Ein Blick hinter die perfekte Fassade von Taylor Swift
"The Taylor Swift Years" in der ARD zeichnet ein kritisches Bild des größten Popstars der Welt – von der Fehde mit Kanye West bis zur Fan-Wohlfühlkapsel. Eine Kritik von Felix Reek Diese Kritik stellt die Sicht von Felix Reek dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Es gibt eigentlich nichts, was über Taylor Swift nicht schon geschrieben wurde. Die amerikanische Sängerin ist der größte Popstar der Welt und bricht regelmäßig Rekorde. Die meistgeehrte Künstlerin aller Zeiten, die erfolgreichste Tour, ein Role Model für junge Frauen. Nur wenn man genauer über Swift nachdenkt, stellt sich immer wieder die Frage: Was weiß man eigentlich über sie? Genau das steht auch am Anfang der neuen Dokumentation in der ARD, "The Taylor Swift Years: Schicksalsjahre eines Superstars" (ab 30. Juni in der Mediathek, am 1. Juli um 0:30 Uhr in der ARD). Wie das Wortspiel des Titels in Anlehnung an die Filmreihe "Sissi: Schicksalsjahre einer Kaiserin" bereits andeutet, konzentrieren sich die drei Folgen auf die Krisen in der Karriere von Swift. Sie sind dabei durchaus kritisch, so sagt Kulturwissenschaftler Jörn Klasenapp bereits früh: "Sie ist kein Wunderkind", wie etwa Mozart oder Michael Jackson. Swift ist ein Produkt harter Arbeit, die Verkörperung des amerikanischen Traums, alles ist möglich, solange man daran glaubt. Das All-American-Girl, das brave Countrylieder schreibt und den Quarterback anschmachtet. Erste Risse im Image der Taylor Swift Erste Risse bekommt dieses Image 2009 bei der Verleihung der Video Music Awards von MTV. Taylor Swift ist auf dem Weg in den Mainstream. Sie gewinnt zum ersten Mal einen Pop-Preis. Dann stürmt Rapper Kanye West die Bühne und fordert die Trophäe für Beyoncé ein. Daraus wird eine Fehde, die sich über Jahre zieht. Sie nutzt und schadet beiden. Dazwischen montiert die Dokumentation immer wieder Rückblenden, um die Karriere des Mittelstands-Kids noch einmal zu erzählen: Wie es Swift gelingt, immer mehr im Pop Fuß zu fassen, raus aus der Countrywelt. Und wie sich die Machtverhältnisse drehen. Nachdem sie Kanye West vermeintlich als Lügnerin enttarnt, weil er behauptet, sie habe der Songzeile in seinem Diss-Track vorab zugestimmt, taucht Swift ein Jahr lang ab. Das erste Mal bekommt sie Gegenwind in ihrer Karriere. 2016 das Comeback – als Powerfrau, die die Niederlage in ihrem Sinn umdeutet. Der Beginn der modernen Taylor Swift, wie wir sie heute kennen. Der Bruch mit Manager Scott Borchetta Das alles wurde schon oft erzählt und ist wahrscheinlich die schwächste der drei Folgen von "The Taylor Swift Years". In Folge 2 geht es weiter mit Manager Scott Borchetta, der Taylor Swift als Jugendliche im Bluebird Café entdeckt und ihr verspricht, sie zum Star zu machen. Beide profitieren von dem Deal. Borchetta will gerade sein eigenes Label aufziehen, Swift ist die erste Künstlerin, der Manager wie ein Vater für sie. Brüche gibt es erst, als Swift sich emanzipiert und immer weiter Richtung Pop orientiert. Per SMS verkündet sie die Trennung der Partnerschaft. Es folgen Streitereien um den Back-Katalog, der Boykott von Spotify und die Neuaufnahme ihrer ersten sechs Alben. Deutlich macht die Dokumentation dabei ein wiederkehrendes Narrativ: Swift inszeniert sich als die Gute im Kampf gegen das Böse. Der väterliche Freund behindert ihre Entwicklung und verkauft dann ihre Songs an den Höchstbietenden, ausgerechnet Scooter Braun, ehemals Manager von Kanye West. Dass ihr Vater mit dem Verkauf als Anteilseigner von Scott Borchettas Label ebenfalls 15 Millionen US-Dollar verdient, macht die Sache nicht ganz so eindeutig. Die Wohlfühlkapsel Taylor Swift In der stärksten Folge geht es zum Abschluss um den ganz eigenen Kosmos der Taylor-Swift-Fans. Ein Paralleluniversum, oder wie es im Film heißt: "ein Schulhof ohne Mobbing, eine Wohlfühlkapsel". Draußen vorm Stadion wird mit anderen Fans gemeinsam gesungen, Freundschaftsbändchen getauscht, die Realität ausgeblendet. Ein sicherer Raum. Klar wird aber auch, dass Taylor Swift alles bewusst steuert und kontrolliert. Sie hat sehr schnell verstanden, was soziale Medien für eine Musikerin bedeuten. Sie backt Cookies für Fans, sie teilt ihren Alltag und wandelt das in Album- und Ticketverkäufe um. Risse bekommt diese Blase, als es in England eine Messerattacke auf eine Taylor-Swift-Kindertanzgruppe gibt. Drei Mädchen sterben. Oder als ein islamistischer Anschlag auf ein Wiener Konzert nur durch einen Geheimdienst-Tipp in letzter Minute verhindert wird. Und dann sind da noch Donald Trump und die amerikanische Rechte, die versuchen, Swift zu vereinnahmen. Der Superstar schweigt lange. Im Film heißt es kritisch: "Es scheint so, als äußere sie sich immer nur, wenn es ihr passt und für sie von Vorteil ist." Ein Abziehbild unserer Zeit Richtig nah kommt "The Taylor Swift Years" dem globalen Superstar aber auch hier nicht. Die Künstlerin ist das perfekte Abziehbild unserer Zeit: immer in Kontrolle von allem. Selbst die Hochzeit mit NFL-Star Travis Kelce wird zur großen Marketingaktion: Sie präsentiert ihr neues Album, er eine neue Modelinie. Empfehlungen der Redaktion New Yorks Bürgermeister heizt Gerüchte um Taylor Swift und Travis Kelce an Baut sich Taylor Swift ein Schloss für ihre Hochzeit? Traumhochzeit von Taylor Swift: Ohne Prinz William aber mit Schloss? Das ist es, wo "The Taylor Swift Years" wirklich glänzt: dieses Gesamtkonzept zu erfassen und kritisch zu hinterfragen. Ein Tipp also nicht nur für Swifties, sondern auch für all jene, die sich gerne mit Popkultur auseinandersetzen.