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Ein im Jahr 2022 stillgelegtes US-Atomkraftwerk steht vor einem historischen Neustart - in Deutschland sieht die Lage ganz anders aus

Technologie

Ein Atomkraftwerk wird abgeschaltet, der Brennstoff entfernt, der Rückbau beginnt. Normalerweise endet die Geschichte an dieser Stelle. Am Michigansee geschieht nun das Gegenteil: Wie das Technikportal „Interesting Engineering“ (IE) unter Berufung auf den Betreiber Holtec berichtet, hat im Kernkraftwerk Palisades Ende August die erneute Beladung des Reaktors mit Brennelementen begonnen.

Gelingt der Neustart, wäre es nach Angaben des US-Energieministeriums das erste amerikanische Kernkraftwerk, das nach Beginn der Stilllegung wieder in den Leistungsbetrieb zurückkehrt.

Für Deutschland kommt das Beispiel zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Auch hier wird wieder darüber gestritten, ob abgeschaltete Reaktoren zurück ans Netz könnten.

Das Atomkraftwerk am Michigansee:

Palisades lief mehr als 50 Jahre: Der kommerzielle Betrieb begann Ende 1971, abgeschaltet wurde der Reaktor im Mai 2022.

Der Neustart wird massiv unterstützt: Ein US-Bundeskredit über bis zu 1,52 Milliarden Dollar und 300 Millionen Dollar aus Michigan helfen bei der Finanzierung.

Holtec hat mit dem Einsetzen von 204 Brennelementen begonnen. Der Reaktor ist für eine elektrische Leistung von rund 805 Megawatt ausgelegt.

Atomkraft in den USA: Ein Milliardenprojekt gegen die Stilllegung

Das Kernkraftwerk Palisades am Michigansee ging Ende 1971 in den kommerziellen Betrieb und wurde im Mai 2022 abgeschaltet. Damit hatte der Reaktor zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Jahre Strom produziert.

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Seine ursprüngliche Betriebsgenehmigung war bereits zuvor verlängert worden und reicht grundsätzlich bis 2031. Nun arbeitet Betreiber Holtec daran, die Anlage wieder in den Leistungsbetrieb zurückzuführen.

Der Neustart ist dabei kein gewöhnliches privatwirtschaftliches Projekt. Das US-Energieministerium stellte Holtec einen Kredit von bis zu 1,52 Milliarden Dollar bereit. Der Bundesstaat Michigan steuert weitere 300 Millionen Dollar für Infrastruktur, Brennstoff und Personal bei. Holtec investierte zugleich in Reparaturen, Prüfungen und die Aufarbeitung zentraler Systeme.

Seit dem 30. August läuft nun die Brennstoffbeladung. Holtec-Manager Fadi Diya spricht von einem „wichtigen Meilenstein“ und dem Ergebnis enormer Arbeit der Beschäftigten, berichtet IE. Doch Brennstoff im Reaktor bedeutet noch nicht automatisch Strom im Netz. Auf dem Weg zum regulären Betrieb bleiben technische Tests und die nuklearrechtliche Aufsicht entscheidend.

Deutschland ist bereits einen Schritt weiter

Der Neustart in Michigan fällt in eine Zeit, in der auch in Deutschland wieder über die Rolle der Kernenergie gestritten wird. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bezeichnete den deutschen Atomausstieg im Juni als Entscheidung, die aus „ideologischen Vorbehalten“ und nicht aus energiewirtschaftlichen oder klimapolitischen Gründen erfolgt sei.

Die Bundesregierung verfolgt derzeit jedoch keine Reaktivierung der stillgelegten deutschen Kernkraftwerke. Ihre Energiepolitik setzt stattdessen auf den Ausbau erneuerbarer Energien sowie neue steuerbare Kraftwerkskapazitäten.

Für eine Prüfung alter Reaktoren hatte sich im Frühjahr dagegen Jens Spahn ausgesprochen, damals noch Vorsitzender der Unionsfraktion. Im April verwies der CDU-Politiker auf Studien, nach denen sich jüngst abgeschaltete Kernkraftwerke für etwa neun bis zehn Milliarden Euro wieder ans Netz bringen ließen.

Belgien stoppt Rückbau aller Atomkraftwerke

Auch im europäischen Ausland wird der Umgang mit stillgelegten Reaktoren neu bewertet. Belgien hatte seinen 2003 beschlossenen Atomausstieg bereits 2025 gesetzlich zurückgenommen. Ende April 2026 ließ die Regierung von Ministerpräsident Bart De Wever den Rückbau der sieben belgischen Reaktoren mit sofortiger Wirkung stoppen.

Zugleich verhandelt der Staat mit dem Energiekonzern Engie über eine Übernahme der Anlagen samt Personal, Atomtochtergesellschaften sowie der damit verbundenen Vermögenswerte und Verpflichtungen. Die Regierung hält sich damit ausdrücklich die Möglichkeit offen, bestehende Standorte und nukleare Infrastruktur weiter zu nutzen.

In Deutschland ist die praktische Ausgangslage inzwischen eine andere: Der Rückbau der deutschen Kernkraftwerke schreitet weiter voran. Nach Angaben der Bundesregierung im August befinden sich auch die drei zuletzt abgeschalteten Anlagen Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 im Rückbau. Zugleich erklärte die Bundesregierung, dass es in dieser Legislaturperiode weder Gespräche mit den Betreibern über einen Rückbaustopp noch über eine Wiederinbetriebnahme gegeben habe.

Die Reaktorkerne sind bereits entladen, Rohrleitungen und andere Komponenten werden bereits zerlegt. Die Reaktordruckbehälter, also die massiven Stahlbehälter, in denen sich während des Betriebs der Reaktorkern befindet, stehen zwar noch an ihrem Platz, doch Betreiber wie EnBW und PreussenElektra haben eine Rückkehr wiederholt als praktisch kaum noch realistisch bezeichnet.

Deutschland müsste Atomgesetz ändern

Palisades beweist deshalb vor allem eines: Die Wiederbelebung eines stillgelegten Atomkraftwerks ist technisch zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Sie braucht jedoch Milliarden, politische Rückendeckung, einen Betreiber, der mitzieht – und einen rechtlichen Weg zurück zum Leistungsbetrieb.

In Deutschland müsste nicht nur das Atomgesetz geändert werden. Mit jedem weiteren demontierten Bauteil wird aus einer politischen Debatte zunehmend eine Frage von Kosten, Zeit und technischer Machbarkeit.

Die Landesbank Baden-Württemberg schätzte die Kosten für die Reaktivierung von sechs deutschen Kernkraftwerken bereits 2025 auf insgesamt 21 bis 42 Milliarden Euro. Hinzu kämen mögliche Entschädigungen für gestoppte Rückbauarbeiten, neue Sicherheitsprüfungen und das wirtschaftliche Risiko eines jahrelangen Genehmigungsprozesses.

Wer würde für den Neustart zahlen – und wird Strom wirklich billiger?

Dass allein private Investoren diese Risiken übernehmen würden, ist derzeit zumindest fraglich. Die bisherigen Betreiber RWE, E.ON und EnBW haben einer Wiederinbetriebnahme bislang eine Absage erteilt. Sollte der Staat einen Neustart dennoch verfolgen, könnten deshalb Garantien, langfristige Abnahmeverträge oder direkte staatliche Hilfen nötig werden – und damit letztlich auch öffentliches Geld.

Zwar würde zusätzlicher Atomstrom voraussichtlich den Preis an der Strombörse dämpfen. Wie stark Haushalte davon profitieren, ist jedoch offen. Untersuchungen zum Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Reaktoren kamen für 2023 je nach Modell auf einen Rückgang der Großhandelspreise um wenige Prozent.

Auf der Stromrechnung käme davon nur ein Teil an: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums machten Beschaffung, Vertrieb und Marge zuletzt rund 40 Prozent des Haushaltsstrompreises aus. Der Rest entfällt vor allem auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben.

Ob eine Reaktivierung wirtschaftlich sinnvoll wäre, entscheidet sich deshalb nicht allein daran, ob ein abgeschalteter Reaktor technisch wieder hochgefahren werden kann. Entscheidend wäre, ob die über Jahre produzierte Strommenge die Milliardenkosten des Neustarts rechtfertigt – und wer das finanzielle Risiko übernimmt.

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