„Du bist aber ein hübsches Mädchen” - auch gut gemeinte Komplimente prägen Körperbilder von Kindern
Ein Satz wie „Du bist aber ein hübsches Mädchen“ klingt harmlos. Für Kinder kann er trotzdem Teil einer frühen Lektion sein: Aussehen wird wahrgenommen, bewertet und mit Anerkennung verbunden.
Schon Vier- bis Fünfjährige unterscheiden Körperformen, kennen verbreitete Schönheitsideale und bringen Schlanksein teilweise mit Glück in Verbindung. Bis zum Alter von zwölf Jahren möchte sich bereits etwa die Hälfte der Kinder schlanker sehen. Bodyshaming bei Kindern beginnt deshalb nicht erst mit Beleidigungen auf dem Schulhof oder abwertenden Kommentaren bei Instagram und TikTok.
Kinder bemerken, wenn Eltern Aussehen hevorheben
Sandra Mirbek, Professorin für Soziale Arbeit an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Villingen-Schwenningen, beschäftigt sich seit Jahren mit Körperbildern und Bodyshaming. „Grundsätzlich beginnt es schon im Säuglingsalter, dass wir das Aussehen oder die Körper von Kindern kommentieren“, sagt sie. Meist steckt dahinter keine böse Absicht. Kinder registrieren jedoch zunehmend, welche Eigenschaften Erwachsene häufig hervorheben. „Aber mit zunehmendem Alter bekommen die Kinder das mit und verinnerlichen diese Aussagen.“
Halo-Effekt verschafft attraktiven Menschen Vorteile
Mit zunehmendem Alter wächst die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Bis zum Alter von zwölf Jahren möchte bereits etwa die Hälfte der Kinder schlanker sein, wie die Psychotherapeutin Marny Münnich von der Bergischen Universität Wuppertal gegenüber der Apotheken Umschau erklärt.
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Auch die Reaktionen anderer Menschen können früh vermitteln, dass Aussehen Vorteile bringt. In der Psychologie ist dieser Mechanismus als Halo-Effekt bekannt. Attraktive Menschen werden häufig automatisch auch bei anderen Eigenschaften günstiger eingeschätzt. Mirbek zufolge gibt es Hinweise, dass dies bereits kleine Kinder betrifft. Besonders hübsch oder niedlich wahrgenommene Kinder könnten etwa für sozial kompetenter gehalten und unbewusst bevorzugt werden.
Kinder erkennen: „Aussehen ist etwas Wichtiges“
Eltern beeinflussen das Körperbild ihrer Kinder dabei nicht allein durch direkte Bemerkungen. Auch der Umgang mit dem eigenen Körper liefert Orientierung. Wer ständig über das eigene Gewicht klagt, Diäten kommentiert oder bestimmte Körper bewundert, vermittelt damit eine Botschaft über den Stellenwert von Aussehen. Kinder beobachten solche Muster lange bevor sie selbst soziale Netzwerke nutzen.
Mirbek beschreibt diesen Widerspruch sehr anschaulich: „Wenn ich meinem Kind sage, Körpervielfalt ist toll, bin dann aber traurig über jedes Kilo zu viel und himmle Models in Hochglanzmagazinen an, kriegt mein Kind trotzdem mit: Aussehen ist etwas Wichtiges.“ Komplimente über das Äußere seien deshalb nicht grundsätzlich problematisch, ergänzt Münnich. Kritisch werde es vielmehr, wenn der Selbstwert eines Kindes stark daran gekoppelt wird.
Wie Sie Ihre Kinder stattdessen stärken können
Anerkennung muss deshalb nicht verschwinden. Sie kann sich stärker auf Dinge richten, die nichts mit Körperform oder Gesicht zu tun haben. Als Beispiele nennen die Expertinnen Eigenschaften und Verhaltensweisen wie:
Kreativität und Neugier
Hilfsbereitschaft und Empathie
Ausdauer und Mut
Fähigkeiten, Interessen und persönliche Fortschritte
Solche Rückmeldungen können Kindern vermitteln, dass ihr Wert nicht davon abhängt, wie sie aussehen. Münnich erklärt:
Wenn Kinder von Anfang an von ihren Eltern lernen, dass sie gut sind, wie sie sind, dann bringen sie negative Kommentare von anderen später auch nicht so leicht aus der Fassung.
Soziale Medien sind wie ein „Brennglas“
Mit zunehmendem Alter kommen weitere Einflüsse hinzu. Bodyshaming existierte lange vor sozialen Netzwerken, doch digitale Plattformen vervielfachen Reichweite und Sichtbarkeit von Körperbewertungen. Jugendliche begegnen dort bearbeiteten Bildern, stark inszenierten Körpern und öffentlichen Kommentaren anderer Nutzer. „Social Media funktioniert da wie ein Brennglas“, so Mirbek.
Auch die Schule kann zu einem sensiblen Umfeld werden. Besonders im Sportunterricht sind Körper sichtbar, Leistungen werden miteinander verglichen und Umkleidesituationen können zusätzlichen Druck erzeugen. Mirbek hat Bodyshaming im Schulsport gemeinsam mit Frank Francesco Birk von der DHBW wissenschaftlich aufgearbeitet. Ihre Warnung an Lehrkräfte fällt knapp aus: „Was unbedachte Bemerkungen anrichten können, ist immens.“
In der Schule kann Bodyshaming bei Kindern lange nachwirken
Mirbek nennt für Bodyshaming im schulischen Umfeld mögliche Folgen wie
verminderten Selbstwert
Essstörungen
Panikattacken
Angst vor dem Schulbesuch
Für die Expertin gehören deshalb Sensibilisierung und Prävention stärker in Schule und Soziale Arbeit. Bei Kindern selbst komme es vor allem darauf an, Selbstvertrauen aufzubauen: „Alles, was Kinder stützt und stärkt, Mut und Courage fördert.“ Gerade weil Körperbilder bereits im Vorschulalter entstehen können, beginnt dieser Schutz lange vor dem ersten eigenen Social-Media-Account.
Kurz zusammengefasst:
Bodyshaming bei Kindern beginnt oft früh: Schon Vier- bis Fünfjährige kennen verbreitete Schönheitsideale und nehmen körperliche Unterschiede bewusst wahr.
Kommentare über Aussehen können das Körperbild prägen: Besonders problematisch wird es, wenn Kinder Anerkennung stark mit Attraktivität oder Schlanksein verbinden.
Ein stabiles Selbstwertgefühl schützt: Wertschätzung für Charakter, Fähigkeiten und Verhalten kann Kindern helfen, sich weniger über ihr Aussehen zu definieren.
Von Eva Schmitt