Dyskalkulie betrifft nicht nur das Rechnen
Bis zu zehn Prozent aller Kinder leiden unter Dyskalkulie, also einer ausgeprägten Rechenschwäche. Eine neue Studie zeigt nun: Das Problem reicht weit über das reine Rechnen hinaus. Auch die Fähigkeit, die eigene Denkstrategie zu steuern, ist bei betroffenen Kindern beeinträchtigt.
Dyskalkulie ist eine der häufigsten Lernstörungen bei Kindern – Betroffene haben massive Probleme mit Zahlen und Rechenaufgaben, obwohl sie ansonsten ganz normal intelligent sind. Warum genau das so ist, war bislang nicht wirklich geklärt. Ein Forschungsteam hat nun 68 Kinder zwischen 8 und 10 Jahren untersucht und dabei umfassende Antworten gefunden. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "JNeurosci" veröffentlicht.
Nicht nur schlechter im Rechnen – auch schlechter im Steuern des eigenen Denkens
Beim Lösen einer Rechenaufgabe nutzen Kinder normalerweise drei Wege: Zählen, das Ergebnis direkt aus dem Kopf abrufen oder die Aufgabe in kleinere Häppchen zerlegen. Die Studie ergab, dass Kinder mit Dyskalkulie bei allen drei Wegen deutlich langsamer und fehleranfälliger waren.
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Aber der eigentlich spannende Befund liegt woanders: Betroffene Kinder hatten auch massive Schwierigkeiten damit, überhaupt den richtigen Lösungsweg auszuwählen. Sie brauchten viel länger, um zwischen Strategien zu wechseln, reagierten kaum auf den Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe und griffen seltener zur besten Methode. Kurz gesagt: Es hapert nicht nur beim Rechnen selbst, sondern auch bei der Steuerung des eigenen Denkens – Fachleute nennen das Metakognition.
So ging das Forschungsteam vor
Untersucht wurden 68 Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren – die eine Hälfte mit Dyskalkulie, die andere ohne. Statt nur Testergebnisse auszuwerten, kombinierte das Team zwei Methoden: eine computergestützte Verhaltensanalyse, die unsichtbare Denkprozesse sichtbar macht, und eine Ganzhirn-Analyse per Bildgebung, die Aktivierungsmuster im gesamten Gehirn erfasst. Der Clou: Erst diese Kombination machte es möglich, sowohl die Denkstrategien der Kinder als auch deren neuronale Grundlagen gleichzeitig zu untersuchen. Herkömmliche Methoden schaffen das nicht.
Dyskalkulie: Was im Hirn passiert
Im Hirnscan zeigte sich ein auffälliges Muster: Über mehrere Hirnregionen hinweg – darunter Bereiche für Planung, Gedächtnis und visuelle Verarbeitung – unterschied sich die Aktivität von Kindern mit Dyskalkulie deutlich von der ihrer Altersgenossen. Besonders überraschend war ein Befund im Hippocampus, einer Hirnregion, die fürs Lernen und Erinnern zentral ist: Bei Kindern ohne Rechenschwäche ging mehr Aktivität dort mit besserer Leistung einher. Bei Kindern mit Dyskalkulie war es genau umgekehrt – mehr Aktivität bedeutete schlechtere Ergebnisse. Das Gehirn betroffener Kinder scheint diese Regionen also grundlegend anders zu nutzen.
Die Studie macht damit deutlich: Dyskalkulie ist kein simples "Ich kann halt nicht rechnen", sondern eine Störung, die mehrere kognitive und neuronale Prozesse gleichzeitig betrifft. Für die Forschung eröffnet der gewählte Ansatz neue Wege, Rechenschwäche künftig besser zu verstehen und möglicherweise auch gezielter zu erkennen. (red)