Eigene Fußballschule: Ex-Talent SInan Kurt packt über den FC Bayern aus
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Sinan Kurt (30) galt als eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Mit 18 wechselte er von Borussia Mönchengladbach zum FC Bayern, trainierte unter Pep Guardiola und spielte später für Hertha BSC. Heute spielt Kurt nur noch aus Spaß Fußball und hat eine eigene Fußballschule gegründet. Im BILD-Interview spricht er über den damaligen Hype, seinen Bayern-Wechsel, eine wichtige Lehre aus seiner Zeit bei Hertha – und darüber, was er seinem 18-jährigen Ich heute sagen würde.
BILD: Herr Kurt, wenn Sie heute Menschen treffen, die Sie noch von damals kennen, und die fragen: „Was macht Sinan Kurt eigentlich heute?“ – was antworten Sie?
SINAN KURT: Dass ich mittlerweile eine eigene Fußballschule habe und immer noch aus Spaß Fußball spiele. Das ist heute mein Alltag.
Wie kam es zur eigenen Fußballschule?
Seitdem ich wieder in Deutschland bin, das ist jetzt ungefähr zweieinhalb Jahre her, habe ich mit ein paar Freunden in niedrigeren Klassen aus Spaß Fußball gespielt. Irgendwann entstand mit einem Kollegen die Idee, eine Fußballschule zu starten und mit Kindern zu arbeiten. Es hat ein bisschen gedauert, bis wir das richtig umgesetzt haben. Jetzt haben wir sie offiziell gestartet.
Sie selbst galten schon sehr früh als großes Talent. Wie sehr helfen Ihnen diese Erfahrungen heute?
Klar, ich habe das Leben im Nachwuchsleistungszentrum selbst erlebt und alles durchgemacht. Unsere Kinder sind meistens zwölf oder 13 Jahre alt. In diesem Alter denkt man noch nicht unbedingt daran: Ich kann Profi werden. Da soll der Fußball erst einmal Spaß machen. Darauf achten wir. Gleichzeitig sind die Kinder sehr lernfähig und saugen alles auf wie ein Schwamm. Das macht mir sehr viel Spaß.
Was würden Sie einem 13- oder 14-Jährigen raten, der plötzlich ein Angebot vom FC Bayern oder Borussia Dortmund bekommt?
In diesem Alter wäre das für mich schon sehr früh. Ich war bei meinem Wechsel zu Bayern bereits 18. Das ist noch einmal ein Riesenunterschied. Wenn du mit 13 oder 14 von zu Hause weg und zum Beispiel nach München gehst, musst du vieles berücksichtigen: Kommen die Eltern mit? Wie ist das Ganze geregelt? Das kann man nicht pauschal beantworten.
Ihr Wechsel von Gladbach zum FC Bayern wurde damals zum großen Thema in Fußball-Deutschland. Wie haben Sie den Hype erlebt?
Das wurde medial schon sehr, sehr aufgebauscht. Es wurde alles ein bisschen schlimmer gemacht, als es am Ende war. Ich war selbst noch so jung. Ich habe schon verstanden, dass es ein Riesenthema war. Ich habe nur nie verstanden, warum daraus so ein krasses Thema gemacht wurde.
Bereuen Sie den Wechsel zum FC Bayern heute?
Nein. Ich würde es wahrscheinlich immer wieder so machen. Wie es anders verlaufen wäre, wenn ich in Gladbach geblieben wäre, kann man sowieso nicht sagen. Niemand weiß, was dann passiert wäre. Deshalb würde ich nicht sagen, dass ich diesen Schritt anders machen würde.
Bei Bayern haben Sie unter Pep Guardiola trainiert. Was haben Sie von ihm mitgenommen?
Wenn ich alles aufzählen würde, was ich da mitgenommen habe, würden wir wahrscheinlich noch drei Tage hier sitzen. Er ist ein Trainer, der sehr, sehr akribisch ins Detail geht. Man konnte unglaublich viel lernen. Davon habe ich gerade als junger Spieler sehr profitiert. Aber ich habe genauso von Lucien Favre sehr viel gelernt. Ich hatte schon einige sehr gute Trainer.
Gibt es eine Sache von Guardiola, die Ihnen besonders geblieben ist?
Der erste Kontakt. Den Ball richtig nach vorne mitzunehmen, dorthin, wo du hinwillst. Dass der erste Kontakt immer sauber ist. Das ist etwas, das bei mir hängen geblieben ist und was ich heute auch selbst in meiner Arbeit umsetzen möchte.
Über Sie entstand damals schnell das Bild, Sie seien arrogant oder überheblich. Hat Sie das getroffen?
Solche Kommentare gab es natürlich. Das sagen Leute über mich, die mich gar nicht kennen, weil sie irgendeinen Bericht gelesen haben. Das hat mich aber nicht wirklich gestört. Meine Freunde und meine Familie wussten immer, wie ich bin.
Haben Sie damals viel gelesen, was über Sie geschrieben wurde?
Eigentlich so wenig wie möglich. Klar, Freunde haben mir mal etwas geschickt, dann hat man es mitbekommen. Aber ansonsten habe ich versucht, das auszublenden.
Den Bayern-Wechsel würden Sie wieder machen. Was würden Sie bei Ihrer Karriere rückblickend trotzdem anders machen?
Ich würde eher zu einem Verein gehen, bei dem mich der Trainer unbedingt haben will, anstatt zu einem Verein, bei dem zum Beispiel der Sportdirektor um dich wirbt und dich haben möchte. Das wäre eine Sache, die ich anders machen würde. Am Ende ist der Trainer das Wichtigste. Er stellt dich auf und arbeitet jeden Tag mit dir.
Haben Sie das bei einem Ihrer Wechsel selbst anders erlebt?
Ja, ich würde sagen, bei Hertha. Michael Preetz hat damals sehr um mich geworben. Mit Pál Dárdai hatte ich vorher, glaube ich, nur ein Gespräch. Derjenige, der mich unbedingt haben wollte, war Michael Preetz. Deshalb würde ich heute bei einem Wechsel stärker darauf achten, dass vor allem der Trainer mich unbedingt haben will.
Wann haben Sie gemerkt, dass die ganz große Karriere, die Ihnen einmal vorausgesagt wurde, wahrscheinlich nicht mehr kommen wird?
Irgendwann merkst du das schon. Ich war danach noch in Österreich und bin dann in die Slowakei gegangen, wo ich auch noch in der ersten Liga gespielt habe. Da wusste ich langsam: Okay, ganz nach oben wird es nicht mehr gehen. Danach bin ich noch in die Türkei gegangen. Nach dieser Zeit war für mich klar, dass ich das mit dem Profifußball so nicht mehr weitermachen möchte. Das hatte nichts mit der Türkei zu tun, ich war gerne dort. Für mich war einfach der Punkt gekommen, an dem ich lieber zurück in die Heimat und etwas Eigenes machen wollte.
Wenn heute jemand sagt: „Sinan Kurt hat sein Talent nicht ausgeschöpft“ – was löst das bei Ihnen aus?
Das ist ja auch ein Kompliment, weil es bedeutet, dass ich sehr talentiert war. Das ärgert mich deshalb nicht unbedingt. Klar, wenn man rückblickend darauf schaut, kann man schon denken und das Gefühl haben: „Ey, der hat ein bisschen sein Talent vergeudet.“ Aber ich persönlich sehe das gar nicht so. Heute gebe ich Dinge an Kinder weiter und versuche ihnen zu zeigen, wie es richtig geht. Das ist etwas Gutes und macht mir sehr viel Spaß.
Was macht Ihnen an der Arbeit mit den Kindern besonders viel Spaß?
Dieses Interesse. Die Kinder haben noch sehr viel Spaß am Fußball. Wenn du merkst, dass sie mit Freude dabei sind, macht es dir automatisch auch mehr Spaß. Sie wollen alles aufsaugen und lernen. Das gefällt mir an der Arbeit besonders.
Wenn der 18-jährige Sinan Kurt heute vor Ihnen sitzen würde, kurz bevor er zum FC Bayern wechselt: Was würden Sie ihm sagen?
Ich würde ihm sagen, dass er das Ganze noch ernster nehmen soll, als ich es damals genommen habe. Sich nicht nur auf sein Talent zu verlassen, sondern mehr Mentalität zu zeigen. Das wären wahrscheinlich die zwei Sachen.