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Einstein-Teleskop: Wie aus zwei L eine europäische Brücke entstehen soll

Wissenschaft

Stand: 25.07.2026 13:45 Uhr Drei Regionen, zwei Bauformen, eine Entscheidung: Wo wird das europäische Einstein-Teleskop gebaut? Eines der aufregendsten und teuersten Projekte der Astronomie, das unseren Blick auf das Universum verändern könnte. Die Lausitz und Sardinien haben am 17. Juli besiegelt, dass sie sich gemeinsam bewerben und setzen dabei auf zwei L-förmige Anlagen. Die Euregio Maas-Rhein hält dagegen an einem Dreieck fest. Es ist in gewisser Weise ein Wettkampf – doch Christian Stegmann, einer der beiden wissenschaftlichen Leiter der Lausitzer Machbarkeitsstudie, sagt, am Ende dürfe es keinen Verlierer geben. von Robert Rönsch Ein paar Unterschriften, geleistet in wenigen Minuten. Was sie in Gang setzen, könnte die europäische Astronomie für die nächsten Jahrzehnte prägen – und einer Region, die lange von der Kohle lebte, eine völlig neue Rolle geben. Am 17. Juli 2026 haben im sardischen Nuoro fünf Forschungseinrichtungen aus Deutschland und Italien eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet: die TU Dresden und das Karlsruher Institut für Technologie auf der einen Seite, die italienischen Institute für Kernphysik, für Astrophysik und für Geophysik und Vulkanologie auf der anderen. Die Politik hatte den Weg schon im Januar bereitet, als der Freistaat Sachsen und die Autonome Region Sardinien in Rom eine Absichtserklärung unterschrieben. Nun zogen die Wissenschaftler nach – und machten aus einer Idee eine gemeinsame Bewerbung um das Einstein-Teleskop. "Wir haben die vertrauensvolle Zusammenarbeit, die wir seit vielen Monaten haben, formalisiert", sagt Christian Stegmann. Er ist Astrophysiker und leitet gemeinsam mit Geophysiker Andreas Rietbrock die Machbarkeitsstudie an der Technischen Universität Dresden. "Und wir haben klar das Ziel definiert, das wir jetzt in den nächsten Monaten haben." Dieses Ziel lautet: bis zum Sommer 2027 einen gemeinsamen Vorschlag einreichen – für ein Observatorium aus zwei L-förmigen Anlagen mit je 15 Kilometer langen Armen, eine in der Lausitz, eine auf Sardinien. Eine Brücke aus zwei L – oder ein Dreieck am Dreiländereck? Es ist ein Gegenentwurf zu dem, was in der Euregio Maas-Rhein im Dreiländereck von Deutschland, Belgien und den Niederlanden seit mehreren Jahren geplant wird. Falls die Euregio den Zuschlag erhält, soll dort ein gleichseitiges Dreieck mit zehn Kilometern Seitenlänge entstehen. An dieser Idee arbeitet dort ein Netzwerk von mehr als 80 Institutionen, seit das Einstein-Teleskop 2021 offiziell auf Europas Fahrplan für Forschungsinfrastrukturen gesetzt wurde. In Maastricht steht mit dem "ETpathfinder" ein eigenes Testlabor, in Lüttich wurde ein Prototyp für die hochempfindlichen Spiegel entwickelt. Und es liegt Geld bereit: Die Niederlande haben 870 Millionen Euro reserviert, Flandern 500 Millionen, Wallonien 200 Millionen. Nordrhein-Westfalen sagt ebenfalls Unterstützung zu, sofern auch der Bund die Bewerbung im Dreiländereck trägt. Aber für den Bund gibt es nun eben einen zweiten deutschen Kandidaten: die Lausitz, genauer gesagt einen Teil der sächsischen Lausitz im Landkreis Bautzen. "Wir sind ja spät in den Wettbewerb eingestiegen", sagt Christian Stegmann. Aber nun erscheint es gut möglich, dass dieser Rückstand wettgemacht wird, auch durch den Schulterschluss mit Italien. Denn auf Sardinien laufen die Untersuchungen seit Jahren, das Gestein ist dem Lausitzer sehr ähnlich, und die Erkenntnisse zu Statik, Zugängen und Belüftung eines solchen Tunnels lassen sich fast eins zu eins übertragen. Mit dieser Hilfe, sagt Stegmann, habe man die Möglichkeit, "den überzeugendsten Vorschlag einzureichen". Warum es zwei L sein sollen Aus wissenschaftlicher Sicht seien zwei L einem Dreieck überlegen, ist Astrophysiker Stegmann überzeugt. "Wir werden mehr Verschmelzungen von schwarzen Löchern messen", sagt Stegmann, "und nicht nur ein bisschen mehr, sondern fast um Faktor 10 mehr." Das zweite Argument ist technischer Natur. In jedem L stecken zwei hochkomplexe Interferometer, in zwei L also "nur" vier. Das Dreieck bräuchte an jeder Ecke zwei, also insgesamt sechs. Weniger Instrumente kosten nicht nur weniger, sondern bedeuten auch weniger mögliche Fehlerquellen. Vor allem lassen sich die beiden L unabhängig voneinander in Betrieb nehmen. Man könnte also in der Lausitz schon messen, während auf Sardinien noch geschraubt wird. Oder andersherum. Wir werden mehr Verschmelzungen von schwarzen Löchern messen. Prof. Christian Stegmann, Direktor für Astroteilchenphysik, Direktor für Astroteilchenphysik Und die Kosten? Die sind erst zum Teil abschätzbar. Das Dreieck käme laut Stegmann mit 30 Kilometern Tunnel aus, bräuchte aber acht Meter Tunneldurchmesser. Zwei L brauchen zwei 30-Kilometer-Tunnel, aber dafür nur sechs Meter Durchmesser. "Regional ist ein L auf jeden Fall billiger als ein Dreieck", sagt er – in Summe könnten zwei L trotzdem teurer werden. Was ein solcher gigantischer Tunnel in der Lausitz wirklich kosten wird, weiß man erst Ende des Jahres genauer, wenn die Studien dazu abgeschlossen sind. Aber prinzipiell setzt Stegmann auf den Trumpf des homogenen Gesteins im Lausitzer Boden: "Unsere Untersuchungen deuten darauf hin, dass es einfach werden könnte, den Tunnel in der Lausitz zu bauen." Ein hochempfindliches "Ohr" im stillen Gestein Das Einstein-Teleskop soll Gravitationswellen messen, jenes winzige Zittern der Raumzeit, das Albert Einstein einst nur theoretisch vorhersagte. Der Reiz daran: Der Urknall geschah dunkel, leuchtende Sterne entstanden erst hunderte Millionen Jahre später. Optische Teleskope kommen deshalb nie so weit in der Zeit zurück. Gravitationswellen aber gab es von Anfang an. "Das ist die einmalige Möglichkeit", sagt Stegmann, "dass wir in Zeiten gucken können, die über 13 Milliarden Jahre her sind." Um dieses Flüstern aus der Frühzeit des Alls wahrnehmen zu können, braucht es absolute Ruhe. In etwa 80 Metern Tiefe beginnt in der Lausitz ein rund 550 Millionen Jahre alter Block aus Granodiorit, einem granitähnlichen Gestein von außergewöhnlicher Gleichmäßigkeit. Keine großen Störungszonen, keine schweren Erdbeben, dazu angenehm trocken. Genau das braucht ein Instrument, das auf 15 Kilometern Länge Veränderungen erkennen soll, die kleiner sind als ein Zehntausendstel eines Atomkerns – weshalb es auch 200 bis 250 Meter tief unter die Erde muss. Oben ist es schlicht zu laut. Hilfreich beim Projekt ist die Vergangenheit der Region: 34.000 Bohrungen aus DDR-Zeiten, niedergebracht bei der Suche nach Kohle, Kupfer und Wasser, etwa 2.000 davon reichen bis auf den Granodiorit. Sieben eigene Bohrungen entlang eines gedachten L sind inzwischen fertig, an fünf dieser Löcher messen bereits Seismometer, ihre Daten sind auf der Seite des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) öffentlich abrufbar. Im Herbst folgen weitere an den Endpunkten und im Scheitelpunkt des geplanten L-förmigen Tunnels, dort also, wo später die großen Kavernen mit den Spiegeln entstehen sollen. Wo genau das Teleskop liegen wird, soll bis Jahresende feststehen. Die im folgenden Video zu sehende Planung ist also noch nicht endgültig. Einstein-Teleskop: Was noch offen ist Damit sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Eine der größten ist die nach dem Geld. Von einem Gastgeberland wird erwartet, dass es einen erheblichen Teil der unterirdischen Infrastruktur bezahlt. Rückhalt gibt es dafür auf vielen Ebenen: Im Landkreis Bautzen stünden die Bürgermeister "geschlossen" hinter dem Vorhaben, erzählt Stegmann, und bei Veranstaltungen in der Region erlebe er "ein großes Interesse, eine große Neugier und auch eine große Unterstützung – und einfach Lust, das mitzuerleben und mitzumachen". Vom Freistaat Sachsen kommt seit Jahren Unterstützung. Zuletzt stellten sich auch die Regierungschefs der ostdeutschen Bundesländer auf einer gemeinsamen Konferenz hinter das Vorhaben. Nur der Bund hat sich noch nicht erklärt. "Wir brauchen da zunehmend Unterstützung", sagt Stegmann. "Ich hoffe sehr, dass man sich in Deutschland dazu entscheidet, den Vorschlag in der Lausitz gemeinsam mit den Italienern zu unterstützen. Aber das ist natürlich noch offen." Offen ist auch der europäische Fahrplan selbst. Anfang 2027 soll der offizielle Aufruf kommen, bis zum Sommer sollen die Vorschläge vorliegen, in der zweiten Jahreshälfte will Europa entscheiden – aller Voraussicht nach in einem Gremium aus Regierungsvertretern. Wie dieser Prozess genau ablaufen soll, ist allerdings noch nicht festgelegt. Und genau das treibt Stegmann derzeit am meisten um. "Dabei sein ist alles" statt "Einer wird gewinnen" So sehr drei Regionen um den Zuschlag ringen: Eine Unterteilung in Sieger und Verlierer wäre aus Stegmanns Sicht das schlechteste aller Ergebnisse. "Wir wollen keinen Wettbewerb, bei dem es einen Verlierer gibt", sagt er. "Wir müssen alle gewinnen. Wir alle wollen das Einstein-Teleskop, und wir alle wollen das Einstein-Teleskop nutzen." Das ist keine Höflichkeitsfloskel, sondern Pragmatismus und Einsicht in die Notwendigkeit. Ein Instrument dieser Größenordnung, betont Stegmann, "ist so komplex und so aufwendig, das kriegen wir nur europäisch gemeinsam hin". Beispielsweise sitzen allein 700 der rund 2.000 Mitglieder der wissenschaftlichen Kollaboration in Italien. Das Know-how für Spiegel, Vakuum und Tieftemperaturtechnik, das in den vergangenen Jahren in Maastricht und Lüttich entstanden ist, wird ebenfalls gebraucht – auch dann, wenn am Ende in der Lausitz gebohrt wird. "Es darf nicht heißen: Den Standort in der EMR wählen wir nicht aus – und dann verlieren wir die Niederlande und Belgien als Partner. Das geht nicht", sagt Stegmann. Das ist so komplex und so aufwendig, das kriegen wir nur europäisch gemeinsam hin. Prof. Christian Stegmann Und andersherum gilt dasselbe. Fällt die Entscheidung für das Dreieck in der Maas-Rhein-Region, will die Lausitz nicht beleidigt abziehen: "Auch wenn es ein Dreieck in der Euregio wird, dann werden wir da mitmachen." Man lege die Optionen auf den Tisch, gut untersucht, damit Europa fundiert entscheiden könne – und danach baue man gemeinsam, wo auch immer. "Egal wie diese Entwicklung ausgeht", sagt Stegmann, "es wird die gesamte wissenschaftliche und technische Community in Europa gebraucht." Sein Wunsch für die kommenden Monate: Man solle "mehr von dem 'Wir in Europa' sprechen als von den Standorten, an denen die Teleskope gebaut werden". Zwei Teleskope und eine Brücke bauen Dass die beiden L überhaupt so weit auseinanderliegen, ist dabei keine Laune der Standortsuche, sondern physikalisch sinnvoll. Zum einen lässt sich erst aus dem winzigen Zeitunterschied, mit dem dasselbe Signal an zwei weit entfernten Orten eintrifft, eingrenzen, aus welcher Richtung des Himmels es kam – ähnlich wie ein Navigationsgerät mehrere Satelliten braucht, um eine Position zu bestimmen. Zum anderen kontrolliert jede Anlage die andere. Ein oberirdisch vorbeifahrender Lkw oder ein fernes Erdbeben kann an einem einzelnen Standort täuschend echt nach einem kosmischen Ereignis aussehen. Zeichnen dagegen zwei Detektoren, mehr als tausend Kilometer voneinander entfernt, im selben Sekundenbruchteil dasselbe Zittern auf, kann es kaum lokaler Lärm gewesen sein. Wir bringen zwei Regionen zusammen, die eine wirklich lange und eigene kulturelle Entwicklung haben. Prof. Christian Stegmann Dass aus der Distanz zwischen der Lausitz und Sardinien aber auch eine Nähe entstehen kann und soll, betont Stegmann nicht erst, seit er selbst auf der italienischen Insel war: "Wir bauen eine Brücke von der Lausitz nach Sardinien", sagt er. "Wir bringen zwei Regionen zusammen, die eine wirklich lange und eigene kulturelle Entwicklung haben." Wie ernst das gemeint ist, zeigt eine Randnotiz mit Symbolkraft: Hubertus Rietscher, der Bürgermeister von Ralbitz-Rosenthal, jener Gemeinde mitten im Lausitzer Untersuchungsgebiet, hat in Nuoro seinen Amtskollegen aus der sardischen Gemeinde Lula getroffen – nun denken beide über eine Gemeindepartnerschaft nach. Ein Urknall für die Lausitz und für Europa Für die Lausitz selbst geht es um weit Konkreteres als um Schwarze Löcher. Mehrere Tausend Arbeitsplätze könnten entstehen, vom Tunnelbauer über den Elektriker bis zur Spitzenforscherin. Den eigentlichen Beitrag zum Strukturwandel sieht Stegmann dabei nicht erst im fertigen Teleskop, sondern in der jahrelangen Bauphase: "Dann werden wir gemeinsam mit den Menschen diesen 30-Kilometer-Tunnel bauen." Sein liebstes Bild dazu: dass jemand mit Vergangenheit im Kohlebergbau den Tunnel mitbaut – und dessen Tochter später leitende Ingenieurin am größten Vakuumsystem der Welt wird. Aber die Bauphase wird dauern. Etwa zehn Jahre dürften laut Stegmann nach der europäischen Entscheidung vergehen, bis zum ersten Mal ein Laserstrahl durch den Tunnel geschickt wird. Noch ist die Lausitz nur ein Kandidat von dreien. Aber einer, der seit dem 17. Juli einen Partner an seiner Seite weiß. Und der ein klares Bild vor Augen hat: gemeinsam mit den Menschen vor Ort etwas Großes bauen. "Ich bin zutiefst überzeugter Europäer", sagt Christian Stegmann. "Und ich glaube, dass wir mit dem Einstein-Teleskop eine Riesenchance haben, mit dieser Brücke über Europa hinweg und mit Vernetzung zwischen den Regionen Europa zusammenzuhalten."

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