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Eisschnelllauf: Präsident Matthias Große bekommt Herausforderer

Sport

Wenn die tief gespaltene Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) am Samstag zu ihrer außerordentlichen Mitgliederversammlung in der "Kunsthalle" eines Dresdner Vier-Sterne-Hotels zusammenkommt, werden Schöngeister wohl kaum auf ihre Kosten kommen. Alles ist angerichtet für eine Schlammschlacht - erst recht, seit am Dienstag ein Gegenkandidat von Amtsinhaber Matthias Große seinen Hut in den Ring geworfen hat.

Der langjährige Thüringer Landespolitiker und Sportfunktionär Andreas Minschke fordert den scheinbar allmächtigen DESG-Boss Große heraus. Der 66 Jahre alte Minschke will mit einem gesamten Team das Präsidium um den Berliner Immobilienunternehmer ablösen. Sein Vorhaben hat er erst am Dienstagabend in einer Videokonferenz den DESG-Mitgliedern, Vereinen und Verbänden vorgestellt und offiziell gemacht - offenbar, um Große vor dem Treffen in Dresden wenig Zeit für Gegenmaßnahmen zu geben.

Minschke positioniert sich eindeutig

"Diese Strukturfragen-Diskussion und der Umgang mit den Sportlern hat mich bewogen, mit meinen Freunden aus dem Thüringer Landesverband zu sagen, jetzt ist Schluss mit lustig, wir stellen den Kandidaten. Und da habe ich mich bereit erklärt", sagte Minschke im Interview mit der Sportschau mit Blick auf die immer wieder massiv kritisierte Amtsführung von Große, der seit 2020 Präsident des Verbandes ist.

Der Herausforderer zeigt sich angriffslustig, auch in Bezug auf die sportliche Bilanz in der Ära von Große: "Wenn man das Ziel hat, Weltspitze zu werden, dann braucht man keinen Präsidenten, der willkürlich in die Dinge eingreift und keine Ahnung hat." Deutschland sei im Eisschnelllauf mal Weltspitze gewesen, und da müsse man wieder hinkommen. Mit der aktuellen Verbandsführung, davon ist Minschke überzeugt, "wird das nichts".

Minschke ist Abteilungsleiter im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft und hält sich auch in der nationalen Sportpolitik für "ausgezeichnet vernetzt". Das liegt daran, dass er seit neun Jahren den Thüringer Bob- und Schlittenverband (TSBV) als Präsident anführt - einen erfolgreichen Landesverband mit zahlreichen Olympiasiegerin und Weltmeistern, der auch bundesweit Einfluss hat. Minschke ist davon überzeugt, den Präsidentenjob in der DESG ähnlich erfolgreich ausfüllen zu können wie seinen Vorsitz im TSBV, den er erstmal beibehalten will.

DESG-Strukturplan "völlig irre"

Seine Kandidatur gegen Große ist die Konsequenz aus dem seit Monaten tobenden Streit zwischen Thüringer Athleten, Funktionären und Trainern mit der DESG-Führung. Der Dachverband will eine hochumstrittene Strukturreform durchsetzen, die den Erfurter Standort, den erfolgreichsten Olympiastützpunkt für Eisschnelllauf in Deutschland, entscheidend schwächen würde. Viele der besten und erfolgreichsten deutschen Athletinnen und Athleten sollen nicht mehr vorwiegend in der Erfurter Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle trainieren, sondern in Inzell oder Berlin.

Große hält dies für eine notwendige Konzentrierung von Kräften an der richtigen Stelle - Minschke nennt den Plan, das Erfolgsmodell in Erfurt aufzubrechen, dagegen "völlig irre". Nun will er gemeinsam mit dem Thüringer Verbandsvertreter Peter Rüberg als Vizepräsident und Alexander Altendorf-Schöpke, einem Berater in der Bildungs- und Digitalpolitik, als Schatzmeister das Ruder übernehmen. Als Vizepräsident für den Bereich Shorttrack wünscht sich die Erfurter Gruppe weiterhin Christoph Zepernick. Es ist eine besonders heikle Personalie, denn der Berliner gehört derzeit in derselben Funktion bereits dem aktuellen Präsidium an. Ob Zepernick bei einem Präsidiumswechsel weiter zur Verfügung stehen würde, ist unklar.

Eilantrag beim Landgericht Berlin

Ob der Abwahlantrag gegen ihn und die anderen Präsidiumsmitglieder am Samstag in Dresden überhaupt behandelt wird, ist noch ungewiss. Der Thüringer Landesverband hat den Antrag vor gut einem Monat eingereicht. Die DESG setzte ihn aber nicht auf die Tagesordnung der Versammlung.

Dagegen geht die Thüringer Gruppe juristisch vor. Beim Landgericht liegt ein Eilantrag von ihr vor, der die Ergänzung der Tagesordnung um den Punkt "Abwahl des Präsidiums" zum Ziel hat. Die Erfurter sehen folgenden Satz in der DESG-Satzung, Paragraph 7 ("Verbandsversammlung"), als bindend an: "Jede Verbandsversammlung kann jederzeit die von ihr gewählten Amtsträger abberufen."

So oder so scheint Minschke wild entschlossen, Große abzulösen - wenn nicht sofort, dann so schnell wie möglich - denn so wie bisher, erklärt der ehemalige Landesgeschäftsführer der CDU Thüringen, dürfe es auf keinen Fall weitergehen.

Alleingänge und Good-Governance-Verstöße

Als Lebensgefährte der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und heutigen Bundestrainerin Claudia Pechstein hatte er 2020 einen am Boden liegenden Verband mit dem Versprechen übernommen, ihn zu alter Größe zurückzuführen. Dies gelang ihm nicht. Große hält dagegen, ohne ihn wäre die DESG längst insolvent.

Der häufig extrem dominant auftretende Berliner fiel immer wieder durch intransparentes Handeln auf. Als DESG-Präsident wurden Große wiederholt Good-Governance-Verstöße vorgeworfen. Im Mai 2025 brach er mehr oder minder im Alleingang eine Mitgliederversammlung ab, als ihm die Delegierten bei der Genehmigung eines Jahresabschlusses die Gefolgschaft verweigerten.

Athleten unterschreiben unter Druck

Als die ARD vor wenigen Monaten im Rahmen der Olympischen Spiele in Mailand detailliert über Missstände in der DESG berichtete, zog Große vor Gericht und beanstandete zahlreiche Aussagen der Berichterstattung - in nahezu allen Punkten erfolglos. Anfang Juli wandten sich neun Erfurter Athleten in der ARD in einem beispiellosen Schritt an die Öffentlichkeit. In der ARD beklagten sie vor offener Kamera Angst und Verzweiflung angesichts der Verbandsführung und der Pläne Großes.

Infolge anhaltender Drohungen von Große sahen sich die Erfurter Sportler in der vergangenen Woche gezwungen, eine von der DESG geforderte Athletenvereinbarung zu unterschreiben. Sie betonten, dass dies ausdrücklich gegen ihren Willen und nur unter Protest geschehen sei, um nicht einen Weltcup-Ausschluss für die Ende Oktober beginnende Saison befürchten zu müssen. Eine gültige Athletenvereinbarung ist Voraussetzung für Weltcup-Starts. Schon vor Wochen hatten die Erfurter Sportler Einladungen zu Lehrgängen zur Saisonvorbereitung nicht mehr erhalten. Die Athleten sprachen von "psychischer Gewalt".

Zehn-Punkte-Startprogramm

Sollte Minschke Große ablösen, kündigte der Herausforderer die sofortige Umsetzung eines "Zehn-Punkte-Startprogramms" an. Der Plan setzt vor allem auf Teamgeist, den Große nach Meinung seiner Kritiker in den vergangenen sechs Jahren in der DESG nie gezeigt hat. Punkt eins lautet: "Unsere Kernbotschaft: Wir sind eine Gemeinschaft." Ein weiterer lautet: "Im Mittelpunkt: unsere Sportlerinnen und Sportler."

Zudem solle ein "unverzüglicher Kassensturz" erfolgen. Große hatte zuletzt mehrfach - ohne Belege vorzulegen - behauptet, dass lukrative Sponsorenverträge der DESG an seine Präsidentschaft geknüpft seien. Den erfahrenen Politiker und Sportfunktionär Minschke lässt das kalt. Er behauptet: "Ich weiß, wie man Sponsoren für den Sport bekommt."

„Unterstützungserklärung“ sorgt für Diskussionen

Die durch Thüringer Politiker, Athleten und Trainer forcierte Initiative, die seit Monaten hinter den Kulissen an Großes Sturz arbeitet, macht offenbar auch das amtierende Präsidium nervös. Eine sogenannte "Unterstützungserklärung für das Präsidium der DESG und ihren Präsidenten Matthias Große" ist seit Tagen im Umlauf und sorgt innerhalb des Verbandes für heftige Diskussionen. Der Verfasser und der Absender des Papiers sind unbekannt. Beobachter vermuten, dass es aus dem Umfeld von Große kommt.

Mit dieser Erklärung, die Sportlern zur Unterschrift vorgelegt wurde, sollen sie Sätze wie diese bestätigen: "Aus meiner Erfahrung mit früheren Führungen der DESG bin ich überzeugt, dass weder meine persönlichen Erfolge noch die deutlich positive Leistungsentwicklung im deutschen Eisschnelllauf ohne Matthias Große möglich gewesen wären. Für den weiteren Weg in Richtung der Olympischen Winterspiele 2030 hat das Präsidium daher meine volle Unterstützung." Der Berliner DESG-Athletensprecher Adrian Kaiser hatte die Sportler aufgefordert, das Papier nicht zu unterschreiben.

Minschke kündigt im Fall seiner Wahl eine Untersuchung dieses Vorgangs an. Ein von der DESG beauftragter Rechtsanwalt hatte auf eine ARD-Anfrage insbesondere zu Hintergründen des anonymen Unterstützerschreibens schon in der Vorwoche eine inhaltliche Stellungnahme abgelehnt.

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