"East of Eden": Die Hauptfigur in der Netflix-Serie hat mich nachhaltig verstört und der Grund ist kompliziert
Netflix hat eine Serienadaption des amerikanischen Literaturklassikers "East of Eden" von John Steinbeck herausgebracht. Die wohl faszinierendste Figur in der Geschichte ist Cathy Ames. Die Serie versucht, die Frau hinter dem "Bösen" sichtbar zu machen. Doch ausgerechnet aus feministischer Sicht wird Cathy dadurch nicht einfacher.
Achtung: es folgen zahlreiche Spoiler zur Serie!
Es gibt Figuren, bei denen man ziemlich schnell weiß, auf welcher Seite man stehen soll. Cathy Ames (Florence Pugh) gehört nicht dazu.
Schon in den ersten Folgen der Netflix-Adaption ist klar: Diese Frau ist vieles – klug, manipulativ, unabhängig, verletzlich, brutal. Aber vor allem ist sie schwer einzuschätzen und schwer auszuhalten.
Das ist durchaus beabsichtigt. Zoe Kazan, die den Stoff von John Steinbeck für Netflix adaptiert hat, rückt Cathy viel stärker ins Zentrum als die berühmte Verfilmung von 1955. Und genau hier wird "East of Eden" aus feministischer Perspektive spannend.
Im Buch gibt Steinbeck Cathy keinen Grund, böse zu sein. Sie ist es einfach. Er sagt, es gibt menschliche Eltern, die Monster bekommen. Menschen, die einfach schlecht sind und auch in anderen nur Schlechtes sehen. Cathy ist in seiner Geschichte eines dieser Monster. Sie wird schon seit Erscheinen des Buches im Jahr 1952 als das durchtriebene Böse diskutiert.
Netflix hingegen gibt Cathy sehr wohl einen Grund, böse zu werden. In der Serienadaption wird sie als kleines Mädchen von einem Mann mit Süßigkeiten in einen Wald gelockt und dort missbraucht. Generell erlebt sie schon als Kind und junges Mädchen viel Aufmerksamkeit von Erwachsenen und im Speziellen von Männern aufgrund ihres normschönen Aussehens.
Cathy Ames: Ein Leben voller Gräueltaten
Cathy lernt früh, dass sie eine gewisse Wirkungsmacht über Männer hat. Und sie merkt, dass man ihr diese gleichzeitig nicht zutraut. Das süße liebe Mädchen, immer so hilfsbereit und höflich. Wer könnte da annehmen, dass sie ihren Lehrer in eine hoffnungslose Verliebtheit treibt und ihn so weit bringt, sich umzubringen, als sie selbst gerade noch ein Teenager ist?
Cathys Leben ist von da an eine Aneinanderreihung an Gräueltaten. Um es kurzzuhalten: Sie hat neben ihrem Lehrer auch ihre Eltern und eine Bordellbesitzerin auf dem Gewissen, schießt auf ihren Ehemann, verlässt ihre neugeborenen Zwillinge kurz nach der Entbindung, betrügt ihren Ehemann mit seinem Bruder. Außerdem wird sie selbst zu einer Bordellbesitzerin und führt ihr Haus streng, sammelt Material von Kunden, um sie im Ernstfall erpressen zu können.
Und während all das mitunter schwer anzuschauen ist, kommt in mir trotzdem die Frage hoch: finde ich das alles vor allem deswegen so schlimm, weil eine Frau hier tut und lässt, was sie will, ohne Rücksicht auf die ihr eigentlich zugeschriebene Rolle einer warmherzigen und häuslichen Mutter und Ehefrau zu nehmen?
"Gut" oder "böse": Eine Frage des Geschlechts?
Hat es eine "böse" weibliche Person gebraucht, um die Taten als besonders verachtenswert gelten zu lassen? Denn während Morden, Gewalt und Manipulation bei jedem Menschen verachtenswert sind, ist eine Frau, die ihre frischgeborenen Babys verlässt, gesellschaftlich betrachtet schlimmer, skrupelloser und unmenschlicher als man es bei einem Mann werten würde.
Und so schlimm die von ihr ausgehende Gewalt ist, so ist es doch vor allem ungewöhnlich im häuslichen Kontext eine gewalttätige Ehefrau zu sehen. Gewalttätige (Ehe)männer sind hingegen leider nicht nur in der Realität, sondern auch in popkulturellen Referenzen häufiger der Fall.
Dazu kommt, dass Männer Frauen für ihre Bedürfnisse – sowohl bewusst als auch unbewusst – häufiger ausnutzen. Seien es die sexuellen oder eben auch der Wunsch nach einer Familie, der gleichzeitig der Karriere nicht im Weg stehen darf. Während die Frau dann die Kinder großzieht und sich um den Haushalt kümmert, lebt der Mann sein Leben größtenteils ungestört weiter. Cathy lässt genau das nicht mit sich machen. Sie will ein selbstbestimmtes Leben und tut alles, um genau dieses zu bekommen.
Von gebrochenen Männerherzen und skrupellosen Frauen
Und für ihre Selbstbestimmung benutzt Cathy die Macht, die ihr zur Verfügung steht – ihre Schönheit, ihre Sexualität, ihr Wissen über die Schwächen anderer Menschen. Sie bewegt sich damit innerhalb eines Systems, das Frauen nur wenige Machtmittel zugesteht. Ich kann nicht umhin, in Cathy deswegen auch etwas Feministisches zu sehen. Auch wenn das keine klassische feministische Erfolgsgeschichte ist, ist es eine ziemlich interessante Geschichte über Machtverhältnisse im Patriarchat.
Was die Figur von Cathy deswegen auch geschafft hat: mich mal wieder zum Nachdenken anzuregen, wie ich meine feministischen Maßstäbe setze. Als Feministin roote ich eigentlich für eine selbstbestimmte Frau, die ihren Weg geht und sich nicht von ihren Zielen abbringen lässt. Und gleichzeitig verurteile ich sie natürlich für die Morde und die Gewalt, die sie dafür anwendet.
Es ist bei Cathy einfach, sie zu verurteilen. Immerhin hat sie wirklich furchtbare Dinge getan. Aber sie hat auch Leid erfahren, sieht in Männern eigentlich immer eine Bedrohung, glaubt nicht an das Gute in Menschen und lebt deswegen ein sehr einsames Leben ohne wirkliche Nähe und ohne Liebe.
Und wenn wir sie schon kritisieren, können wir das auch zumindest bei ihrem Ehemann Adam Trask tun. Denn dieser will sie in eine Rolle zwängen, die ganz offensichtlich nicht zu ihr passt und wundert sich dann, warum sie nicht glücklich ist.