DAX -0,76 % 26.239,89 Pkt 09:21:14 MDAX -0,73 % 32.227,92 Pkt 09:21:14 Euro Stoxx 50 -0,35 % 6.507,84 Pkt 09:21:00 Dow Jones -0,71 % 53.459,78 Pkt 22:42:57 S&P 500 -0,69 % 7.745,06 Pkt 22:42:27 Nasdaq -0,59 % 26.644,91 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,54 % 67.460,73 Pkt 08:45:03 Gold +0,91 % 4.458,00 USD 09:26:03 Silber -1,12 % 65,38 USD 09:26:12 Brent +0,07 % 90,93 USD 09:26:02 WTI +0,41 % 84,85 USD 09:26:01 Bitcoin -0,51 % 64.179,74 USD 09:36:01 EUR/USD +0,04 % 1,15790 USD 09:35:55 EUR/GBP +0,15 % 0,85570 GBP 09:36:14 EUR/CHF -0,20 % 0,93860 CHF 09:36:14 EUR/JPY +0,33 % 184,896 JPY 09:36:05

Dünger und Klimaschutz

Nation

Trotz der Hitze ist Landwirtin Anna Catharina Voges mit ihrer Weizenernte in diesem Jahr zufrieden. Im Nordosten von Leipzig bewirtschaftet sie einen Betrieb mit knapp 2.500 Hektar. Die Proteingehalte seien gut, so Voges. Die seien wichtig für die Backeigenschaft, und die Körner seien groß genug. Die guten Erträge habe sie auch dem Einsatz von chemisch-synthetischem Dünger zu verdanken, erklärt sie. Der könne ihre Pflanzen passgenauer etwa mit Stickstoff versorgen als organischer Dünger wie etwa Gülle oder Kompost. In Deutschland werden pro Jahr rund eine Million Tonnen Stickstoff aus chemisch-synthetischem Dünger vertrieben, schreibt das Thünen-Institut in Braunschweig, eine Forschungseinrichtung des Bundes. Industriedünger wird in der konventionellen Landwirtschaft ausgebracht. Im ökologischen Anbau ist der Einsatz dagegen verboten. Dafür fallen die Erträge dort deutlich niedriger aus. Negativer Beitrag zur nationalen Klimabilanz Doch der Einsatz von Industriedünger hat seinen Preis: Da er unter anderem aus Erdgas hergestellt wird, verursacht synthetischer Dünger klimaschädliche Treibhausgase. Der Weizenanbau trage insofern zu den CO2-Emissionen bei, räumt Landwirtin Voges ein, die auch Vizepräsidentin der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) ist. Produktion und Ausbringung von synthetischem Mineraldünger machen von Deutschlands Gesamtemissionen etwa ein Prozent aus, so das Thünen-Institut. Da sich Deutschland verpflichtet hat, bis 2045 klimaneutral zu werden, müssen dementsprechend auch diese Emissionen in den kommenden Jahren sinken. Biomasse in vielen Sektoren benötigt Dafür müsse zum einen die Stickstoffnutzung weiter optimiert werden, so dass weniger Düngemittel benötigt würden, schreibt das Umweltbundesamt (UBA). Technisch ist es aber auch bereits möglich, das klimaschädliche Erdgas in der Düngerproduktion zu ersetzen - etwa durch Biomethan aus Biomasse wie Abfällen, Gülle oder Pflanzenresten. Doch Biomasse ist auch in anderen Branchen wie im Verkehr begehrt. Laut UBA ist unklar, ob die in Deutschland zur Verfügung stehende Biomasse ausreicht, um den Bedarf zu decken. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit nachhaltiger Biomasse sei der Biomethan-Einsatz für die grüne Stickstoffdünger-Produktion begrenzt, schreibt auch die gemeinnützige Gesellschaft Agora Agrar. Aus Klimaschutzperspektive sei grüner Wasserstoff vorzuziehen. Pilot-Produktion mit grünem Wasserstoff Doch bisher wird Dünger, der auf der Basis von grünem Wasserstoff produziert werde, nur in sehr kleinen Mengen angeboten, schreibt das Thünen-Institut, die gesamte Industrie stecke hier noch in den Kinderschuhen. Der Chemiekonzern Yara International, der seine Düngemittel auch in Deutschland produziert und verkauft, betreibt an seinem Heimatstandort Norwegen eine entsprechende Pilotanlage. Ein sogenannter Elekrolyseur kann dort mit Hilfe Erneuerbarer Energie grünen Wasserstoff erzeugen, aus dem grünes Ammoniak hergestellt werde, der wichtigste Ausgangsstoff für Stickstoffdünger. Auf diese Weise produziere man aber bisher nur projektbezogen, so Yara. Landwirtin Voges hatte an einem solchen Projekt teilgenommen und den grünen Dünger getestet. Aktuell könne sie ihn aber nicht einfach bestellen, und wenn, würde er vermutlich sehr teuer sein, so Voges. Der Deutsche Bauernverband bestätigt, grüne Mineraldünger seien nicht wettbewerbsfähig und würden von Handel und Verbrauchern nicht bezahlt. Es fehlt an Investitionssicherheit Während herkömmliches Ammoniak relativ günstig aus Erdgas hergestellt werde, seien die Kosten für grünes Ammoniak deutlich höher; zum einen durch hohe Strompreise, zum anderen dadurch, dass die Elektrolysetechnik für die Herstellung von grünem Wasserstoff bisher nicht im industriellen Maßstab etabliert sei, erklärt Michael Sterner, Professor für Energietechnik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Um den Hochlauf zu forcieren, bräuchten Unternehmen Investitionssicherheit etwa durch langfristige Abnahmeverträge, so der Wissenschaftler. Flankierend müssten verbindliche Quoten eingeführt werden, um einen verlässlichen Absatzmarkt zu generieren. Ein weiterer Hebel könnte eine Kennzeichnung für klimafreundliche Produkte sein. Doch das Ministerium von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) schreibt auf Anfrage des ARD-Magazins Panorama, verbindliche Quoten für klimafreundliche Düngemittel oder ein Klimalabel seien im Koalitionsvertrag nicht vorgesehen. Denn die Bundesregierung sei angetreten, um auch Landwirtinnen und Landwirte von unnötiger Bürokratie zu befreien. Was wird aus der Wasserstoffstrategie? Energietechnik-Forscher Sterner sieht den Wasserstoff-Hochlauf als akut gefährdet an. Und auch der Düngemittelkonzern Yara beklagt, dass das, was einmal in der nationalen Wasserstoffstrategie Deutschlands angedacht gewesen sei, stark ins Hintertreffen geraten sei. Das Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) räumt auf Nachfrage ein, dass sich der Wasserstoff-Hochlauf verzögere, weil fossile Alternativen wie Erdgas schlicht günstiger seien. Um die Kosten von erneuerbarem Wasserstoff zu senken, wolle man unter anderem heimische Elektrolyseure fördern und Importe etwa aus Algerien oder Tunesien unterstützen. EU fördert Industriedünger Aus der EU-Kommission heißt es zudem, dass das europäische Emissionshandelssystem (ETS) auch in der Düngemittel-Herstellung bereits Anreize schaffe, die Menge an Treibhausgasen zu senken. Außerdem will sie mit den Einnahmen aus dem ETS auch klimafreundliche Technologien in der Düngemittelindustrie fördern. Gleichzeitig fördert die EU-Kommission aber nun auch herkömmlichen klimaschädlichen Industriedünger. Denn durch den Iran-Krieg sind die Preise für fossile Düngemittel gestiegen. Deshalb möchte die EU Landwirtinnen und Landwirte beim Kauf unterstützen. Landwirtin Voges hält es dagegen für sinnvoller, schneller unabhängiger vom Gas zu werden, also Erneuerbare Energien auszubauen, um kostengünstig grünen Dünger herzustellen. Einfach nur mit Hilfspaketen und Fördermaßnahmen zu reagieren, findet sie nicht hilfreich: Damit werde das Problem nur zugeschüttet, nicht gelöst. Das Klimaschutzziel müsse erreicht werden - gerade wenn man in Generationen denke, so Voges, stehe es nicht zur Debatte, das nicht zu schaffen.

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