Eltern und Schulen rebellieren gegen Smartphones und Bayerns Tablet-Pflicht
tz Bayern „Das ist doch unfassbar“: Eltern und Schulen rebellieren gegen Smartphones und Bayerns Tablet-Pflicht Von: Dirk Walter Uns auf Google folgen Am Gymnasium Herrsching findet zum Schulljahresende eine Initiative gegen Smartphones großes Interesse. In Brannenburg kämpft eine Mutter gegen den Tablet-Zwang. Brannenburg/Herrsching – Ipad, IT, KI – nicht alle Eltern sind der Meinung, dass der rasante technologische Fortschritt sofort auch in den Klassenzimmern Einzug halten muss. Zwei unabhängig voneinander entstandene Initiativen zeigen verbreitete Skepsis. In Brannenburg (Kreis Rosenheim) kämpft eine Mutter mit einer Petition gegen den Tablet-Zwang im Unterricht. Und in Herrsching (Kreis Starnberg) wird das Gymnasium zum Ende des Schuljahrs mit Anmeldungen für neu angebotene „smartphonefreie“ fünfte Klassen überrannt. Eltern in Bayern wehren sich gegen „iPad-Zwang“ an Schulen „Ende des iPad-Zwangs an Bayerns Schulen“, lautet der Titel einer Unterschriftenaktion, die Elisabeth Soldner auf der Plattform Open Petition gestartet hat. Die Mutter zweier Söhne ist schwer genervt von der bayerischen Pflicht zum Kauf von Tablets für die Achtklässler. Das ist seit 2025 Vorschrift. Für Elisabeth Soldner gibt es einen Haufen Gründe, mit der Tablet-Einführung länger zu warten, vielleicht bis zur 10. oder 11. Klasse. Dabei hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den Tablet-Zwang eh schon hinausgeschoben. Der ursprüngliche Plan war, dass sich Schüler aller weiterführenden Schulen schon ab der 5. Klasse ein Tablet kaufen müssen. An der Realschule im Landkreis Rosenheim, die Elisabeth Soldners jüngerer Sohn besucht, wurde das iPad schon im zweiten Halbjahr der 7. Klasse eingeführt. Seitdem beobachtet sie, dass die Schulleistungen des Teenagers nachlassen. Ein Grund, nach ihrer Annahme: Trotz aller Bemühungen der Schule, die iPads nur für schulische Zwecke zu konfigurieren und freies Surfen im Netz mit allerlei Sperren zu unterbinden, „finden Kinder immer einen Weg, das zu umgehen“. Leider auch der eigene Sohn, seufzt sie. Sogar im Unterricht würde der beliebte Dauerbrenner Minecraft gespielt. „Lehrkräfte müssen wertvolle Unterrichtszeit für die digitale Überwachung aufwenden, statt zu unterrichten“, schreibt Elisabeth Soldner im Petitionstext. Weitere Gründe gegen die iPads: Es gebe „wissenschaftlich bewiesene Qualitätsverluste beim Lernen“ – live zu beobachten auch im Hause Soldner: Seitdem der Sohn auf dem iPad mit einem speziellen Stift (Apple Pencil) schreiben müsse, habe sich sein Schriftbild („Gekritzel“) definitiv verschlechtert. Zum Teil beruft sich die Mutter auf den Augsburger Pädagogik-Professor Klaus Zierer, der die Petition unterstützt. Sie sei aber unabhängig von ihm entstanden. Zierer ist ein bekannter Skeptiker der Hightech-Hochrüstung von Schulen. Er nennt es „Digitalisierungswahn“. Wahrscheinlich wird er daher auch eine Initiative begrüßen, die das Gymnasium Herrsching gestartet hat: smartphonefreie fünfte Klassen. „Wir haben enorm viele Anmeldungen“, berichtet die stellvertretende Schulleiterin Claudia Wolff-Lieser. Ursprünglich sollte eine Klasse eingerichtet werden. Jetzt wird eine Klasse sowie jeweils eine Gruppe in den drei weiteren fünften Klassen „smartphonefrei“. Das bedeutet: Eltern unterschreiben eine Erklärung, dass sie ihrem Fünftklässler kein Smartphone, Smartglasses oder eine Apple-Watch kaufen. Das Verbot gilt auch für die Freizeit. TikTok auf dem Gerät des besten Freundes geht nicht, wie immer man das auch kontrolliert. Es gibt nur zwei Ausnahmen: Zugelassen ist eine Kinder-Smartwatch, die nur Grundfunktionen enthält, aber ohne Internet-Zugang. Oder aber das gute Uralt-Tastenhandy, das manche Senioren lieben. „Das Argument, ich kann mein Kind ja nicht erreichen, ist damit vom Tisch“, findet Wolff-Lieser. Auch die Vize-Schulchefin führt etliche Gründe für den Versuch an, so etwa, dass nach Studien schon 13-Jährige eine durchschnittliche Medienzeit von bis zu vier Stunden erreichten. „Das ist doch unfassbar.“ Herrsching steht nicht allein: Das Max-Mannheimer-Gymnasium in Grafing (Kreis Ebersberg) startet ebenfalls mit einer smartphonefreien 5. Klasse, wie die Schule auf Anfrage bestätigt. Bei der Präsentation im Frühjahr war Schulleiterin Nicole Storz skeptisch, ob es genügend Interessenten gibt. „Ich fände es schön, wenn wir unseren Kindern noch ein bisschen mehr Zeit geben könnten, Kinder zu sein“, hatte sie für das Experiment geworben. Im Herbst beginnt jetzt der Ernstfall – ein Schülerleben ganz ohne Smartphone.