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Dünnere Netzhaut deutet auf späteres Vorhofflimmern hin

Allgemein

Die Netzhaut könnte Hinweise auf ein späteres Vorhofflimmern liefern, lange bevor die Herzrhythmusstörung klinisch auffällt. In zwei großen britischen Kohorten war vor allem eine innere Netzhautschicht bei Betroffenen dünner. Bei Menschen ohne bekannte Erkrankung ging eine geringere Schichtdicke zudem mit einer höheren Rate späterer Diagnosen einher.

London (England). Vorhofflimmern tritt häufig nur zeitweise auf und kann deshalb bei einer kurzen Elektrokardiogramm-Messung unentdeckt bleiben. Gleichzeitig erhöht die Herzrhythmusstörung das Risiko für Schlaganfälle, Herzschwäche und weitere Gefäßkomplikationen. Eine mögliche zusätzliche Spur könnte im Auge liegen, denn die Netzhaut bildet sowohl Nervengewebe als auch feinste Blutgefäße ab.

Eine neue Beobachtungsstudie hat deshalb untersucht, ob typische Merkmale auf Netzhautaufnahmen mit bereits vorhandenem oder später diagnostiziertem Vorhofflimmern zusammenhängen. Dafür wurden Daten von insgesamt 90.190 Menschen aus zwei unabhängigen britischen Kohorten ausgewertet.

Eine Nervenzellschicht fällt in beiden Kohorten auf

Forscher des UCL Institute of Ophthalmology (IoO) um Dr. Siegfried K. Wagner haben Aufnahmen der optischen Kohärenztomografie und Farbfotos der Netzhaut analysiert. In der AlzEye-Kohorte gingen Daten von 50.651 Patienten ein, von denen 5.735 bereits Vorhofflimmern hatten. Die UK-Biobank-Analyse umfasste 39.539 Teilnehmer, darunter 526 mit bestehendem Vorhofflimmern.

Besonders konsistent war die makuläre Ganglienzell- und innere Plexiformschicht, kurz mGCIPL. Sie enthält Nervenzellen und Verschaltungen, die visuelle Signale aus der Netzhaut weiterleiten. Bei Menschen mit Vorhofflimmern war diese Schicht in AlzEye im Mittel 1,96 Mikrometer dünner als bei Vergleichspersonen. In der UK Biobank zeigte sich ebenfalls eine geringere Dicke, dort betrug der Unterschied 1,19 Mikrometer.

Andere Netzhautmerkmale waren weniger einheitlich. Veränderungen an weiteren Schichten und an der Gefäßstruktur zeigten sich vor allem in AlzEye, ließen sich aber nicht in gleicher Weise in der UK Biobank bestätigen. Damit blieb die mGCIPL das robusteste gemeinsame Signal beider Datensätze.

Signal geht der Diagnose im Mittel Jahre voraus

Für die Längsschnittanalyse betrachtete das Team 39.013 Teilnehmer der UK Biobank, die zu Beginn kein bekanntes Vorhofflimmern hatten. Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 10,3 Jahren erhielten 838 von ihnen erstmals eine entsprechende Krankenhausdiagnose. Zwischen der Netzhautaufnahme und dieser Diagnose lagen im Mittel 3,95 Jahre.

Nach Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Bluthochdruck, Diabetes, Alkoholkonsum und Rauchen blieb die mGCIPL-Dicke mit dem späteren Auftreten der Rhythmusstörung verbunden. Pro Abnahme der Schichtdicke um eine Standardabweichung lag die statistische Rate einer späteren Vorhofflimmerdiagnose um 27 Prozent höher. Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von fünf bis 54 Prozent.

„Diese groß angelegte Analyse zeigt, dass Netzhautbildgebung strukturelle Veränderungen im Auge erfassen kann, die klar mit Vorhofflimmern verbunden sind. Für Patienten liegt der Vorteil dieser Art der Augenbildgebung darin, dass sie leicht zugänglich, schnell und nicht invasiv ist. Sie soll die Diagnose per EKG nicht ersetzen, könnte aber als ergänzendes Instrument dienen und Menschen mit dem höchsten Vorhofflimmer-Risiko erkennen, bevor die Erkrankung ernsthaften Schaden anrichtet“, erklärt Dr. Siegfried K. Wagner.

Mögliche Spuren stiller Gefäßschäden

Warum die Netzhaut bei Vorhofflimmern dünner sein könnte, hat die Studie nicht direkt geklärt. Die Autoren vermuten unter anderem, dass unbemerkte kleine Hirninfarkte und eine verringerte Durchblutung empfindlicher Nervenzellen eine Rolle spielen könnten. Solche Prozesse könnten über die Sehbahn auch Nervenzellen der Netzhaut beeinträchtigen. Bildgebende Untersuchungen des Gehirns waren jedoch nicht Bestandteil der Analyse.

Auch eine unmittelbare Schädigung durch eine gestörte Mikrodurchblutung der Netzhaut ist denkbar. Beide Erklärungen bleiben bislang Hypothesen. Die Daten zeigen einen Zusammenhang, belegen aber weder eine Ursache noch, dass ein einzelner Netzhautscan Vorhofflimmern zuverlässig vorhersagen kann.

„Wenn weitere Forschung unsere Ergebnisse bestätigt, eröffnen sie die Möglichkeit, dass routinemäßige Augenuntersuchungen künftig Menschen identifizieren könnten, die von einer genaueren kardiologischen Abklärung profitieren würden, und so möglicherweise eine frühere Behandlung mit Therapien ermöglichen, die das Schlaganfallrisiko nachweislich senken“, erklärt Dr. Josef Huemer vom UCL Institute of Ophthalmology.

Noch kein Ersatz für die Herzdiagnostik

Für eine klinische Nutzung sind weitere Studien nötig. Vorhofflimmern wurde in den Datensätzen über Selbstauskünfte und Krankenhausdiagnosen erfasst. Dadurch könnten Menschen mit unbemerkten oder nur anfallsweise auftretenden Episoden fälschlich als nicht erkrankt eingeordnet worden sein. Zudem sind weder die UK Biobank noch die Krankenhauskohorte AlzEye vollständig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, und nicht alle möglichen Einflussfaktoren ließen sich berücksichtigen.

Trotzdem spricht die wiederholte Verbindung zwischen einer dünneren mGCIPL und Vorhofflimmern dafür, Netzhautaufnahmen weiter als ergänzenden Risikomarker zu prüfen. Ihr möglicher Vorteil liegt vor allem darin, dass solche Aufnahmen in Augenkliniken und vielen optometrischen Einrichtungen ohnehin routinemäßig erstellt werden. Ob sie tatsächlich dazu beitragen können, gefährdete Menschen früher gezielt kardiologisch zu untersuchen, muss nun prospektiv getestet werden.

Quellen:

Originalstudie im Fachmagazin PLOS Digital Health, doi: 10.1371/journal.pdig.0001661

Offizielle Studienmitteilung von University College London (UCL)

Offizielle Studienmitteilung von NIHR Biomedical Research Centre at Moorfields Eye Hospital NHS Foundation Trust and UCL Institute of Ophthalmology (NIHR Moorfields BRC)

Offizielle Studienmitteilung von INSIGHT Health Data Research Hub for Eye Health & Oculomics (INSIGHT)

Offizielle Studienmitteilung von Moorfields Eye Hospital NHS Foundation Trust

17. September 2026 - Robert Klatt

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