DAX +1,62 % 25.590,77 Pkt 18:00:00 MDAX +2,07 % 30.495,47 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,79 % 6.164,69 Pkt 18:00:00 Dow Jones +0,30 % 52.373,95 Pkt 19:31:12 S&P 500 +1,23 % 7.717,66 Pkt 19:31:11 Nasdaq +1,93 % 26.456,32 Pkt 19:31:11 Nikkei +1,73 % 63.268,37 Pkt 07:45:03 Gold +0,78 % 4.070,00 USD 19:21:05 Silber +0,41 % 54,33 USD 19:21:01 Brent -5,42 % 109,53 USD 19:21:10 WTI -1,66 % 100,07 USD 19:21:11 Bitcoin +0,62 % 80.499,33 USD 19:31:10 EUR/USD -0,71 % 1,11380 USD 19:30:44 EUR/GBP -0,25 % 0,83640 GBP 19:31:12 EUR/CHF -0,16 % 0,92260 CHF 19:31:12 EUR/JPY -0,03 % 175,864 JPY 19:31:12

Ein 40 Jahre altes Foto aus Washington zeigt ein Problem, vor dem deutsche Schulen gerade stehen

Wissenschaft

Startseite

Panorama

Ein 40 Jahre altes Foto aus Washington zeigt ein Problem, vor dem deutsche Schulen gerade stehen

Von: Andreas Apetz

Uns auf Google folgen

Die Argumente in der Debatte um den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Schulunterricht gab es schon einmal. Bereits in den 80ern war man wegen neuer Technik besorgt.

Frankfurt – Sie gehen auf der Straße, tragen Anzug und Krawatte – und große Schilder. Auf einem in die Luft gestreckten Plakat steht: „Schaltet sie bis zur Oberstufe aus!“ Im April 1986 demonstrierten etwa 20 Mathematiklehrerinnen und -lehrer, vor den Hotels, in denen die Jahrestagung des National Council of Teachers of Mathematics (NCTM) in Washington, D.C., stattfand. Die Organisation arbeitete damals an einer Richtlinie, welche die Integration elektronischer Taschenrechner in den Mathematikunterricht aller Klassenstufen sowie in Hausaufgaben und Leistungsnachweise vorsah.

„Der Knopf bringt nichts, bis das Gehirn trainiert ist“ und „Vorsicht: Vorzeitige Taschenrechnernutzung kann der Bildung Ihres Kindes schaden“ waren einige der Parolen der „Taschenrechner-Aufstände“, wie die Washington Post berichtete. Die Lehrkräfte befürchteten, Schülerinnen und Schüler könnten das Kopfrechnen und ein grundlegendes Zahlenverständnis verlernen, wenn sie zu früh auf Maschinen zurückgreifen. Die Protestaktion endete am selben Abend, einen Wandel konnte sie nicht stoppen: In den 1990er-Jahren gehörten wissenschaftliche und grafische Taschenrechner weltweit zum Standardrepertoire von Schulen und standardisierten Prüfungen.

Chatbots in der Schule: Taschenrechner-Debatte von 1986 wird heute wieder geführt

Heute wird der Vergleich zu den Taschenrechner-Aufständen gerne gezogen, wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht. Befürworter von Sprachmodellen und Chatbots erkennen heute darin die unberechtigte Widerstandshaltung gegen eine eigentlich positive Innovation wieder. „Wir haben uns auch an Taschenrechner angepasst und die Art und Weise verändert, wie wir im Matheunterricht prüfen. Das hier ist zweifellos eine extremere Version davon, aber auch die Vorteile sind weitaus extremer“, sagt Sam Altman bereits in einem Interview 2023.

Trotz der populären Analogie betonen viele Pädagoginnen und Pädagogen wichtige Unterschiede: Ein Taschenrechner arbeitet deterministisch: feste Formeln liefern verlässliche Zahlen. Generative KI hingegen übernimmt oft komplette Denk- und Schreibprozesse und neigt zu Halluzinationen. Kritikerinnen und Kritiker fordern daher, KI nicht einfach unkritisch wie einen Rechner einzubinden, sondern vor allem die Medienkompetenz und das kritische Denken der Schüler zu schärfen.

Auch die Mathematikerin und Professorin für Mathematikdidaktik, Susanne Prediger, kennt den Widerstand gegen die Taschenrechner und dessen Verlauf: „Schon damals wurde diskutiert, welche Rechnungen Lernende denn dann überhaupt noch von Hand können müssen“, sagt Prediger der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Viele dieser Rechnungen finden laut Prediger schon lange nicht mehr auf dem Papier statt, sondern fast ausschließlich im Taschenrechner. Beim Ziehen einer Wurzel sei es mittlerweile etwa wichtiger, zu verstehen, was ein Wurzelzeichen bedeutet und wie man überprüft, ob eine Zahl wirklich die Wurzel ist, als das Ergebnis schriftlich herzuleiten. Rechnen müssten die Kinder dafür trotzdem, wenn es darum geht, „die Größenordnung der Ergebnisse überschlagen zu können, damit ihnen Tippfehler beim Taschenrechnergebrauch auffallen“. Jugendliche müssten nicht zu Rechenmaschinen ausgebildet werden, sondern sie sollten die Maschinen „mit Verständnis und guten Strategien“ bedienen können, erklärt die Mathematikerin.

KI kann im Bildungssystem funktionieren – wenn sie richtig eingesetzt wird

Ute Schmid, Professorin für Kognitive Systeme an der Universität Bamberg, warnt jedoch: Wer generative KI als Abkürzung nutze, bevor er selbst gedacht habe, dem fehle die Grundlage, um deren Qualität überhaupt einschätzen zu können. „Das Generieren von Lösungen, sei es ein Aufsatz oder die Lösung eines mathematischen Problems, sollte nie am Anfang stehen“, sagt Schmid der Frankfurter Rundschau. Kompetenzerwerb basiere maßgeblich auf dem Selbermachen. Nur wer eigenständig Probleme löse, könne hinterher auch beurteilen, ob eine KI-generierte Antwort korrekt sei. „Ohne diese Kompetenzen können wir generierte Inhalte nur noch abnicken“, warnt die Forscherin.

Estland zeigt, wie dringlich das Problem ist: Schon Ende 2024 nutzten dort 90 Prozent der Oberstufenschülerschaft ChatGPT für ihre Hausaufgaben. Die Regierung reagierte nicht mit Verboten. Stattdessen erhalten seit 2025 mehr als 20.000 Schülerinnen und Schüler sowie 3.000 Lehrkräfte Zugang zu einer speziell entwickelten Lern-App, die anders als ChatGPT keine fertigen Antworten liefert, sondern wie ein Lehrer funktioniert: Sie hilft beim Planen des Lernwegs, leitet Schülerinnen und Schüler an, selbst Antworten zu finden und ihre eigenen Schlussfolgerungen zu formulieren.

Bei der JIM-Studie 2025 aus Deutschland gaben drei von vier Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren an, einen Chatbot zum Lernen oder für die Hausaufgabe zu nutzen. Prediger plädiert dafür, dass sich auch Prüfungen an die neue Lernrealität anpassen. „Das Abitur sollte Aufgaben enthalten, in denen man zeigt, dass man digitale Werkzeuge für anspruchsvolle Probleme nutzen kann“, sagt sie. Zugleich brauche es weiter einen hilfsmittelfreien Teil, also Aufgaben ohne Taschenrechner oder Software. „Nur so lässt sich prüfen, ob Lernende grundlegende Rechenwege auch selbst beherrschen“, sagt die Mathematikdidaktikerin.

Das Foto der protestierenden Mathematiklehrkräfte von 1986 zeigt, dass jede Technologie zunächst Sorgen weckt. Wichtig ist, dass daraus keine Panik und unberechtigte Abwehrhaltung entstehen. Die Taschenrechner-Debatte verdeutlicht, wie man mit neuer Technologie richtig umgeht: Sie wurde gelöst, indem Unterricht und Prüfungen neu konzipiert wurden. Auch jetzt muss der Lernprozess neu gedacht werden, ohne dabei jene Fähigkeiten preiszugeben, die Schülerinnen und Schüler selbst beherrschen müssen. (Quelle: Washington Post, YouTube, TI-Hupe, JIM-Studie 2025, eigene Recherche)

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren