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Ein Vater sprach mit seinem Sohn beim Spaziergang über einen Vogel - später gewann der den Nobelpreis

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Ein Vater sprach mit seinem Sohn beim Spaziergang über einen Vogel – später gewann der den Nobelpreis

Von: Andreas Apetz

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Ein Vogel im Baum war für den Nobelpreisträger Richard Feynman eine wichtige Lektion und hat sein wissenschaftliches Denken beeinflusst.

Frankfurt – Physik gilt vielen als Schreckensfach. Quantenmechanik, Thermodynamik, Relativitätstheorie – allein diese Begriffe rufen bei vielen Menschen Erinnerungen an endlose Formeln und stures Auswendiglernen in der Schule wach. Dabei liegt der eigentliche Reiz der Naturwissenschaften woanders: im Verstehen von Zusammenhängen, nicht im Herunterbeten von Definitionen.

Richard Feynman, 1918 in New York geboren, wurde einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts. 1965 erhielt er den Nobelpreis für seine „fundamentale Leistung in der Quantenelektrodynamik“. Während des Zweiten Weltkriegs war er am Manhattan-Projekt beteiligt, das den Bau der ersten Atombombe zum Ziel hatte. Den Grundstein für sein wissenschaftliches Denken legte jedoch kein Hörsaal, sondern ein Spaziergang mit seinem Vater.

Richard Feynman und der Vogel: Eine Lektion fürs Leben

In seiner 1988 erschienenen Autobiografie schildert Feynman im Kapitel „The Making of a Scientist“ (dt. „Wie man Wissenschaftler wird“) eine Kindheitserinnerung, die ihn nie losließ. Vater und Sohn beobachteten einen Vogel im Baum. Der Vater sagte: „Siehst du den Vogel? Das ist eine Spencers Waldsängerin.“ Ich wusste, dass er den richtigen Namen nicht kannte. „Nun, auf Italienisch heißt sie Chutto Lapittida. Auf Portugiesisch heißt sie Bom da Peida. Auf Chinesisch heißt sie Chung-long-tah, und auf Japanisch heißt sie Katano Tekeda. Du kannst den Namen dieses Vogels in allen Sprachen der Welt kennen und wirst trotzdem nichts über ihn wissen, abgesehen davon, wie ihn die Menschen auf der Welt nennen. Also lass uns genau hinschauen und beobachten, wie der Vogel sich verhält – das ist es, was zählt.“

Die Botschaft dahinter war klar: Ein Name ist keine Erkenntnis. Feynmans Vater brachte ihm bei, dass Verstehen mehr zählt als Benennen. „Mein Vater hat mir beigebracht, Dinge zu beobachten“, schrieb Feynman später. Bei Fragen nannte er nie nur einen Begriff, er gab seinem Sohn stets den Impuls, genauer hinzusehen.

Neugier bei Kindern wecken: „Man muss erst einmal Wissen haben“

Was Feynmans Vater intuitiv tat, lässt sich wissenschaftlich erklären. Garvin Brod, Entwicklungspsychologe am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen, forscht dazu, wie Kinder lernen. Für ihn ist genau dieses genaue Hinsehen der Beginn wissenschaftlichen Denkens. „Man muss erst einmal Wissen haben, um überhaupt neugierig sein zu können. Wir können nur neugierig auf ein Thema sein, wenn wir schon einiges darüber wissen. Ein breiter Wissensschatz macht Menschen also neugieriger. Wer viel weiß, entdeckt mehr Wissenslücken“, sagt Brod der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Der Vogel im Baum ist aus dieser Perspektive weniger eine Antwort als der Anlass für die nächste Frage. Entscheidend ist dabei, wie Erwachsene mit diesen Wissenslücken umgehen. „Neugier ist kein Muskel. Man kann sie nicht einfach trainieren. Aber wir können Neugier wecken. Eltern und Lehrkräfte können das tun. Wir müssen an das bestehende Vorwissen andocken. Und dann müssen wir etwas Unerwartetes präsentieren. Überraschung und Neugier hängen eng zusammen“, erklärt der Psychologe. Feynmans Vater tat genau das: Er entlarvte den vermeintlich richtigen Namen des Vogels als leere Hülle und lenkte den Blick auf das Verhalten des Tieres.

Aus diesem Andocken an bestehendes Wissen kann eine Eigendynamik entstehen, die sich selbst antreibt. „Im Idealfall bleibt die Neugier immer offen. Wenn wir eine Wissenslücke schließen, entstehen sofort neue Folgefragen. Man will die nächste Lücke schließen. Das führt zu einer intensiven Beschäftigung mit einem Thema. So entwickeln sich Kinder zu Experten. Das ist genau wie in der Wissenschaft. Man beginnt mit einer groben Frage. Dann wird man immer feingliedriger“, sagt Brod. Auswendiglernen funktioniere zwar auch – aber: „Neugier treibt die Beschäftigung mit dem Stoff von innen heraus an.“

Lernfenster im Kindesalter: Bis zu sechs Wochen voller Aufnahmefähigkeit

Im Kindesalter bis sechs Jahre kann sich mit jeder neuen Frage ein sogenanntes „Lernfenster“ öffnen. Gemeint ist eine vorübergehende Phase gesteigerter Neugier, in der Kinder besonders motiviert sind und das Lernen leichter fällt als sonst. „In einer solchen Phase geht ein Zeitfenster auf und das Kind hat ein starkes Interesse“, sagt Ina Lehr der Frankfurter Rundschau. Sie ist Grundschullehrerin und Lehrerin für die Sekundarstufe.

Ist das Lernfenster erst geöffnet, durchläuft das Kind die Lernstufen in einem Tempo, das sonst kaum möglich wäre. Lehr beschreibt es so: „Das Gehirn saugt in dieser Phase Informationen auf wie ein trockener Schwamm.“ Die Phase kann bis zu sechs Wochen anhalten, doch das Interesse kann auch so schnell verschwinden, wie es gekommen ist.

Richard Feynman: Ein Lernfenster, das sich nie schloss

Feynman richtete sich als Kind bereits ein eigenes Labor zu Hause ein. Das Interesse an Wissenschaft und Physik, das in ihm geweckt worden war, blieb bis zu seinem Tod bestehen. „Entdecke die Welt. Fast alles ist wirklich interessant, wenn man sich intensiv genug damit beschäftigt“, schrieb er in einem zweiten autobiografischen Buch kurz vor seinem Ableben. Sein Lernfenster hatte sich nie geschlossen. (Quelle: eigene Recherche, What Do You Care What Other People Think?: 1988, Surely You‘re Joking, Mr. Feynman!: 1985)

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