Eine "Höllenlandschaft" aus Drohnen soll Taiwan vor China schützen
Taiwan will seine Streitkräfte mit Tausenden Drohnen ausstatten und die Taiwanstraße im Ernstfall zur "Killzone" machen. Doch China verfügt bereits über eine riesige Drohnenindustrie und arbeitet zugleich an immer besseren Abwehrsystemen. Eine Analyse von Sven Hauberg Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Sven Hauberg sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Noch war der Drohnenschwarm, der sich am vergangenen Samstag vor der Küste der taiwanischen Stadt Kaohsiung in Richtung Meer erhob, eher klein. Ein paar Dutzend Angriffsdrohnen flogen vor den Augen von Taiwans Präsident Lai Ching-te über das Meer und den Strand, es war eine Übung im Rahmen des jährlichen Militärmanövers "Han Kuang". Zehn Tage lang wird bei dem Manöver der Widerstand gegen einen möglichen chinesischen Angriff geprobt. An der Übung nehmen noch bis Freitag mehr als 22.000 Reservisten teil, simuliert wird eine chinesische Invasion unter möglichst realen Bedingungen. Peking betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und droht damit, sich die Insel notfalls mit Gewalt einzuverleiben. Damit es nicht so weit kommt, setzt Taiwan zunehmend auch auf Drohnen. Im Ernstfall, so die Überlegungen taiwanischer und amerikanischer Militärplaner, könnten sich Tausende der kleinen, unbemannten Fluggeräte in Richtung Taiwanstraße erheben und eine chinesische Invasion vereiteln. Eines der Szenarien, die derzeit diskutiert werden, trägt den markigen Namen "Hellscape", auf Deutsch "Höllenlandschaft". Geprägt hat den Begriff John Aquilino, bis 2024 Kommandeur des US-Indopazifik-Kommandos, sein Nachfolger Samuel Paparo übertrug das Konzept später auf die Taiwanstraße. Die Idee: Sobald sich eine chinesische Invasionsflotte auf den Weg nach Taiwan macht, könnten Tausende unbemannte Fahrzeuge zu Wasser und in der Luft den Vorstoß ausbremsen. Konflikt mit China: Taiwanstraße soll zur "Killzone" werden "Ich möchte die Taiwanstraße mithilfe einer Reihe geheimer Fähigkeiten in eine unbemannte Höllenlandschaft verwandeln", erklärte Paparo das Szenario im Gespräch mit der "Washington Post". Den Chinesen werde so "einen Monat lang das Leben zur Hölle gemacht – das verschafft mir die nötige Zeit für alles Weitere". Das Konzept soll den Taiwanern also Zeit kaufen, bis die Amerikaner in den Konflikt eingreifen können. Washington unterhält zwar keine diplomatischen Beziehungen zur taiwanischen Regierung, gilt aber als wichtigster Unterstützer des Inselstaats. Beim "Hellscape"-Szenario würde sich die Taiwanstraße in eine "Killzone", eine Todeszone, verwandeln, sagt Sheu Jyh-Shyang vom Institute of National Defense and Security Research, einer Denkfabrik in Taipeh, die eng mit dem taiwanischen Verteidigungsministerium verbunden ist. Taiwans Militär würde Tausende Drohnen einsetzen, um chinesische Schiffe oder Kampfjets zu zerstören. Die Taiwanstraße wäre dann kaum noch zu überqueren. "Man verwendet günstige Waffen, um viel teurere Systeme auszuschalten", erklärt Sheu im Gespräch mit unserer Redaktion das Konzept. Andere Szenarien sehen vor, chinesische Kriegsschiffe schon dann anzugreifen, wenn sie ihre Häfen verlassen. Und sollten es chinesische Truppen bis nach Taiwan schaffen, könnten kleine Drohnen gezielte Angriffe auf die feindlichen Soldaten fliegen, sagt Sheu. China ist bereits eine Drohnengroßmacht Wie wichtig Drohnen als Teil der modernen Kriegsführung sind, zeigt der Ukraine-Krieg. Russland greift die Ukraine seit Jahren immer wieder mit den unbemannten Fluggeräten an. nd auch Kiew startet regelmäßig Drohnenattacken auf das Gebiet des Aggressors, zuletzt kamen bei einem ukrainischen Angriff auf die zentralrussische Region Tatarstan nach russischen Angaben mindestens zwölf Menschen ums Leben. Angriffe mit Drohnen sind nach ukrainischen Angaben für 60 Prozent der verletzten oder getöteten Russen verantwortlich. "Drohnen haben die Verteidiger erheblich gestärkt, selbst wenn sie einem übermächtigen Gegner gegenüberstanden", sagte Raymond Greene, Washingtons De-facto-Botschafter in Taiwan, im Juli auf einem Drohnen-Forum mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Die taiwanische Regierung müsse daraus lernen – und die gesamte Insel in ein "Wespennest aus Luft-, Oberflächen- und Unterwasserdrohnen" verwandeln. "Nichts wird einen Konflikt wirksamer verhindern", sagte Greene. Dazu benötigt Taiwan allerdings eine sehr große Anzahl an Drohnen – die es zum jetzigen Zeitpunkt nicht hat. Während China bereits eine "Drohnengroßmacht" sei, hole Taiwan erst langsam auf, sagt Experte Sheu. Taiwan holt beim Bau von Drohnen auf Huang Wen-chi, Generaldirektor für strategische Planung im taiwanischen Verteidigungsministerium, gab laut "New York Times" vor Kurzem vor Abgeordneten zu, dass Taiwans "Bemühungen im Bereich Drohnen und Drohnenabwehr relativ spät" begonnen haben. In den vergangenen zwei Jahren habe sich das allerdings geändert. Laut taiwanischem Wirtschaftsministerium produziert Taiwan derzeit monatlich 15.000 Drohnen, die meisten davon für das Militär. Bis 2030, so das Ministerium, sollen es im Monat 100.000 Stück sein, die Hälfte davon für den Export. Derzeit streiten allerdings Regierung und Opposition über die weitere Finanzierung des Drohnenprogramms, eine Lösung ist aktuell nicht in Sicht. Ein weiteres großes Problem ist die Abhängigkeit von China. Schätzungen zufolge kontrolliert die Volksrepublik rund 80 Prozent des weltweiten Marktes für zivile und militärische Drohnen und zudem große Teile der Lieferketten. Um nicht auf Bauteile aus China angewiesen zu sein, arbeitet Taiwan deshalb an sogenannten nicht-roten Lieferketten. Das sei zwar theoretisch möglich, so Sheu. "Die Frage ist nur, ob wir Drohnen dann auch noch günstig genug herstellen können." Drohnen in großer Stückzahl zu produzieren sei aber nur ein Teil der Lösung, sagt Sheu. Ebenso wichtig sei es, ein entsprechendes Ökosystem zu errichten, zum Beispiel eine effektive Kommunikationsinfrastruktur. Auch regelmäßige Übungen wie jetzt beim "Han Kuang"-Manöver und die Einbettung von Drohnen in die Kommandostrukturen seien wichtig. Wettrüsten zwischen China und Taiwan Auch China hat aus dem Ukraine-Krieg gelernt und verstärkt seine Anstrengungen beim Bau von unbemannten Luft- und Wasserfahrzeugen. Laut einer Recherche des "Economist" arbeitet China dabei eng mit Russland zusammen. So sollen chinesische Soldaten seit 2024 in einem Militärkomplex in der Nähe der Stadt Wolgograd im Südwesten Russlands eine Ausbildung zum Einsatz mit Drohnen absolvieren. Im Juli führten die beiden Atommächte zudem erstmals gemeinsame Militärmanöver durch, bei denen der Schwerpunkt auf der Drohnen- und Anti-Drohnen-Kriegsführung lag. Zudem investiert Peking massiv in Technologien zur Erkennung und Störung feindlicher Drohnen. Immer, wenn Taipeh neue Fähigkeiten entwickle, reagiere Peking wenig später darauf, sagt Experte Sheu: "Wenn Taiwan beispielsweise neue Seedrohnen anschafft, entwickelt China entsprechende Abwehrsysteme." Empfehlungen der Redaktion Eskalation statt Verhandlungen in Russlands Krieg gegen die Ukraine Strategiewechsel: Kiew will weniger Infos zu russischen Raketenangriffen geben Soldaten drohen offenbar damit, sich von US-Flugzeugträger zu stürzen Zwischen China und Taiwan ist im Bereich der Drohnen bereits ein Rüstungswettstreit im Gange – bei dem am Ende die entscheidende Frage lautet, wer schneller mehr unbemannte Systeme bauen und einsetzen kann.