Einkommensteuer: Die Steuerreform hat Millionen Verlierer - und nur einen Profiteur
Die Koalitionsspitzen tragen gemeinsam Verantwortung für diese Einkommensteuerreform. Foto: Reuters Einkommensteuer: Die Steuerreform hat nur einen Profiteur – und Millionen Verlierer Statt dieser Reform stünden alle Steuerzahler besser da, wenn die Regierung nur wie üblich die kalte Progression ausgleicht. Das zeigen wissenschaftliche Berechnungen. Christian Ramthun 09.07.2026 - 11:04 Uhr DieDie Einigung auf eine Einkommensteuerreform entpuppt sich bei näherer Betrachtung immer mehr als Flop. Nicht nur die angekündigte Entlastung um zehn Milliarden Euro erweist sich als umstritten. Auch das Versprechen, „dass die große Mehrheit der Steuerpflichtigen und insbesondere Familien mit Kindern künftig mehr Netto vom Brutto haben“ (O-Ton Bundesfinanzministerium), ist zweifelhaft. Diese Schlüsse lassen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zu. Die beiden Wissenschaftler Martin Beznoska und Tobias Hentze berechneten zum einen die Ent- und Belastungen, die sich aus den Reformeckdaten von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) ergeben. Gleichzeitig ermittelten sie, wie hoch die Entlastung ausfallen müsste, um das verfassungsmäßig geschützte Existenzminimum steuerfrei zu stellen und um das Gebot eines Inflationsausgleichs (Stichwort: kalte Progression) im Einkommensteuertarif zu erfüllen. Das Ergebnis: Jeder Einkommensbezieher stellt sich durch die Reform schlechter, als wenn sich die Koalition auf die seit Jahren übliche Erhöhung des Grundfreibetrags und inflationsausgleichende Anpassung des Einkommensteuertarifs beschränkt hätte. Berechnungen für Singles und Familien Wer zum Beispiel als Single ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 60.000 Euro hat, stellt sich laut IW mit der Reform um 192 Euro besser. Tatsächlich müsste es aber eine Entlastung um 347 Euro geben, um die kalte Progression auszugleichen. Inflationsbereinigt verliert der alleinstehende Durchschnittsverdiener 155 Euro. Eine Familie mit zwei Kindern, die ebenfalls 60.000 Euro verdient, wird durch die Reform um 626 Euro entlastet, geboten wären aber 732 Euro; Differenz zulasten der Familien: 106 Euro. Noch größer ist die Kluft bei Personen mit einem zu versteuernden Einkommen von 100.000 Euro. Den Single entlastet die Koalition um 284 Euro, geboten wären aber 651 Euro. Die Differenz: 367 Euro. Die vierköpfige Familie wird um 668 Euro entlastet, während angesichts der kalten Progression 902 Euro nötig wären. Macht 234 Euro weniger. Mehr Netto vom Brutto gilt nicht! Zwar stellt sich Bundesfinanzminister Klingbeil auf den Standpunkt, die Bundesregierung sei nicht zum Ausgleich der kalten Progression verpflichtet. Juristisch ist dies korrekt. Allerdings haben alle Amtsvorgänger von Wolfgang Schäuble (CDU) über Olaf Scholz (SPD) bis Christian Lindner (FDP) dies getan, um sich nicht durch „heimliche Steuererhöhungen“ (Lindner) zu bereichern. So profitiert Klingbeil von der Einkommensteuerreform Klingbeil bricht mit der gelebten Praxis. Er ist auch der einzige, der von der Reform statt vom Inflationsausgleich profitiert. Und zwar im doppelten Maß: Zum einen beträgt die Entlastung der Einkommensbezieher durch seine Reform (einschließlich Erhöhung von Kindergeld, Kinderfreibetrag und Arbeitnehmer-Pauschbetrag) nur zehn Milliarden Euro – während der Ausgleich der kalten Progression nach IW-Berechnungen gut 15 Milliarden Euro gekostet hätte. Der Bundesfinanzminister spart also fünf Milliarden. Zum Zweiten lässt Klingbeil die zehn Milliarden Euro auch noch von den Steuerzahlern gegenfinanzieren, was kein Finanzminister vor ihm getan hat. Es ist vor allem eine Umverteilung von oben nach unten: Fast drei Milliarden Euro sollen hohe Einkommensbezieher zusätzlich zahlen, indem die Koalition die sogenannte Reichensteuer um drei Prozentpunkte ausweitet. Bereits ab einem zu versteuernden Einkommen von 250.000 Euro sind künftig 45 Prozent und ab einem zu versteuernden Einkommen von 280.000 Euro sind 47 Prozent fällig. Einschließlich des Solidaritätszuschlags kommen Spitzenverdiener dann auf 49,585 Prozent. Einkommensteuer Ein Prozent weniger für die unten, 49,585 Prozent für die oben Die nun beschlossene Entlastung um zehn Milliarden Euro ist weitgehend verfassungsrechtlich geboten. Große Familienunternehmen werden aber stärker belastet. Ein Kommentar. Kommentar von Christian Ramthun Das dürfte vor allem zulasten größerer mittelständischer Unternehmen gehen. Laut IW entfallen zwei Drittel der Mehrbelastungen auf unternehmerische Einkünfte. Beznoska und Hentze sehen daher in der Anhebung der Reichensteuer einen „Widerspruch“ zum Ziel der Bundesregierung, wirtschaftliches Wachstum und Investitionen zu stärken. Offenbar hat sich die SPD bei der Einkommensteuerreform auf ganzer Linie gegen CDU und CSU durchgesetzt. Zur Gegenfinanzierung zählen auch Steuererhöhungen bei Tabak, Alkohol und Minijobbern sowie die Einführung gänzlich neuer Abgaben auf Plastikverpackungen und Kryptogeldgewinne. Bitcoin und Co. Der Krypto-Steuerhammer kommt – wie können Anleger ihr Geld retten? Die Bundesregierung plant eine strengere Besteuerung von Kryptoerträgen. Für Anleger dürfte es deutlich teurer werden. von Philipp Frohn Allerdings sieht sich die SPD bei ihren Steuererhöhungen noch nicht am Ende. Ihr Generalsekretär Tim Klüssendorf bekräftigte bereits die Forderung, Vermögen bei Erbschaften und Schenkungen stärker zu belasten. Gleichwohl jubilierte der Genossen-Generalsekretär: „Ich habe mich gefreut, dass wir gemeinsam mit Friedrich Merz und Jens Spahn eine Steuererhöhung für die Reichen beschließen.“ Die Erhöhung der Reichensteuer sei für ihn „nur der erste Schritt“. Entsprechend kleinlaut gibt sich die Union. Enttäuschung steht deren Finanzpolitikern ins Gesicht geschrieben. Dennoch zeigt sich der finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Fritz Güntzler, als treuer Parteisoldat, der nicht gegen den von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mitgetragenen Beschluss öffentlich querschießt: „Bei der großen Steuerreform hätte ich mir gut noch mehr vorstellen können.“ Und er fügt hinzu, das sei ehrlicherweise „keine große Steuerreform, sondern eine Änderung des Einkommensteuertarifs“. Die Kritik, dass die kalte Progression stärker ausgeglichen werden müsste, nehme er ernst. Güntzler: „Wenn der Staat inflationsbedingt mehr einnimmt, obwohl die Menschen real nicht mehr haben, bleibt das erklärungsbedürftig.“ Das sieht auch Steffen Saebisch so, früher Finanzstaatssekretär unter Christian Lindner und heute Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung. Nicht nur der Verzicht auf den Ausgleich der kalten Progression sei „historisch“, sagt Saebisch: „Dies ist die erste Bundesregierung, die die Erhöhung des steuerlichen Existenzminimums durch Steuererhöhungen gegenfinanziert.“ Und trotzdem plane die Bundesregierung im nächsten Jahr mit einer Nettoneuverschuldung von 200 Milliarden Euro. „Hier werden alle Bevölkerungsgruppen belastet und vor allem die künftigen Generationen“, kritisiert der Vorsitzende der Naumann-Stiftung. Lesen Sie auch: 118 Milliarden Euro Schulden – und es werden noch viel mehr Legen Sie die WiWo als Ihre wichtige Nachrichtenquelle fest. 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