DAX +1,40 % 25.970,05 Pkt 14:10:52 MDAX +0,68 % 32.437,06 Pkt 14:10:52 Euro Stoxx 50 +0,79 % 6.408,50 Pkt 14:10:45 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei -0,94 % 63.754,90 Pkt 08:45:03 Gold +0,12 % 4.112,00 USD 14:15:51 Silber +0,41 % 58,03 USD 14:15:30 Brent -5,70 % 82,92 USD 14:15:49 WTI -6,77 % 78,94 USD 14:15:51 Bitcoin -1,48 % 62.545,01 USD 14:25:48 EUR/USD +0,09 % 1,15340 USD 14:24:54 EUR/GBP +0,04 % 0,85630 GBP 14:25:52 EUR/CHF +0,38 % 0,93220 CHF 14:25:52 EUR/JPY -2,13 % 180,655 JPY 14:25:51

Ein Betriebssystem für 58 Plattformen: NetBSD 11 ist da

Allgemein

Inhaltsverzeichnis NetBSD, das unixoide und legendär portable Open-Source-Betriebssystem, liegt nun in Version 11 vor. Bereits am 4. August letzten Jahres gab NetBSD-Entwickler Martin Husemann bekannt, dass der Release-Prozess für NetBSD Version 11 mit der 11.0_BETA1 gestartet wurde. Die ursprüngliche Planung sah einen Release Candidate (RC) für September vor. Gedauert hat es letztlich bis zum 6. Februar dieses Jahres, um den NetBSD 11.0-RC1 offiziell freizugeben. Der Release-Prozess zog sich dann nervenzermürbend über ein halbes Jahr und einen NetBSD 11.0-RC7 bis zum jetzigen Release hin. Die Probleme lagen wohl vor allem im Bereich der Sicherheitsfixes für Komponenten von Drittanbietern und vielen KI-generierten Bugreports, weniger im technischen Bereich des NetBSD-Kernsystems selbst. Weiterlesen nach der Anzeige Die gute Nachricht: Das releng@-Team von NetBSD (Release Engineering) hat im Zuge der Entwicklung den Build-Prozess für RCs und Releases vereinfacht und stark automatisiert, sodass ein Compiler-Lauf auf der vorhandenen Hardware etwa 24 Stunden „wall clock time“ benötigt (reale Wartezeit vor der Konsole, CPU-Zeit über alle beteiligten Kerne ist deutlich höher). Aber nun ist es soweit: Das NetBSD-Team hat NetBSD 11.0 für 58 Plattformen veröffentlicht. Neu in NetBSD 11 für x86-Hardware ist unter anderem amdgpio(4), ein Treiber für HP-Laptops mit AMDs Ryzen 7 5800U/8840HS. NetBSD 11 besitzt jetzt den neuen Pseudo-Bus pv(4), an den sich paravirtualisierte Geräte anhängen können, wenn sie nicht über einen Standardbus wie PCI verfügbar sind. Das vereinfacht insbesondere die Unterstützung von Xen-PV-Geräten und ähnlichen Hypervisor-Schnittstellen. ThinkPad-Benutzer wird es freuen, dass über ein neues thinkpad(4)-Interface die Ansteuerung der Start- und Stop(Lade)-Schwelle für Akkus (zum Beispiel erst bei unter 40 Prozent laden, bei 80 Prozent stoppen) einfacher zu setzen ist. Der bestehende thinkpad(4)-Treiber unterstützt schon länger Hotkeys, Lüfter, Temperatursensoren und andere ThinkPad-spezifische ACPI-Funktionen. Freier gehts nicht: NetBSD 11 läuft auf RISC-V Bemerkenswert ist daher, dass NetBSD (BSD steht für Berkeley Software Distribution) bislang nicht offiziell auf der seit 2010 an der University of California, Berkeley, entwickelten RISC-V-Plattform läuft. RISC-V ist eine offene, modulare Befehlssatzarchitektur (ISA) unter der BSD-Lizenz, ist nicht patentiert und frei verwendbar – RISC-V ist also echte Open-Source-Hardware. Bekannt sein dürften Systeme wie die beliebten ESP32-C3/C6/H2 Mikrocontroller oder StarFive VisionFive 2, PINE64 STAR64, HiFive Unmatched oder Milk-V-Boards. Mit der CPU SpacemiT VitalStone V100 (12nm, bis 64 Kerne und bis 2,5 GHz) will sich RISC-V auch im Workstation- und Server-Bereich etablieren. Der Port NetBSD/riscv ist das erste Release, das RISC-V nun endlich offiziell unterstützt. Installieren lässt sich NetBSD/riscv 11.0 unter QEMU oder auf Boards wie dem BeagleBoard BeagleV, dem StarFive VisionFive 2, dem MangoPi MQ Pro oder dem Milk-V Mars Computing Module. Der Fokus der Entwickler liegt dabei auf den 64bittigen RV64/SV39-CPUs, ältere Hardware oder 32-Bit-RISC-V-Varianten sind derzeit nicht vorgesehen. Die pkgsrc-Pakete für RISC-V existieren, aber deren Umfang ist im Vergleich zu den etablierten Plattformen noch begrenzt. In der Praxis bemerkt man schnell, dass noch einige Binärpakete fehlen und nicht alle Tools verfügbar sind. Das dürfte sich aber schnell ändern: Die schlanke NetBSD-Struktur und das moderne RISC-V könnte sich zu einer interessanten Kombination für leichtgewichtige Open-Source-Systeme entwickeln. Qualcomms Snapdragon X Elite/Plus im Fokus Seit einiger Zeit gibt es Laptops beispielsweise von Lenovo, Asus, HP oder Microsoft, die auf Qualcomms Snapdragon X Elite/Plus basieren und leistungsmäßig durchaus mit Apples M3 oder Intels Meteor Lake konkurrieren können. Basis dafür ist die ARMv8.7-A Architektur (Oryon) mit 8 bis 12 Kernen. OpenBSD-Entwickler Patrick Wildts OpenBSD/arm64-Port lief bereits einen Tag nach Verkaufsstart des Chips. NetBSD übernahm Teile des Codes beispielsweise für Snapdragons Batterie- und Ladesensoren. Auch GPIO- und I²C-Geräte sollen funktionieren. Einige X.Org-Optimierungen verwenden nun SIMD-Befehle und erlauben so eine flinke Grafik. Weiterlesen nach der Anzeige Quasi am anderen Ende des Leistungsspektrums räumten die NetBSD-Entwickler den Code für den virt68k-Port insbesondere im Bereich der MMU auf (MMU erst ab 68030). Wer gerade keinen Rechner der Motorola-68000-Familie (später Freescale, heute NXP) bis hin zum 68040 oder dem 1994 noch neu entwickelten 68060 besitzt, kann NetBSD/virt68k unter QEMU mit paravirtualisierten Geräten (VirtIO: Netz, Laufwerke, Audio) ausprobieren. Klassische PA-RISC-Maschinen von HP (hppa) haben einige neue Grafiktreiber beispielsweise für HPs Visualize FX, HCRX oder die NGLE-Familie erhalten. DEC-Alpha-Rechner (alpha) unterstützen nun Secure PLT ELF-Binaries, um Code-Injection zu verhindern. NetBSD 11 kann bei Apples PowerBook-1xx-Serie (mac68k) nun die Hintergrundbeleuchtung steuern und erhält einen neuen Treiber für die Batterie-Kontrolle. Auch in die von Mainstream-Betriebssystemen oft komplett vernachlässigten Architekturen sind bei NetBSD 11 viele kleine Verbesserungen eingeflossen, sodass man Dank WLAN-, USB- und AES-Support beispielsweise auch einer 20 Jahre alten Nintendo Wii (evbppc, PowerPC 750 CL mit ATI-Grafik) daher neues unixoides Leben einhauchen kann. NetBSD 11 mit MICROVM-Kernel für Virtualisierung Mit NetBSD 11.0 erhält das Betriebssystem erstmals eine speziell konfigurierte MICROVM-Kernel-Variante für die x86-Architektur (i386 und amd64). Dieser MicroVM-Kernel ist kein klassischer Universal-Kernel, sondern extrem minimalistisch und konsequent auf Virtualisierung optimiert: Er verzichtet auf viele traditionelle PC-Komponenten wie PCI-Bus oder ACPI und setzt stattdessen auf moderne Virtualisierungsstandards. Das Ergebnis ist eine extrem kurze Startzeit von unter 0,01 Sekunden in typischen VM-Umgebungen – höchst interessant für micro-Service- und Serverless-Szenarien. Dazu haben die NetBSD-Entwickler drei Komponenten kombiniert: Anders als herkömmliche VM-Bootprozesse, die über BIOS/UEFI und Bootloader laufen, nutzt der MICROVM-Kernel ein paravirtualisiertes Boot-Interface, das ursprünglich aus dem Xen-Hypervisor stammt, inzwischen aber auch von QEMU und Firecracker verstanden wird. Dadurch kann der Kernel direkt vom Hypervisor gestartet werden, ohne die klassische Bootkette. Das beschleunigt den Start radikal (PVH, Paravirtualized Hardware Boot). Ohne ein PCI-Subsystem nutzen MicroVM-Kernel paravirtualisierte Geräte, die direkt im Speicher adressiert werden, was die Komplexität reduziert und ebenfalls Einfluss auf die Bootzeit hat (VirtIO über Memory-Mapped-I/O – MMIO). Entgegen den mittlerweile gigantisch werdenden Kernels der Mainstream-Systeme (Linux 7.0-rc1 hat 39,2 Millionen Zeilen (davon rund 29,9 Millionen reine Codezeilen)) wurde NetBSDs MicroVM-Kernel bewusst so schlank wie irgend möglich gehalten. Viele Standard-Subsysteme wurden weggelassen oder modularisiert. Das reicht auch vollkommen aus, da moderne Web-Dienste häufig als kurzlebige, isolierte Einheiten in MicroVMs laufen, die vor allem in Cloud- und Edge-Umgebungen blitzschnell gestartet und gestoppt werden sollen. Zwischen chroot(8) und Jails/Container: Cells for NetBSD (Noch) nicht offizieller Teil von NetBSD sind die gerade von Matthias Petermann entwickelten Cells for NetBSD. Der interessante Ansatz soll die Lücke zwischen chroot(8) und vollständigen Virtualisierungslösungen wie Xen oder dem nativen NetBSD-NVMM (NetBSD Virtual Machine Monitor) schließen. Wie Jails (FreeBSD) und Container (GNU/Linux) sollen die Cells von NetBSD leichtgewichtige, kernelgestützte und sichere virtuelle Workloads bieten. Petermann will dabei bewusst keine überfrachteten Linux-artigen Containersysteme replizieren, sondern ein BSD-fokussiertes, minimalistisches System entwickeln. Auf Kernel-Ebene werkelt dazu secmodel_cell mit mehreren wählbaren Sicherheitsprofilen, einem Host-zentrierten Netzwerk-Stack sowie integriertem Management (cellmgr) mit Supervising, Telemetrie und Logging. Auch Backup/Restore und ein textbasiertes Frontend (TUI) sind bereits vorhanden. Den Sourcecode für NetBSD 11 stellt Petermann auf GitHub zur Verfügung. Auf seiner Webseite gibt es für erste Evaluierungszwecke auch einen Link zu einem ISO-Image mit einem aktuellen (aber inoffiziellen) NetBSD samt integrierten Cells. NetBSD-Paketfilter npf(7) macht massive Fortschritte Für Firewall-Funktionen benutzt NetBSD seit Version 6.0 (2012) einen eigenen, von Mindaugas Rasiukevicius ab etwa 2009 entwickelten Paketfilter namens npf(7). Er wurde als Ersatz für ältere Lösungen wie IPFilter von Grund auf neu konzipiert. OpenBSDs pf(4) war damals noch single-threaded, Rasiukevicius entwarf NPF hingegen von Anfang an SMP-fähig. NPF bietet die üblichen Funktionen eines Paketfilters, also zustandsorientierte Paketfilterung (stateful inspection), NAT und eine komplexe aber flexible Regelkonfiguration. Benutzerdefinierte Module können NPF um zusätzliche Funktionen erweitern – zum Beispiel Paketprotokollierung, Traffic-Normalisierung und umfangreiche Blockierungsmöglichkeiten. Bislang filterte NPF IPv4 und IPv6 vor allem auf OSI-Level 4 (Transport) und Level 3 (Network), mit NetBSD 11 kann auch auf Level 2 (Data Link) sowie nach User-/Group-IDs gefiltert werden. Mehr POSIX und mehr Linux-Kompatibilität NetBSD 11 verspricht verbesserte Konformität mit POSIX.1-2024 und der C23-Programmierschnittstelle. Dazu gehört beispielsweise ein neues Wrapper-Skript für den ISO 2017 C-Compiler c17(1). Bei FreeBSD und eben auch NetBSD sieht man eine kooperative und freundliche Zusammenarbeit als positiv und bietet daher Linux-Kompatibilitätsschichten wie den Linuxulator (FreeBSD) oder compat_linux(8) (NetBSD) an. Wer GNU/Linux-Software unter FreeBSD/NetBSD laufen lassen will, kann dies meist problemlos tun. Bei GNU/Linux gibt es so etwas kaum; das Projekt BSD-User-4-Linux versucht immerhin, das zu ändern. Nichtsdestotrotz wurde bei NetBSD 11 die Unterstützung für Linux-Systemaufrufe in compat_linux(8) deutlich erweitert und umfasst Funktionen wie epoll/kqueue, POSIX message queues, statx, readahead, close_range, waitid, renameat2, clone3, sync_file_range, syncfs und inotify sowie Anpassungen beim procfs. NetBSD-Entwickler: Rust? KI? Nein, Danke! Die NetBSD-Entwickler haben sich bewusst gegen Rust im Kernel und gegen KI-Code entschieden. NetBSD ist immerhin das einzige Betriebssystem, das auf fast jeder Computer-Hardware läuft, egal wie alt oder leistungsschwach sie ist. Teile des Kernels aus ideologischen Gründen auf Rust umzustellen und damit den Großteil der Plattformen zu beerdigen, widerspricht der grundlegenden Philosophie von NetBSD. Aus demselben Grund stellt NetBSD die Entwicklung auch nicht komplett von GCC auf LLVM um. Etwas ausführlicher hat das NetBSD-Entwickler Benny Siegert in seinem Blogpost dargelegt. NetBSD ist ein einfaches BSD, das auf Portabilität ausgelegt ist und auf mehr Plattformen läuft als jedes andere Betriebssystem. Der eher komplex-dynamische Rust-Compiler wird niemals in den Release- und Support-Zyklus von NetBSD passen – und vor allem wohl niemals auf allen 16 unterstützten CPU-Architekturen, geschweige denn auf den 8 Tier-1- oder 48 Tier-2-Portierungen laufen. Die NetBSD-Entwickler lehnen KI-generierten Code hauptsächlich ab, um rechtliche Risiken im Zusammenhang mit Softwarelizenzen und Urheberrechten zu vermeiden. Das Projekt verfolgt seit langem eine klare und konsequente Linie in Bezug auf die Herkunft von Quellcode, um sein Open-Source-Ökosystem zu schützen. Quellcode aus Large Language Models (LLMs) wird korrekterweise als „verunreinigt“ (tainted) angesehen und darum ganz deutlich in den offiziellen NetBSD Commit Guidelines [https://www.netbsd.org/developers/commit-guidelines.html] abgelehnt. Da KIs aus allen möglichen Quellen trainiert wurden, kann niemand sicher sein, ob eine KI für ein Projekt nicht Codefragmente beispielsweise aus geleaktem Windows-Quellcode verwendet, was rechtlich problematisch wäre. Gentoo Linux geht sogar noch weiter und verbannt KI-Inhalte komplett aus dem Projekt – wegen Bedenken in Bezug auf Copyright, Qualität und Ethik. In ihrem jährlichen IRC-Chat beklagen die NetBSD-Entwickler die stark steigende Zahl von vermeintlichen Bugreports/Tickets. 2025 gab es über 50.000 neue Meldungen, von denen die Entwickler 96 Prozent als Duplikate oder irrelevant verwerfen mussten. Auch aus anderen Projekten hört man solche Zahlen immer häufiger, wobei „Bughunter“, die offensichtlich keine Kenntnisse der Materie haben, oft gierig nach „Bounty Programs“ (Belohnungen) fragen, um ihre KI-Ergebnisse zu versilbern. Nebeneffekt: Die KI-Scraper halten sich nicht an Beschränkungen in der robots.txt und grasen den in Arbeit befindlichen Quellcode bis zu zweimal am Tag komplett ab. Das führt dazu, dass menschliche Entwickler keinen Zugriff mehr auf wichtige Webseiten wie die Entwicklungs- und Testumgebung für zukünftige pkgsrc-Pakete und Paketänderungen bekommen. Typisch NetBSD: Es läuft überall Das bekannte Motto des NetBSD-Projekts lautet „Of course it runs NetBSD“. Es gibt Portierungen auf alle möglichen Computer-Plattformen, angefangen von antiken VAX Minicomputern und klassischen UNIX-Workstation über PDAs und Spielekonsolen wie der Nintendo Wii bis hin zu heutigen PCs, dem Raspberry Pi oder virtuellen MicroVMs, die in Rekordzeit unter Firecracker starten. NetBSD läuft sogar auf einem Toaster, auch wenn das Projekt eher eine zum Schmunzeln anregende Tech-Demo darstellt. NetBSD 11 unterstützt acht Tier I-, 48 Tier II-Plattformen sowie die Acorn Archimedes A-/R-Serie, die langsam sterbend noch am „life support“ hängt. Das ist weit mehr als jedes andere Betriebssystem bietet. Die NetBSD 11-Images für alle Architekturen können kostenlos über die Projektseite heruntergeladen werden. Alle Änderungen – vor allem auch die zu vorherigen Versionen nicht kompatiblen – finden sich auf der Release-Seite.

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