Eissschnelllauf-Eklat bei DESG: "Sind erschüttert"
Im Machtkampf um die Führung der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) haben Athleten aus Erfurt einen Punktsieg errungen. Nach Informationen der F.A.Z. bescheinigt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) dem Bundesstützpunkt Erfurt die vollständige Tauglichkeit für die wesentlichen Aufgaben (DOSB-Profil 1): von der Nachwuchsförderung bis zum Training der Topathleten. Auch das Bundeskanzleramt befürwortete die Anerkennung als Bundesstützpunkt.
Diese Erklärungen stehen dem Interesse der DESG-Führung unter Präsident Matthias Große entgegen. Sie hatte im Zuge einer Strukturreform beschlossen, die Kräfte an den Stützpunkten in Berlin und Inzell zu konzentrieren. In Erfurt würde nur die Nachwuchsförderung bleiben.
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„Argumente nicht haltbar“
Zwar ist die DESG so frei, das Urteil aus Frankfurt und Berlin zu ignorieren. Auch andere Verbände haben in der Vergangenheit eine Zentralisierung durchgesetzt. Das erscheint im Eisschnelllauf aber nun schwer vermittelbar. Denn die DESG hatte dem Stützpunkt in Erfurt sinngemäß die fachliche Eignung abgesprochen, etwa die Senioren angemessen betreuen zu können. „Die Entwicklungen der vergangenen Monate haben eindrucksvoll gezeigt, dass die von der DESG vorgebrachten Argumente nicht haltbar waren“, sagte der seit zehn Jahren in Erfurt trainierende Eisschnellläufer Hendrik Dombek der F.A.Z. auf Anfrage.
Weil die meisten in Erfurt trainierenden Athleten einen Wechsel ablehnen, weigerten sie sich bislang, die Athletenvereinbarung in der Version der DESG zu unterschreiben. Denn damit hätten sie – zumindest aus ihrer Sicht – dem Verband das Recht erteilt, sie zu delegieren. Der Bundesstützpunkt hätte dann seine Athleten und damit die Legitimation verloren. Die meisten Erfurter Eisschnellläufer waren zuletzt nicht zu den Lehrgängen der Saisonvorbereitung eingeladen worden.
„Nach der jüngsten Entwicklung“, sagte Dombek mit Blick auf DOSB und Bundeskanzleramt, „haben wir uns nach erneuten Drohungen unter Protest entschlossen, die von der DESG vorgelegte Athletenvereinbarung doch unterschreiben“ zu wollen. Die vom Verband fixierte Frist wäre am Donnerstag (8. Oktober) um 20 Uhr abgelaufen.
In einer schriftlichen Erklärung, die der F.A.Z. vorliegt, heißt es, die Entscheidung sei „ausschließlich aufgrund des erheblichen Drucks, der über Monate hinweg auf die betroffenen Athletinnen und Athleten ausgeübt wurde, sowie zur Abwendung weiterer sportlicher Nachteile“ getroffen worden.
„Erneute Lüge“
DESG-Präsident Matthias Große ließ zehn Fragen der F.A.Z. auch zur Strukturreform unbeantwortet. Seine Rechtsvertretung schrieb am Mittwoch, dass „er sich bis zum Ablauf des Jahres 2026 an das vereinbarte Moratorium halten wird. Bis dato wird keine weitere Stellungnahme zu den von Ihnen aufgeworfenen Einzelfragen abgegeben werden.“ Das im Sommer beschlossene Stillhalteabkommen zwischen dem Verband und der Opposition in Erfurt mit dem Thüringer Eis- und Rollsportverband e.V. (TERV) im Zentrum hatte Große allerdings tags zuvor aufgekündigt mit dem Hinweis, es sei einseitig gebrochen worden.
Darauf reagierte TERV-Vizepräsident Peter Rüberg laut Sportinformationsdienst. Er sei „erschüttert“, sprach von einer „erneuten Lüge“: „Wenn jemand das Moratorium gebrochen hat, dann die DESG, weil sie bis heute keinen Athleten vom Bundesstützpunkt Erfurt zu zentralen Maßnahmen eingeladen hat, die die Athletenvereinbarung nicht unterschrieben haben.“
Abwahl des Präsidiums avisiert
Angesichts der jüngsten Entwicklungen gewinnt die Auseinandersetzung gut eine Woche vor einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 17. Oktober in Dresden an Schärfe. Dort will die Erfurter Fraktion eine Abwahl des gegenwärtigen Präsidiums erreichen. „Aus unserer Sicht hat das Präsidium weder seiner Verantwortung gegenüber den Athletinnen und Athleten noch den Anforderungen an Transparenz, Good Governance und einen konstruktiven Dialog Rechnung getragen“, sagt der Münchener Dombek: „Wir sind erschüttert über die Art und Weise, wie die DESG mit ihren Athletinnen und Athleten in dieser Angelegenheit umgegangen ist.“
Dazu gehört auch das vom Athletenvertreter Adrian Kaiser in einer Mail an viele Athleten beschriebene Verhalten der Bundestrainerin Claudia Pechstein. Die fünfmalige Olympiasiegerin soll mehrere Sportler auf ein Unterstützerschreiben zugunsten des gegenwärtigen Präsidiums hingewiesen haben mit der Bitte, es zu unterzeichnen.
Darin heißt es: „Hiermit spreche ich dem amtierenden Präsidium der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) und ihrem Präsidenten Matthias Große meine uneingeschränkte Unterstützung aus. Aus meiner Erfahrung mit früheren Führungen der DESG bin ich überzeugt, dass weder meine persönlichen Erfolge noch die deutlich positive Leistungsentwicklung im deutschen Eisschnelllauf ohne Matthias Große möglich gewesen wären ...“
Auf die Frage der F.A.Z., ob Frau Pechstein mehrere Athleten aufgefordert habe, die Unterstützung zu unterschreiben, antwortete die achtmalige Olympiateilnehmerin bis zur Fristsetzung am Donnerstag nicht. Wir wissen nicht, ob es stimmt. Auf die Frage, ob es korrekt sei, dass sie Athleten dabei erläuterte, ohne die Unterstützung gebe es keine Sponsoren und kein Athlet könnte zu Weltcups fahren, gab es auch keine Reaktion.
Der F.A.Z. liegt zwar eine entsprechende Darstellung einer Person vor. Wir wissen aber auch in diesem Fall nicht, ob sie stimmt. Unstreitig ist, dass Claudia Pechstein Lebenspartnerin von Präsident Große ist oder war.