Frachtschiffe können wegen des niedrigen Wasserstands jedoch derzeit nur einen Bruchteil ihrer Kapazitäten laden. Dennoch ist die Energiekrise bisher nicht so dramatisch, dass große Industriebetriebe ihre Produktion herunterfahren mussten. Slowakei und Österreich weniger stark betroffen In der Slowakei stammt der Strom zu rund 60 Prozent aus Atom- und zu 20 Prozent aus Wasserkraftwerken. Im Gegensatz zu Ungarn und Rumänien arbeiten die beiden slowakischen Atomkraftwerke Bohunice und Mochovce, gelegen jeweils an kleineren Flüssen, mit Kühltürmen statt mit Durchlaufkühlung. Bei einer Durchlaufkühlung werden große Mengen Wasser entnommen und wieder wärmer in den Fluss zurückgeleitet. Bei Kühltürmen zirkuliert das Wasser im Kreis und die Wärme wird vor allem durch Verdunstung abgegeben. Die beiden slowakischen AKW entnehmen dadurch weniger Kühlwasser, sie trifft die derzeitige Trockenheit deswegen nicht so stark. Demgegenüber ist das slowakische Wasserkraftwerk Gabcikovo an der Donau erheblich vom niedrigen Wasserstand betroffen. Derzeit arbeitet dort nur eine von acht Turbinen. Die Stromerzeugung in Gabcikovo liegt allerdings nur um zwölf Prozent niedriger als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Größere Produktionsstopps gab es in der Slowakei bisher nicht. Auch in Österreich, das seinen Strom zu rund 60 Prozent aus Wasserkraft bezieht, machen sich Trockenheit und niedrige Wasserstände nicht so dramatisch bemerkbar wie in Ungarn. Denn ein Teil der Wasserkraftwerke sind nicht Lauf-, sondern Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke. Laufkraftwerke sind direkt von der Wassermenge im Fluss abhängig, Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke greifen bedarfsabhängig auf in Stauseen und Becken gespeichertes Wasser zurück und sind damit weniger anfällig bei Hitzeperioden. Zudem erzeugt Österreich rund 30 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Bulgarien: Viel Speicherkapazität Anders als beim Nachbarn Rumänien führen die Trockenheit und Hitze in Bulgarien bisher noch nicht zu einer Energiekrise im Land. Bulgarien erzeugt zwar bis zu 40 Prozent seiner Energie durch das Atomkraftwerk Kosloduj, das ebenfalls an der Donau liegt. Seine Kühlwasseranlage ist jedoch stärker auf Niedrigwasser ausgelegt als Paks in Ungarn und Cernavoda in Rumänien. Daher läuft es zurzeit mit fast voller Kapazität. Zugleich hängt Bulgarien kaum von Wasserkraft ab und hat seine Möglichkeiten zur Solar- und Windenergie-Gewinnung in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Der größte Unterschied zu allen anderen Ländern besteht in Bulgariens großen Batteriespeichern: Aktuell besitzt das Land Speicher mit einer Leistung von 3,4 Gigawatt und einer Speicherkapazität von 8,6 Gigawattstunden. Die Speicherkapazität entspricht damit 16 Prozent der gesamten im Land installierten Kraftwerksleistung - ein Wert, auf den derzeit kein anderes Land der Welt kommt. Damit kann Bulgarien Engpässe und Spitzenverbräuche im eigenen Land so ausgleichen, dass es nicht auf teure Importe angewiesen ist. Zugleich entwickelt sich das Land damit zu einem regionalen Marktführer für neue Energiekonzepte und zu einer Drehscheibe für Netzstabilisierung und mehr Preisstabilität im Stromhandel. Von Keno Verseck