Ein Toter nach Schüssen bei Paris: Macron spricht von „rassistischem Terroranschlag“ und „Wendepunkt im Leben unserer Nation“
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die tödlichen Schüsse bei Paris als „rassistischen Terroranschlag“ verurteilt. „Das, was heute geschehen ist, stellt einen Wendepunkt im Leben unserer Republik und unserer Nation dar“, sagte er bei einem Besuch in der betroffenen Gemeinde Trappes.
Am Vormittag hatte ein Mann in Gemeinden bei Paris aus einem Auto mit einer automatischen Waffe geschossen. Nach Angaben der Terrorstaatsanwaltschaft von Paris wurde dabei ein im Jahr 2000 geborener Mann getötet, fünf weitere Menschen wurden verletzt. Ihr Gesundheitszustand war demnach am Abend noch nicht stabil. Unter den Verletzten soll sich auch eine Zwölfjährige befinden. Außerdem stünden mehrere Personen, die sich in unmittelbarer Nähe der Schüsse befanden, unter erheblichem Schock.
Diese Menschen seien „allein aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer vermeintlichen Religion“ ins Visier genommen worden, sagte Macron. Es sei das erste Mal, dass ein Terroranschlag geplant wurde, „um unsere Landsleute, unsere Kinder, allein aufgrund ihrer Hautfarbe oder der Religion, die man ihnen zuschreibt, zu töten.“
Zuvor hatte Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez den Vorfall als „terroristische Tat“ bezeichnet. „Die Ermittlungen laufen noch, aber es handelt sich eindeutig um ein terroristisches Verbrechen“, sagte Nuñez vor Journalistinnen und Journalisten in Trappes.
Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft teilte mit, sie habe eine Untersuchung eingeleitet, unter anderem wegen des Verdachts auf gezielte Tötung im Zusammenhang mit einem terroristischen Vorhaben, der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zur Vorbereitung von Straftaten gegen Personen sowie des Waffenbesitzes.
Bei dem Verdächtigten handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um einen 1987 geborenen Mann. Sein Strafregister weise vier Verurteilungen auf, die von Rechts wegen getilgt seien. Seine Wohnung wurde demnach am Abend durchsucht. „Da für die Durchsuchung seiner Wohnung gemäß den Bestimmungen der Strafprozessordnung seine Anwesenheit erforderlich ist, wurde er bislang noch nicht von den Ermittlern vernommen“, hieß es.
Bei der Durchsuchung seines Fahrzeugs wurden den Angaben nach eine Maschinenpistole sowie eine Tränengasgranate entdeckt. Laut der französischen Zeitung „Le Parisien“ war der Verdächtige zunächst nicht vernehmungsfähig. Demnach werden derzeit toxikologische Untersuchungen vorgenommen, um seinen Zustand während der Tat zu ermitteln.
Präsident Emmanuel Macron stattete der betroffenen Gemeinde Trappes für Gespräche mit Einsatzkräften einen Besuch ab. Zuvor zeigte er sich auf der Plattform X tief erschüttert über die Attacke und äußerte Anerkennung gegenüber den Sicherheitskräften. Medienberichten zufolge bezeichnete der Élysée-Palast den Vorfall als „rassistischen Terroranschlag“.
Auch Frankreichs Ex-Präsident François Hollande sprach von einer rassistisch motivierten Tat. „Angesichts des schrecklichen Anschlags, der die Gemeinden Trappes und La Verrière getroffen hat, ist nun nationale Solidarität gefragt, denn diese abscheuliche Tat ist vom rassistischen Hass geprägt“, schrieb Hollande auf der Plattform X.
Die rechtsnationale Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen meldete sich ebenfalls zu Wort: „Das Blutbad, das heute Morgen in Trappes stattfand, ist ein barbarischer Akt, dessen Motive aufgeklärt und die Verantwortlichen hart bestraft werden müssen.“
Bürgermeister geht von islamophoben Motiv aus
Als „Blutbad“ bezeichnete den Vorfall auch der Bürgermeister von Trappes, Ali Rabeh. Der Angreifer habe offensichtlich ein solches anrichten wollen, sagte er dem Sender BFMTV. Der Mann habe wahllos geschossen.
Rabeh hielt insbesondere einen islamfeindlichen Hintergrund für möglich. „Was wir heute miterlebt haben, ist objektiv gesehen ein Anschlag mit rassistischem, wahrscheinlich islamophobem Hintergrund“, sagte Rabeh. „Die Menschen, die heute ins Visier genommen wurden, hätten auch meine Mutter, meine Brüder, meine Schwägerinnen sein können“, sagte Rabeh.
Muslim-Verband ruft zu Wachsamkeit auf
Der muslimische Dachverband in Frankreich (CFCM) zeigte sich in einer Mitteilung nach der Tat entsetzt. Er warne unablässig vor den Folgen von Hassreden, Stigmatisierung und der Suche nach Sündenböcken, die von bestimmten Medien und politischen Verantwortlichen mitgetragen und dadurch in der öffentlichen Debatte zunehmend banalisiert würden, schrieb der Verband auf der Plattform X.
Sollte sich der rassistische und islamfeindliche Charakter des Angriffs bestätigen, wäre er ein tragisches Beispiel für die Gefahren, die von Hassideologien und entsprechenden Äußerungen ausgehen, hieß es weiter. Der CFCM rufe die Musliminnen und Muslime in Frankreich zu äußerster Wachsamkeit auf.
Mutmaßlicher Täter fuhr durch mehrere Orte
Die Schüsse ereigneten sich laut Polizei am Vormittag gegen 10.30 Uhr im Département Yvelines, das im westlichen Teil der Pariser Großraumregion liegt. Zunächst wurde in der Gemeinde Trappes geschossen, dann fuhr der Mann den Angaben nach weiter in die angrenzende kleine Gemeinde La Verrière. Laut Nuñez schoss der Verdächtige an drei verschiedenen Orten aus dem Wagen heraus.
Der Bürgermeister von La Verrière, Nicolas Dainville, sagte dem Sender BFMTV, dass die verletzte Zwölfjährige von acht Schüssen getroffen worden sei, was die Schwere der Lage verdeutliche. Rabeh sagte, das Mädchen schwebe „zwischen Leben und Tod“.
Eine Augenzeugin berichtete dem Sender BFM, der Zwölfjährigen zur Hilfe gekommen zu sein. „Sie schrie: ‚Hilfe, Hilfe, ich habe Schmerzen!‘“ Und weiter: „Sie war voller Blut, und ich fragte sie, wo es ihr wehtat. Da konnte sie mir sagen, dass sie Schmerzen im Bauch hatte.“
Sie habe dann ihre Tochter gebeten, eine Decke zu holen. Das Mädchen bewegt habe sie aber nicht, um ihre Verletzungen nicht zu verschlimmern.
Die Lage in Frankreich ist derzeit ohnehin äußerst angespannt. Am vergangenen Wochenende war es am Rande von Protesten wegen hoher Lebenshaltungskosten und Probleme im Bildungssystem zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen von Geschäften gekommen.
Am Samstag sind erneut landesweit Demonstrationen angekündigt. Mit 70.000 Einsatzkräften ist ein massives Polizeiaufgebot vorgesehen. Erneut befürchten die Behörden Ausschreitungen. Laut Innenministerium gibt es zahlreiche Aufrufe zu Gewalttaten und Plünderungen.
Derweil rief die Polizei in den sozialen Medien dazu auf, kursierende Videos von dem Vorfall nicht zu verbreiten. „Wir bitten Sie, diese aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen nicht zu teilen“, hieß es auf X. (Reuters, dpa, Tsp)