Eine bestimmte Eigenschaft fördert gesundes Altern
Ernährung, Bewegung, soziale Kontakte – das gilt als Rezept für ein langes Leben. Doch eine Studie aus Sardiniens "Blue Zone" rückt nun einen oft übersehenen Faktor ins Zentrum: die Persönlichkeit. Besonders ein Merkmal sticht hervor. Wer nach dem Geheimnis eines langen und gesunden Lebens sucht, stößt meist auf die üblichen Empfehlungen: gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, ein stabiles soziales Umfeld. Doch eine neue Untersuchung aus einer der weltweit bekanntesten Langlebigkeitsregionen legt nahe, dass ein weiterer Baustein bislang zu wenig Beachtung findet – die eigene Persönlichkeit. Ein Forschungsteam um die Psychologin Maria Chiara Fastame von der Universität Cagliari hat 125 ältere Menschen auf Sardinien untersucht und dabei die Bewohnerinnen und Bewohner der sogenannten "Blue Zone" mit Gleichaltrigen aus einer benachbarten ländlichen Region verglichen. Die Ergebnisse erschienen im Fachmagazin "International Journal of Applied Positive Psychology". Langlebigkeit: Was die "Blue Zone" so besonders macht Als Blue Zones bezeichnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geografisch isolierte Gebiete, in denen überdurchschnittlich viele Menschen ein besonders hohes Alter erreichen. Neben dem zentralöstlichen Sardinien zählen dazu unter anderem Okinawa in Japan, die griechische Insel Ikaria und die Halbinsel Nicoya in Costa Rica. Die Bewohnerinnen und Bewohner dieser Regionen zeichnen sich laut der Studie typischerweise durch einen aktiven Lebensstil, starke soziale Einbindung und eine hohe Selbstständigkeit im Alltag aus. Bisherige Forschungen hatten bereits gezeigt, dass Menschen in Blue Zones höhere Werte bei Resilienz, Optimismus und psychischem Wohlbefinden aufweisen. Was jedoch fehlte, war eine systematische Untersuchung der grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale – der sogenannten Big Five. Neugier und Lernbereitschaft als herausragendes Merkmal Für die aktuelle Studie absolvierten 55 Teilnehmende aus der sardischen Blue Zone und 70 Personen aus einer vergleichbaren Nicht-Blue-Zone-Region eine Reihe von Tests und Fragebögen. Das Durchschnittsalter lag bei 80,1 Jahren, die Altersspanne reichte von 71 bis 101 Jahren. Beide Gruppen waren hinsichtlich Alter, Geschlecht, kognitivem Status und sozioökonomischem Hintergrund vergleichbar – alle hatten Zugang zum gleichen Gesundheitssystem. Die Blue-Zone-Bewohnerinnen und -Bewohner verfügten den Studienergebnissen zufolge über deutlich höhere Werte bei der sogenannten Offenheit für Erfahrungen. Dieser Persönlichkeitszug beschreibt Neugier, Lernbereitschaft und die Freude daran, sich auf neue Ideen und Erlebnisse einzulassen. Darüber hinaus besaßen sie bessere Bewältigungsstrategien im Umgang mit Alltagsproblemen, eine höhere emotionale Kompetenz und verbrachten erheblich mehr Zeit mit geistig oder körperlich anregenden Freizeitbeschäftigungen – im Schnitt 11,3 Stunden pro Woche gegenüber 6,8 Stunden in der Vergleichsgruppe. Bemerkenswert ist allerdings auch, was die Studie nicht zeigt: Bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität – einem Maß, das körperliche und psychische Gesundheit zusammenfasst – gab es keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Laut den Forschenden könnte die subjektiv empfundene körperliche Gesundheit im hohen Alter stärker von objektiven körperlichen Einschränkungen oder der Unterstützung durch das Umfeld abhängen als von stabilen Persönlichkeitseigenschaften. Gewissenhaftigkeit hilft, Negativität schadet Über beide Gruppen hinweg zeigte sich zudem, dass Teilnehmende mit höherer Gewissenhaftigkeit – also ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein und Selbstdisziplin – von größerer Lebenszufriedenheit berichteten und über wirksamere Strategien zur Problembewältigung verfügten. Wer hingegen stärker zu Neurotizismus neigte, also zu emotionaler Instabilität und negativer Grundstimmung, schätzte die eigene Lebensqualität tendenziell schlechter ein. Interessant ist dabei ein Konzept, das die Forschenden als "gesunden Neurotizismus" bezeichnen. In der Blue Zone wiesen die Teilnehmenden zwar ähnlich moderate Neurotizismus-Werte auf wie die Vergleichsgruppe – doch in Kombination mit hoher Offenheit und guten Bewältigungsstrategien könnte gerade diese moderate Ängstlichkeit dazu beitragen, gesündere Entscheidungen zu treffen und vorsorglicher zu leben. Persönlichkeit formt den Lebensstil – nicht direkt die Lebensdauer Die Forschenden betonen, dass Persönlichkeitsmerkmale vermutlich nicht unmittelbar die Lebensdauer verlängern. Vielmehr formen sie die Art und Weise, wie Menschen ihren Alltag gestalten. Wer neugierig und intellektuell engagiert durchs Leben geht, pflegt eher soziale Kontakte, nimmt neue Hobbys auf, bleibt körperlich aktiv und lernt weiter – alles Faktoren, die gesundes Altern begünstigen, wie auch das Wissenschaftsmagazin "ScienceAlert" erläutert. Persönlichkeit wirke demnach nicht unabhängig von Ernährung oder Bewegung, sondern beeinflusse genau jene Verhaltensweisen, die ein gesundes Altern wahrscheinlicher machen. Empfehlungen der Redaktion Forscher benennt den "am meisten übersehenen Faktor für ein langes Leben" Hundertjähriger schwört auf "vier Ls" für ein erfülltes Leben Longevity-Arzt verrät seine 10-Minuten-Morgenroutine Grenzen der Studie – und was daraus folgt Die Autorinnen und Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen hin. Die Studie basiert auf einem Querschnittdesign, erlaubt also keine kausalen Rückschlüsse. Die Stichprobe war relativ klein und beschränkte sich auf ländliche Gebiete Sardiniens. Zudem stützten sich die Erhebungen auf Selbstauskünfte der Teilnehmenden. Künftige Untersuchungen sollten laut dem Forschungsteam größere Stichproben einbeziehen, mehrere Blue Zones vergleichen und auch objektive Gesundheitsdaten berücksichtigen. Dennoch fügt sich die Arbeit in eine wachsende Reihe von Belegen dafür ein, dass psychologische Eigenschaften neben den bekannten Faktoren Ernährung, Bewegung und sozialer Einbindung eine eigenständige Rolle beim gesunden Altern spielen könnten. (red)