Dürre 2026: Klimahistoriker Pfister erklärt, wie schlimm die Trockenheit gerade ist
Herr Pfister, wie trocken ist es bei Ihnen in Bern? Ich gehe jeden Tag hinaus und sehe, wie die Dürre ständig zunimmt. Die Kartoffeln bilden keine Knollen, der Mais verdorrt – die Erträge werden jämmerlich sein. Die Berge sehen scheußlich aus. Das sind nicht mehr die Berge, die ich in meiner Jugend gekannt habe. Uns fehlen längerfristige, großräumige, flächendeckende Regenfälle. Es gibt zwar Schauer und Gewitter, aber die sind lokal oder punktuell und lösen das Problem nicht. Regen ist nicht in Sicht. Wird 2026 schlimmer als der Jahrhundertsommer 2003? 2003 war ein Hitzesommer, kein Dürrejahr. Alle reden immer von der Hitze, dabei ist die Dürre viel schlimmer: Ich muss dringend sagen: Vorsicht vor der Dürre! Das Problem ist schleichend und baut sich immer größer auf. Sie hat Auswirkungen auf die Vegetation, auf die Flüsse, auf das Grundwasser. Ich habe kürzlich in einer Talkshow verzweifelt versucht, die Leute zu überzeugen, die Dürre ernst zu nehmen. Sie wollten nur Hitze hören. 2018 war ein Dürrejahr. Ja, aber keines, das im Mindesten vergleichbar wäre mit dem, was wir in der Vergangenheit hatten. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Sie meinen das Jahr 1540. Damals erlebte Europa eine Megadürre. 1540 ist der schwarze Schwan, ein Ereignis völlig außerhalb des Erwartbaren. Wir hatten das Jahr vor zwölf Jahren aufwendig rekonstruiert. Der „Spiegel“ schrieb damals: Das ist die schlimmste Katastrophe, die Europa passieren kann. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass das richtig ist. Was machte das Ereignis so verheerend? Die Dürre dauerte von Februar bis Anfang Dezember – und auch die Temperaturen waren durchweg überdurchschnittlich. Der Trigger für die Dürre ist das Frühjahr: 1540 waren die Monate April und Mai extrem warm und trocken, praktisch ohne Regen. Die Böden und die Vegetation waren massiv ausgetrocknet, die Feuchte aufgebraucht. Dadurch stiegen die Temperaturen massiv an, ein blockierendes Hochdruckgebiet baute sich vom Atlantik bis nach Polen und von der Poebene bis Norddeutschland auf. Das Hoch schirmte den Kontinent von längeren Niederschlägen ab. Mit welchen Folgen? 26 Wochen fiel in den genannten Regionen kaum ein Tropfen Regen, von Ende Juni bis Anfang August gab es bei brutaler Hitze von mehr als vierzig Grad überhaupt keine Niederschläge mehr. In der Folge kam es zu großräumigen, massiven Waldbränden. Die Lage war verheerend, weil überall das Wasser fehlte. Die Landwirtschaft lag am Boden, das Vieh starb wegen Hitze oder wurde notgeschlachtet. Das Holz ging aus, Obstbäume gingen ein. Die Quellen sind versiegt, es gab praktisch kein Wasser mehr zum Waschen, Trinken oder Löschen. Wir haben keine genauen Zahlen, aber es starben wohl einige Hunderttausende Menschen, die meisten an Ruhr, einer bakteriellen Magen-Darm-Erkrankung. Wie reagierten die Menschen darauf? Die Menschen sind durchgedreht vor Angst. Es gab regelrechte Verfolgungen von Unterschichten, die der Brandstiftung bezichtigt wurden. Denn nicht nur der Wald brannte, sondern auch viele Städte. Es war die höchste Zahl von Siedlungsbränden im damaligen Deutschen Reich in Friedenszeiten. Da war die Hölle los. Ist 2026 das neue 1540? Lassen Sie es mich so sagen: Das Wort unmöglich existiert bei mir nicht mehr. Die Wahrscheinlichkeit in diesem Jahr ist hoch, dass die Dürre so weitergeht und nicht endet. Wir könnten teilweise ähnliche Probleme bekommen, aber sie sind natürlich nicht mit denen vergleichbar, die es 1540 gegeben hat. Sind wir besser vorbereitet? Jein. Wir müssen mit massiven Einbußen in der Landwirtschaft und Viehwirtschaft rechnen und deshalb mit steigenden Nahrungsmittelpreisen. Die Transportkapazität der Flüsse sinkt laufend, die Energieimporte werden teurer. Und dann frage ich mich, was mit der Abwasserreinigung und mit den Feuerwehren passiert, wenn wir in eine Wassermangellage hineinlaufen. Im Extremfall könnte Wasser für alle rationiert werden. Nutzungskonflikte sind unvermeidlich. Rhein und Rhone entspringen in der Schweiz, Deutschland und vor allem Frankreich sind auf das Wasser angewiesen. Die Dürre könnte ein Politikum werden. Wovor ich am meisten Angst habe, sind Waldbrände. Warum? Waldbrände hat es 1540 massiv gegeben. Wir wohnen 700 Meter von einem Wald entfernt. Bei Nordwind ginge es uns nicht gut. Schauen Sie nach Frankreich. Es ist zu befürchten, dass es bald auch bei uns in Mitteleuropa großflächig brennt. 1540 kam es wegen der Brände zu konfessionellen Spannungen, ausgelöst durch die Reformation. Nach dem Brand von Einbeck beschuldigten die protestantischen Stände auf dem Reichstag die Katholiken, Leute zu bezahlen, um Brände zu legen. Befürchten Sie Unruhen? Ich weiß nicht, was eine Wassermangellage alles bewirkt. Wir hatten so etwas noch nie. Ich rechne mit Nutzungskonflikten. Die Leute wollen weiter duschen, die Landwirtschaft muss Felder bewässern. Und viele wollen und werden sich wahrscheinlich nicht einschränken. Ich habe vergeblich versucht, die Behörden für das Thema zu sensibilisieren. Warum gab es drei Jahrhunderte lang keine Megadürre mehr? Zwischen 1374 und 1719 gab es einige Megadürren, die schlimmste 1473. Sie dauerte 14 Monate und war schlimmer und großflächiger als die von 1540. 1719 gab es die letzte große Dürre. Dann lange Zeit nichts. Fragen Sie mich nicht, warum das so war. Die Gründe für dieses Disaster Gap müssen wir noch untersuchen. Gegen Jahresende wissen wir wahrscheinlich mehr. In den sozialen Medien werden Megadürren wie die von 1540 als Gegenbeweis für den Klimawandel missbraucht. Tenor ist: Schaut her, früher war es noch viel schlimmer als heute. Was denken Sie darüber als Klimahistoriker? Es ist immer dasselbe. Die Leute picken sich Ereignisse ohne Kontext heraus. Nur zwei Jahre nach 1540 kam ein nasser, kalter Sommer mit vielen Schneefällen in den Bergen. Solche Ausreißer nach unten gibt es heute nicht. Seit 2015 häufen sich heiße, trockene Jahre. Je wärmer es wird, desto häufiger kriegen wir unerhörte Extreme. 2026 gehört dazu, das Jahr ist der Höhepunkt einer längeren Reihe – das ist der Unterschied zu damals. Während der Kleinen Eiszeit gab es ein Auf und Ab von extrem kalten, nassen und extrem trockenen Jahren. Extremereignisse werden instrumentalisiert, indem man wesentliche Dinge ausblendet. Man muss immer den Kontext anschauen, aber das ist den Leuten zu kompliziert. Der Klimawandel hat gerade erst begonnen. Womit rechnen Sie in Zukunft? Ich rechne damit, dass Extreme wie 2026 häufiger werden – und dass wir noch schlimmere Extreme bekommen. Die Verletzlichkeit ist zurück und wird wohl noch zunehmen. Aber das große Problem ist: Extreme werden sehr schnell vergessen. Und die Erinnerungskultur hat ein Ablaufdatum. Die Chronisten hatten das früher alles aufgeschrieben, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Unsere heutige Erinnerungskultur wird immer schlechter.