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Elon Musks fliegendes Auto: Was hinter dem Tesla-Spektakel steckt

Technologie

Elon Musk lässt ein Auto fliegen – und viele feiern das. Dahinter steckt auch die Lust an Geschwindigkeit, Rekorden und dem Übertrumpfen anderer. Der Mobilitätsforscher Stefan Gössling erklärt, warum solche Fantasien andere Menschen anziehen und wem technische Höchstleistungen tatsächlich etwas bringen.

Ein Interview

Nach dem Cybertruck nun also ein fliegendes Auto. Vor einigen Tagen hat Elon Musk den neuen Tesla Roadster Rocket vorgestellt – einen Sportwagen mit Drucklufttanks und Düsenantrieb. Bei der Präsentation vor Publikum fuhr das Auto zunächst eine immer steiler werdende Rampe hinauf, bis es kurz kopfüber in der Luft hing. Dann drehte es sich in einer halben Pirouette und landete nach wenigen Sekunden Flug auf seinen vier Rädern. Dicke weiße Dampfwolken machten die Inszenierung perfekt.

Die Videos erinnern an Szenen aus Marvel-Filmen oder an "Zurück in die Zukunft". Musk überträgt Effekte aus Actionfilmen auf seinen Sportwagen und rückt damit eine alte Technikfantasie scheinbar in greifbare Nähe: das fliegende Auto. Das ist ein spektakulärer Marketing-Coup. Ob daraus jedoch jemals mehr wird als eine aufsehenerregende Vorführung, ist eine andere Frage. Denn das Autofahren oder den Straßenverkehr wird er damit nicht verändern.

Musk sieht das naturgemäß anders. Seine Demonstration habe den Beweis erbracht, dass Autos in der Zukunft fliegen können. Viele seiner Anhänger und Tech-Enthusiasten feiern den Auftritt und den Innovationscharakter des fliegenden Autos in den sozialen Medien. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen betrachten die Videos deutlich nüchterner und fragen kritisch nach: Wie funktioniert die Technik? Wie lange kann das Auto überhaupt in der Luft bleiben? Und welchen praktischen Nutzen hätte es?

Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin, hat sich die technischen Angaben angesehen. In einem Beitrag auf LinkedIn schreibt er: "Drucklufttanks mit insg. 600 l belegen Beifahrersitz und Stauraum. Rechnerisch reichen sie nur für wenige Sekunden Flugzeit." Für Quaschning ist die Vorführung deshalb vor allem ein teurer Marketing-Gag. Sein Fazit zum praktischen Nutzen fällt entsprechend knapp aus: "Praktische Relevanz und Nutzen für die Menschheit: null."

Wir haben mit Stefan Gössling, Mobilitätsforscher und Autor des Buches "The Psychology of the Car: Automobile Admiration, Attachment, and Addiction", darüber gesprochen. Im Gespräch erklärt er, warum wir Rekorde bewundern, wie Milliardäre ihre Visionen vermarkten und was dabei aus dem Blick gerät.

Herr Gössling, ist der Roadster Rocket eine technische Meisterleistung oder eher ein Marketing-Gag?

Stefan Gössling: Beides. Physikalisch ist es erstaunlich, dass ein vermutlich tonnenschweres Auto mithilfe von Ansaugung und Schub durch komprimierte Luft kurzzeitig an einer Decke haften oder fliegen kann. Allerdings ist auch klar: Die verfügbare Druckluft und ihre Komprimierbarkeit sind begrenzt – die Physik setzt dem Ganzen also klare Grenzen in Bezug auf Leistung und zurückgelegten Weg. Trotzdem ist der Vorführeffekt spektakulär, weil hier mehrere technische Höchstleistungen miteinander verbunden werden.

Was ist daran technisch so beeindruckend?

Das Haften an der Decke, die Drehung um die eigene Achse mit sanfter Landung, aber auch die extreme Beschleunigung von null auf 100 in weniger als einer Sekunde: Das sind neue technische Rekorde. Spannend werden Innovationen jedoch erst, wenn sie sich im Alltag sinnvoll einsetzen lassen und einen echten Mehrwert schaffen. Bei vielen Erfindungen von Elon Musk ist die Umsetzung in den Alltag allerdings fraglich. Der Cybertruck etwa ist in Europa nicht zugelassen, weil seine scharfen Kanten und die starre Edelstahlkarosserie das Verletzungsrisiko für Fußgänger und Radfahrende deutlich erhöhen. Das gilt auch für die extreme Beschleunigung von Autos – wie der Roadster sie verspricht. Sie erhöht ebenfalls die Verkehrsrisiken.

Werden solche technischen Spielereien also zum Sicherheitsproblem für andere?

Es ist etwas zynisch, ja. Das sind Spielzeuge für eine kleine Elite, die potenziell problematisch für alle anderen sind.

In den sozialen Medien wird der Roadster hauptsächlich von Männern als technische Erfindung gefeiert. Musk bezeichnet es als Pilotenfahrzeug – ist das fliegende Auto also eine Männerfantasie?

Ja, das lässt sich so sehen. Ich sehe aber drei weitere Aspekte. Erstens hat der Drang, sich selbst zu übertreffen und Grenzen zu sprengen, auch evolutionäre Wurzeln: Stärke und Schnelligkeit konnten einst entscheidende Vorteile fürs Überleben bringen.

Zweitens geht es um wirtschaftlichen Erfolg. Wer gefragte Technologien entwickelt, kann sich Wettbewerbsvorteile sichern und weltweit hohe Einnahmen erzielen. Technologischer Fortschritt ist deshalb auch ein wichtiger Motor wirtschaftlicher Entwicklung.

Drittens lieben Menschen Rekorde – in Technik, Sport und Kultur. 1889 war der Eiffelturm auf der Weltausstellung in Paris eine technische Sensation. Heute fiebern Menschen mit, wenn Taylor Swift neue Besucherrekorde aufstellt. Die Faszination, besser zu sein als andere und Grenzen zu überwinden, ist also vielschichtig und keineswegs neu.

Ist denn alles Fortschritt, was technisch möglich ist? Sollten wir nicht stärker nach dem gesellschaftlichen Nutzen einer Innovation fragen?

Das ist eine legitime Frage. Wir haben eine enorme Konzentration von Vermögen bei sehr wenigen Menschen. Die Organisation Oxfam hat errechnet, dass die reichsten zwölf Menschen ein Vermögen besitzen, das dem der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung entspricht, also mehr als vier Milliarden Menschen. Das ist kaum vorstellbar. Milliardäre können ihr Geld für ihre persönlichen Spielereien ausgeben – oder auch versuchen, mit Werbung Wahlen zu beeinflussen, so wie jetzt in den USA. In aller Regel verfolgen die Superreichen vorrangig ihre eigenen Interessen. Dabei könnten wir mit den vorhandenen Technologien und gezielten Investitionen sehr viel für den Klimaschutz und die Verkehrs- und Energiewende erreichen.

2028 soll der Roadster in drei Varianten gebaut werden. Ob die Serienmodelle kopfüber fahren können, bleibt abzuwarten. Wo liegen die Grenzen für Autohersteller – und wer setzt sie?

Manchmal sind es die rechtlichen Rahmenbedingungen. Der Cybertruck ist in Europa nicht regulär zugelassen. Für den Roadster Rocket dürfte eine Straßenzulassung ebenfalls schwierig werden. Zunächst müsste man also sehen, was tatsächlich auf den Markt kommt. Bei Musk muss man vorsichtig sein: Viele seiner Ankündigungen wurden in der Vergangenheit nicht oder nicht vollständig eingelöst. Bei der Vorstellung des Cybertrucks 2019 war beispielsweise von einer Reichweite von 500 Meilen, also rund 800 Kilometern, die Rede.

Heute liegt die angegebene Reichweite beim Cybertruck bei gerade mal 250 bis 320 Meilen, das entspricht 400 bis 500 Kilometern.

Richtig. Trotzdem glauben Menschen weiterhin vieles von dem, was ihnen erzählt wird. Am Ende bekommen sie jedoch nicht unbedingt das, was ihnen versprochen wurde. 2016 hat Tesla seinen Kunden ein Softwarepaket für vollständiges autonomes Fahren versprochen. Dafür mussten Kunden zusätzlich 8.000 Dollar (rund 7.100 Euro) zahlen. Die vollständige Autonomie ohne menschliche Überwachung ist jedoch bis heute nicht in der versprochenen Form erreicht. Musk verdient also auch mit gut inszenierten Hypes, Schlagzeilen und Erwartungen Geld.

Welches Ziel verfolgt er damit?

Er erzeugt das Bild eines Visionärs, der alles umsetzen kann. Im Februar 2018 ließ Musk mit dem ersten Testflug der Falcon Heavy einen roten Tesla mit einer Astronautenpuppe ins All schießen. Das war eine spektakuläre, medienwirksame Inszenierung. Solche Bilder bleiben im Kopf und vermitteln vielen Menschen den Eindruck, dass ein Unternehmen alles erreichen kann. Das kann wiederum Investitionen und Aktienkäufe begünstigen. Aus dieser Perspektive kann es ökonomisch also durchaus sinnvoll sein, immer wieder große Ankündigungen zu machen.

Musk hat sich mit seinem politischen Engagement als Leiter von DOGE in der Regierung von Donald Trump zuletzt viel Kritik eingehandelt. Geht es ihm jetzt auch darum, Teslas Image aufzupolieren?

Ganz sicher geht es auch darum, wieder positive Schlagzeilen zu erzeugen und die Aufmerksamkeit der Medien zurückzugewinnen. Und das ist ihm mit der aktuellen Ankündigung gelungen. Die ganze Welt redet über ihn. Ein besseres Marketing kann man sich kaum vorstellen.

Über RiffReporter

Dieser Beitrag stammt vom Journalismusportal RiffReporter. Auf riffreporter.de berichten rund 100 unabhängige JournalistInnen gemeinsam zu Aktuellem und Hintergründen. Die RiffReporter wurden für ihr Angebot mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Verwendete Quellen

Profil von Volker Quaschning bei LinkedIn

Oxfam: Billionaire wealth jumps three times faster in 2025 to highest peak ever, sparking dangerous political inequality

Investing.com: Tesla's electric pickup breaks the mould with angular design and armored glass

Yahoo Finance: Tesla says self-driving hardware to be built into all its cars

© RiffReporter

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