EM-Zehnkampf: Leo Neugebauer trotzt Skandal im Stabhochsprung
Der Kampfrichter-Skandal ereignete sich bei der Höhe von 4,80 Metern. Neugebauer und andere Athleten seiner Gruppe A überquerten sie, doch sie fanden sich einige Minuten später mit ihren Trainern und den Offiziellen vor der Tribüne wieder. Dort wurden sie darüber informiert, dass die Latte zehn Zentimeter zu tief gelegen hatte. Die erfolgreichen Versuche wurden annulliert, Neugebauer und Co. mussten nochmal ran. Doch damit war die schreckliche Geschichte nicht vorbei. Neugebauer präsentiert sich wie ein Champion Bei seinem Wiederholungsversuch sprang der 26-Jährige vermeintlich zu kurz, er verfehlte sogar beinahe die Matte. Und: Er kam mit der Wade unglücklich auf und tat sich etwas weh. Der Hammer kam aber wieder im Nachgang: Die Kampfrichter hatten die Abstände der Stangen auf der Sprunglage, die individuell an jeden Athleten angepasst werden, falsch eingestellt. Das erklärte die Kürze im Neugebauer-Sprung und schadete ihm schon wieder. Der Olympia-Zweite diskutierte wie auch der Franzose Makensson Gletty, dem die gleichen Ungerechtigkeiten widerfahren waren, mit den Kampfrichtern. Sie protestierten und bekamen noch einen Extraversuch - den schaffte Gletty nicht, Neugebauer dagegen nahm die Schreckenshöhe von 4,80 Meter. Diesmal unter Vorbehalt, nach einigen Minuten erklärten die Kampfrichter den Versuch endlich für gültig. Und er legte sogar nach und nahm 4,90 Meter im ersten Versuch. Was eine Leistung nach dem Hickhack! "Das war echt verrückt, das habe ich noch nie erlebt, wie sich alle streiten. Man hört so viele Sachen von links und rechts, und in dem ganzen Tumult muss man noch fokussiert bleiben. Am Ende ist es nochmal gut gegangen. Das hat definitiv Kraft gekostet, aber jetzt abhaken und dann Speerwerfen", sagte der deutsche Rekordhalter. Kaul glänzt auch im Stabhochsprung In die vorletzte Disziplin geht er mit komfortablem Vorsprung als Spitzenreiter. Nach acht von zehn Disziplinen hat Neugebauer 7181 Punkte auf dem Konto, hinter ihm folgt nun Sander Skotheim (Norwegen/5,00 Meter) mit einem Rückstand von 248 Zählern, Jeff Tesselaar (Niederlande) hat weiter eingebüßt und liegt jetzt 286 Zähler hinter Neugebauer. Doch dahinter folgt der wohl größte Konkurrent um Gold für den Stuttgarter. Denn fernab der Querelen führte Kaul seinen außergewöhnlich guten Wettkampf fort. Neugebauers Teamkollege hatte das Glück, dass er in einer anderen Gruppe auf der Nebenanlage startete und so verschont blieb von den Fehlern der Kampfrichter. Das Ergebnis war der nächste starke Auftritt von Kaul mit überquerten 4,90 Metern. Damit rückte der Weltmeister von 2019 vor seiner Paradedisziplin, dem Speerwurf (ab 19.35 Uhr), mit 6823 Punkten - also 348 Zähler weniger als Neugebauer - auf Rang vier vor. Doch auch bei Kaul gab es ein Problem, das einer Leichtathletik-EM nicht würdig ist. Er musste länger als nötig auf seine Versuche über 5,00 Meter warten, weil die Latte, die beschädigt worden war, ausgetauscht werden musste und nicht sofort Ersatz da war. "Das hat mir ganz schön den Stecker gezogen", sagte der Mainzer. Gut, dass es bei ihm so spät war und gut, dass es nicht Neugebauer zuvor genauso ergangen war. Zweiter EM-Rekord für Neugebauer, Kaul weiter stark Wie schon am ersten Tag war der Topfavorit etwas schleppend in die "zweite Halbzeit" gestartet. 14,94 Sekunden über 110 Meter Hürden kosteten Neugebauer einige Punkte, doch seine Reaktion war wieder die eines Champions. Mit 54,31 Metern legte er im Diskus seinen zweiten EM-Rekord des Wettbewerbs nach und ging erneut mit einem komfortablen Vorsprung in den Stabhochsprung. Ähnlich deckungsgleich im Vergleich zum Mittwoch war auch die Leistung von Kaul, denn er begann den finalen Tag mit zwei weiteren Saisonbestleistungen - dank 48,88 Metern im Diskuswurf rückte er auf Rang sechs vor, zuvor hatte er seine Position mit 14,73 Sekunden im Hürdensprint weiter verbessert. Nach dem Stabhochsprung folgt seine Paradedisziplin mit dem Speerwurf, über 1500 Meter gehört Kaul auch zu den Besten. Gräber zeigte seine Stabhochsprung-Klasse Fernab der Medaillenkämpfe scheint die Sonne in Birmingham auch weiter für Amadeus Gräber. Der Youngster, der am ersten Tag schon so viel Spaß gemacht hatte, ist ein Stabhochsprung-Spezialist und zeigte das auch bei seiner EM-Premiere. Obwohl auch der 21-Jährige die 4,80 Meter wegen der falsch positionierten Latte zweimal springen musste, war er mit 5,10 Metern bester Zehnkämpfer. Zuvor hatte der 21-Jährige den Tag mit 43,44 Metern mit dem Diskus und 14,74 Sekunden über die Hürden begonnen - das bedeutet nach acht Disziplinen Rang sieben. Davor hatte sich die Konkurrenz für Neugebauer und Kaul noch weiter ausgedünnt. Titelverteidiger Johannes Erm brach den Wettkampf wegen einer Knieverletzung ab, nach dem abschließenden 400-Meter-Lauf des ersten Tages war der Este bereits im Zieleinlauf gehumpelt. Top-Zehnkämpfer Simon Ehammer (Schweiz) hatte sich vorher entschieden, nur im Weitsprung, wo er Silber holte, an den Start zu gehen, auch der norwegische Olympiasieger Markus Rooth ist nicht dabei.