"Eine andere Welt": MotoGP-Testfahrer erleben den 1000er-Schock
(Motorsport-Total.com) - Die MotoGP befindet sich mitten in der Vorbereitung auf einen der größten technischen Umbrüche ihrer jüngeren Geschichte. Ab 2027 sinkt der Hubraum von 1.000 auf 850 Kubikzentimeter. Hinzu kommen deutlich weniger Aerodynamik sowie das Verbot der Devices und ein neuer Reifenausrüster. Wie stark sich die beiden Motorradgenerationen unterscheiden, lässt sich inzwischen auch aus Sicht der Testfahrer beurteilen. Besonders interessant ist dabei der umgekehrte Wechsel: von der neuen 850er zurück auf die aktuelle 1000er. Augusto Fernandez und Pol Espargaro, Testfahrer bei Yamaha beziehungweise bei KTM, haben diesen Schritt bei ihren jüngsten MotoGP-Einsätzen vollzogen und schildern ihn als weitaus schwieriger als den Wechsel in die andere Richtung. Fernandez: "Größter Unterschied sind die Reifen" Fernandez war in den vergangenen Monaten intensiv in die Entwicklung der neuen MotoGP-Generation eingebunden. Der Yamaha-Testfahrer gehörte zu den ersten Piloten, die die neuen Prototypen erprobten, bevor beim offiziellen Pirelli-Test in Brünn im Juni erstmals auch Stammfahrer zum Einsatz kamen. Nach seinen Erfahrungen ist vor allem die Rückkehr zur aktuellen 1000er eine Herausforderung. "Ich denke, es ist schwieriger, von einer 850er auf die 1000er zu wechseln als umgekehrt", erklärt Fernandez. Der Grund liege nicht allein in der Motorleistung. Auf der jetzigen Maschine gebe es mehr elektronische Systeme und eine andere Fahrweise, während sich die Fahrer mehr und mehr auf den Charakter der 850er einstellten. "Wir beginnen jetzt, uns sehr an die 850er zu gewöhnen", so Fernandez. Durch die zahlreichen Testfahrten habe man bereits viele Runden mit der neuen Generation abgespult, wobei der Spanier die Reifen als wohl größten Unterschied identifiziert. Genau diese Kombination aus verändertem Motorrad und neuem Reifenlieferanten macht die Umstellung so fundamental. Pirelli übernimmt 2027 von Michelin und bringt damit nicht nur einen anderen Reifen, sondern eine andere Fahrcharakteristik in die Königsklasse. Die Entwicklung der neuen Pneus läuft bereits seit 2025, zunächst mit modifizierten aktuellen Motorrädern und deaktivierten Ride-Height-Systemen. Für Fernandez war die Rückkehr zur 1000er bei seinem Wildcard-Einsatz in Silverstone deshalb zunächst vor allem eine Frage des Rhythmus: "Es ging darum, wieder Tempo aufzubauen und zu versuchen, möglichst nah an die Yamahas heranzukommen." Espargaro fühlt sich auf der 1000er wie ein Rookie Noch drastischer beschreibt Espargaro die Umstellung. Der KTM-Testfahrer war die aktuelle 1000er nach eigenen Angaben seit dem Shakedown-Test in Sepang nicht mehr gefahren. Nach der langen Phase mit der neuen 850er-Generation und Pirelli musste er nun wieder auf das aktuelle MotoGP-Paket mit Michelin umsteigen. Die ersten Eindrücke fielen entsprechend heftig aus. "Man kann sich nicht vorstellen, wie sehr sich die Kategorie im kommenden Jahr verändern wird", zieht Espargaro den Vergleich. "Von Michelin und diesem 1000er-Motorrad auf Pirelli und einen etwas kleineren 850er-Motor zu wechseln, ist ziemlich einfach." Der umgekehrte Weg sei dagegen "eine andere Welt". Espargaro kennt die 1000er seit Jahren, trotzdem habe er sich bei der Rückkehr zunächst wie "ein Rookie" gefühlt. Der Spanier ersetzte beim Grand Prix von Großbritannien Maverick Vinales. Vor allem müsse er sein Gefühl für die entscheidenden Punkte einer Runde neu kalibrieren. Bremswege, Kurveneingang, Verzögerung, Linienwahl und der Punkt, an dem wieder Gas angelegt wird: All diese Abläufe müssten sich erst wieder normalisieren. Was den Wechsel zurück für Fahrer so extrem macht Besonders die Motorcharakteristik mache den Unterschied spürbar. "Ab dem vierten Gang ist dieses Motorrad unglaublich, das Drehmoment ist unglaublich", erklärt Espargaro. Die schiere Kraft müsse man zunächst erst wieder in den eigenen Fahrstil integrieren. Entsprechend vorsichtig ging der KTM-Testfahrer den ersten Tag zurück auf der 1.000er an. "Ich wollte keine dummen Fehler machen und erst am nächsten Tag voll angreifen", beschreibt der Ersatzfahrer seine Herangehensweise. Dabei ist der Unterschied für Espargaro nicht nur eine Frage der Rundenzeit, sondern auch der körperlichen Belastung. Nach den Erfahrungen mit der 850er sieht er die aktuelle MotoGP-Maschine plötzlich aus einem völlig anderen Blickwinkel. "Ich fühle mich nach den 850er- und Pirelli-Tests eher bereit, eine Moto2-Maschine zu fahren als ein MotoGP-Bike", sagt er. Das sei auch für die Fahrer, die 2027 aus der Moto2 in die Königsklasse aufsteigen, eine wichtige Entwicklung und mache den Vergleich mit den künftigen Aufsteigern aus der Moto2 besonders interessant. Denn die Moto2 fährt bereits seit 2024 auf Pirelli-Reifen. Genau diese Erfahrung könnte den Nachwuchsfahrern beim Aufstieg in die neue MotoGP-Ära einen Vorteil verschaffen. Pirelli stattet neben der MotoGP auch Moto2 und Moto3 aus und verfügt damit bereits über umfangreiche Erfahrungswerte aus den kleineren Klassen. "Sie werden unglaublich schnell sein", prognostiziert Espargaro mit Blick auf die kommenden MotoGP-Aufsteiger. Die Kombination aus vertrauten Pirelli-Reifen und der weniger extremen 850er-Maschine könnte ihnen die Eingewöhnung erleichtern. Aktuelle Bike-Generation körperlich eine andere Liga In Bezug auf die physische Belastung betont Espargaro: "Mit der 850er und den Pirellis kann ich zwei Rennen hintereinander fahren. Sie ist viel, viel weniger körperlich." Bei der aktuellen 1000er sei die Belastung dagegen unmittelbar spürbar. "Da ist die Herzfrequenz nach zwei Runden so hoch, dass es unglaublich ist." Das aktuelle Niveau der Motorräder sei schlicht "brutal". Doch für Espargaro machen genau diese Extreme zugleich einen Teil der Faszination der heutigen MotoGP aus. "Der Grad des Wahnsinns in dieser Kategorie ist momentan unglaublich", sagt er. Gerade deshalb sei es wertvoll, aus diesem Umfeld auszusteigen und ein anderes Motorrad zu fahren. Der direkte Vergleich mache deutlich, wie stark sich die Klasse entwickelt habe. Die ersten Eindrücke der 850er sprechen deshalb aber keineswegs für eine langsamere oder weniger interessante MotoGP. Im Gegenteil: Auch Aleix Espargaro, der ebenfalls in die Entwicklung eingebunden ist, beschrieb die neue Maschine bereits als deutlich fahrerfreundlicher und lobte den Grip der Pirellis. Zudem sei sie mehr als zehn Kilo leichter, was vor allem beim Richtungswechsel spürbar sei. Espargaro erwartet eine engere und sicherere MotoGP Pol Espargaro sieht den technischen Umbruch daher nicht nur als eine Herausforderung für die Fahrer, sondern grundsätzlich eine Chance für die Meisterschaft. Er glaubt, dass die 2027er Motorräder langfristig für engere Rennen sorgen könnten. "Ich denke schon", antwortet er auf die Frage, ob die Änderungen auch für die Zuschauer positiv sein werden. Und noch einen wichtigen Punkt spricht er an: das Thema Sicherheit. "Die Fahrer werden weniger verletzt werden, weil die Geschwindigkeit und die Kategorie insgesamt, sagen wir, sanfter werden", glaubt Espargaro. Allerdings erwartet der Spanier zunächst eine Übergangsphase. Zu Beginn des neuen Reglements könnten einzelne Hersteller deutlich besser vorbereitet sein als andere. Erst wenn sich die Entwicklung angleicht, werde die Konkurrenz enger. Eine besondere Rolle schreibt Espargaro dabei Ducati und der Erfahrung aus der Superbike-Weltmeisterschaft zu: "Es ist leicht zu denken, dass Ducati vom ersten Tag an schnell sein wird, weil sie alle Informationen aus der Superbike-WM haben." Die technischen Gemeinsamkeiten der künftigen 850er mit den Superbikes könnten den Herstellern mit umfangreicher Pirelli-Erfahrung einen Vorteil verschaffen. "Im Grunde ist es eine Art Superbike", sagt Espargaro. Vor allem beim Umgang mit den Reifen könnten die Erfahrungen aus der Superbike-WM wertvoll sein. "Sie haben viele Informationen, die die anderen Hersteller, die nicht in der Superbike-WM sind, nicht haben." Etwa zur Frage, wie die Reifen über eine Renndistanz behandelt werden müssen und wie man sie für eine einzelne schnelle Runde optimal nutzt.