EM: Jens Voigt im Interview über den Sieg von Remco Evenepoel und die richtige Entscheidung von Tadej Pogacar
Rad-EM: Jens Voigt im Interview über den Sieg von Remco Evenepoel und die richtige Entscheidung von Tadej Pogacar
Von Niklas Bien
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Remco Evenepoel hat sein Trophäenkabinett mit dem Straßen-Titel bei der Europameisterschaft am Sonntag noch einmal erweitert. Dafür brauchte der Belgier allerdings nicht nur ein Fotofinish, sondern auch eine Aufholjagd. Jens Voigt ordnet den Titel im Exklusiv-Interview mit Eurosport.de ein und erklärt, was Michael Schumacher, Boris Becker und Tadej Pogacar, der das Rennen auslassen musste, eint.
Es war das knappste Rennen der Saison: Winzige 0,00028 Sekunden trennten Remco Evenepoel und Giulio Ciccone im Ziel der Rad-EM, lange mussten die beiden auf die Verkündung des Ergebnisses warten.
Dann erst stand fest, dass der Belgier sich jenen Titel geholt hatte, der in seiner Gold-Sammlung noch fehlte, während der Italiener einen weiteren zweiten Platz in dieser Saison verdauen musste.
Die Titelkämpfe in der Heimat von Tadej Pogacar konnte der slowenische Superstar nur als Zuschauer genießen – auch, wenn er "extrem heiß" auf einen Start gewesen wäre.
Für Eurosport-Experte Jens Voigt war der Verzicht dennoch die richtige Entscheidung. "Wenn Tadej gefahren wäre, um den Leuten zuzuwinken und dann nach 100 Kilometern auszusteigen, hätten sie eventuell einen wichtigen Startplatz verschenkt", betonte der 55-Jährige.
Kritik nach EM-Straßenrennen: "Zusammenarbeit war schrecklich"
Neben der Pogacar-Situation hat Experte Voigt mit Eurosport.de über den entscheidenden Fehler von Ciccone, die Erfolge von Evenepoel und die Aussichten auf deutsche WM- und EM-Medaillen gesprochen.
Das EM-Straßenrennen war wild und der Sieg für Remco Evenepoel erst nach einer Millimeterentscheidung per Fotofinish klar. Gibt es aus deiner Sicht eine Schwelle, ab der es angemessener wäre, zwei Goldmedaillen zu vergeben?
Jens Voigt: Es gab am Ende ja die zwei bis drei Millimeter, die den Unterschied gemacht haben. Man könnte jetzt sagen: "Alles, was weniger als eine halbe Reifenstärke ist, ist gleich." Die Leute und der Veranstalter wollen aber einen Sieger sehen. Es war herzzerreißend zu sehen, wie Giulio Ciccone gehofft hat. Er hat verloren, weil sein Tigersprung weniger perfekt war. Remco schmeißt das Rad so weit nach vorne, wie es irgendwie geht. Die Arme von Ciccone sind im entscheidenden Moment senkrecht nach unten – er hat seinen Tigersprung zu spät angesetzt.
Was hätten beide im Vorfeld schon besser machen können, um dieses enge Finish zu vermeiden?
Voigt: Remco hätte vor allem nicht stürzen sollen, dann wäre er da vielleicht schon weg gewesen. Als er danach direkt wieder attackiert hat, hätte er den Panikmodus kurz ausschalten sollen. Er hatte noch zwei Mannschaftskameraden dabei, die das Flachstück hätten fahren können. Dann wäre er frischer gewesen, hätte am letzten Berg mit mehr Punch attackieren und sich allein absetzen können. Das erfordert den Mut und die Kaltblütigkeit, sich zuzutrauen, den Gegner am letzten Berg abzuhängen.
Und Ciccone?
Voigt: Als Remco gestürzt ist, wusste Ciccone, dass er keine 30 Kilometer im Solo schafft und sich nicht allein gegen drei Belgier durchsetzen kann. Deswegen hatte er wenige Möglichkeiten. Am Berg war er gut genug, um mitzuhalten, aber nicht, um sich abzusetzen. Beide waren ein bisschen darin gefangen, dass sie am Berg gleich stark waren. Sie hätten in der Abfahrt mehr Risiko gehen können, das sichere Podium will aber keiner herschenken – deswegen hat keiner eine verrückte Maßnahme gestartet.
Evenepoel hat in der Zweiergruppe die meiste Arbeit gemacht, Ciccone war vor allem am Hinterrad des Belgiers. Wie wird eine solche Aktion in Fahrerkreisen aufgefasst?
Voigt: In so einem Fall ist das verständlich. Remco ist der große Favorit und hat mehr Druck. Ciccone kann argumentieren, dass er auf seinen Teamkollegen Christian Scaroni wartet, der hinter den beiden gefahren ist. Zumal Remco auch hätte sagen können, dass er ebenfalls nicht weiter anfährt.
Du hast zuletzt von der ”Verzwergung” großer Leistungen im Schatten von Tadej Pogacar gesprochen. Evenepoel hat mit dem neuen Titel nun bei EM, WM und Olympia jeweils Zeitfahren und Straßenrennen gewonnen. Wie sind diese Erfolge einzuordnen?
Voigt: Ein Titel ist ein Titel. Auch der nationale Titel ist bei Konkurrenten wie Victor Campenaerts oder Wout van Aert nicht einfach zu holen. Wenn man es genau nimmt, hat er mit all diesen Titeln ein Alleinstellungsmerkmal: Weder Eddy Merckx noch der große Tadej Pogacar haben das vorher geschafft. Remco ist ein begnadeter Sportler – und er ist immer gut für Drama. Er rudert mit den Armen, fordert Ciccone auf, mitzufahren, redet mit dem eigenen Auto, redet mit dem italienischen Auto. Er hat einen hohen Unterhaltungswert und ist ein großartiger Rennfahrer, da kann man nichts kleinreden.
Pogacar-Start? "Hätte Neider auf den Plan gerufen"
Tadej Pogacar ist nicht angetreten. Er hatte zuvor erklärt, dass seine Form ”wirklich schlecht” sei. Wäre es sinnvoll gewesen, trotzdem teilzunehmen, um sich den Fans zu zeigen und als Edelhelfer zu fungieren?
Voigt: Das ist so, als hätte man damals Michael Schumacher gefragt, ob er als Mechaniker in der Box stehen kann oder ob Boris Becker nach seinem Wimbledonsieg als Balljunge auftreten würde. Superstars denken und funktionieren etwas anders als wir normalen Leute – das macht sie zu Superstars. Die Slowenen hatten mit dem jungen Jakob Omrzel und Altmeister Primoz Roglic zudem auch ein sehr leistungsfähiges Team. Wenn Tadej gefahren wäre, um den Leuten zuzuwinken und dann nach 100 Kilometern auszusteigen, hätten sie eventuell einen wichtigen Startplatz verschenkt. Das hätte viele Neider und Nein-Sager auf den Plan gerufen. Dass er in Zivil da war, war die beste Lösung.
Mit Emil Herzog auf Platz sieben war auch ein Deutscher vorne mit dabei. Er hat danach durchblicken lassen, dass sogar noch mehr drin gewesen wäre: Hättest du ihm eine Medaille zugetraut?
Voigt: Der siebte Platz bei diesem schwierigen Rennen war eine sehr gute Leistung. Der Viertplatzierte Toms Skujins hat gesagt, dass mit einer anderen Taktik in der Verfolgergruppe mehr drin gewesen wäre. Das hätte auch für Emil gegolten. Vielleicht machst du eine Glücksattacke, erwischst Ciccone und Evenepoel auf dem falschen Fuß und bist plötzlich Europameister. Mit ein bisschen Glück wäre mehr drin gewesen. Wir haben aber keinen Fahrer, der einen Podiumsplatz erzwingen kann.
Könnte sich das in den kommenden Jahren ändern?
Voigt: So schwer es mir fällt, das zu sagen, aber wir müssen uns an eine neue Bescheidenheit gewöhnen. Ich sehe in den kommenden drei bis fünf Jahren bei WM und EM keine Medaillenchance für deutsche Fahrer. Wir haben so viele tolle, solide Fahrer, die in ihren Mannschaften geachtet und beliebt sind. Aber wir haben keinen Killerkandidaten, wie Paul Seixas oder Evenepoel, bei dem du sagen kannst: "Den schleppen wir auf die letzten zehn Kilometer und den Rest macht er alleine".
So ordnet Voigt den Sieg von Jasch in Malaysia ein
Abschließend noch einmal der Blick von der EM weg: Lennart Jasch hat am selben Tag den Sieg bei der schweren achttägigen Rundfahrt Tour de Langkawi in Malaysia geholt und sein starkes Jahr gekrönt. Was können wir von ihm noch erwarten?
Voigt: Ich bin 1997 dort Zweiter geworden. Dort gab und gibt es die Genting Highlands – das ist ein hammerharter Berg. Ich bin damals mit 10 km/h im Schnitt gefahren. Wer sich – wie Lennart Jasch – dort behaupten kann, ist ein guter Fahrer. Es ist eine tolle Sache, dass für die Rundfahrten Nachwuchs kommt.
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